ArbeitsweltLebenslanges Lernen: Der Sprung Ihres Lebens

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Ein solcher Prozess läuft etwa gerade in der großen Finanzabteilung der Post in Köln. Dort bearbeiten Mitarbeiter Rechnungsrückläufe oder Adressänderungen. Vieles davon sind standardisierte Prozesse, die nun nach und nach automatisiert werden. Als Blaupause für einen Wandel gilt im Konzern die Einführung der Sortieranlagen im Brief- und Paketbereich vor 20 Jahren. Für viele Arbeiter fielen einfache Routinearbeiten weg. Dafür musste für die riesigen Industrieanlagen Ingenieurswissen ins Haus geholt werden. „Heute sind wir in Deutschland einer der größten Arbeitgeber für Mechatroniker“, sagt Ogilvie.

Das sind neue, anspruchsvolle Jobs. Aber auch die bestehende Mannschaft braucht Perspektiven, etwa die Brief- und Paketzusteller, die spätestens mit Mitte 50, Anfang 60 auch an körperliche Grenzen stoßen. „Bei denen müssen wir vor allem auf eine lebenslange Beschäftigungsfähigkeit achten“, sagt Ogilvie. Die Post bietet für sie Umschulungen an, etwa zu Berufskraftfahrern. Ogilvie glaubt allerdings, dass es nicht reicht, nur innerhalb eines Konzerns solche Initiativen zur Weiterbildung zu starten.

„Es gibt schließlich auch ein volkswirtschaftliches Interesse an lebenslangem Lernen“, sagt er. Er sieht nicht nur die einzelnen Unternehmen in der Pflicht, sondern auch ganze Branchen und die öffentliche Hand. „Wir müssen grundlegend überlegen, wie der Staat sich über den klassischen Weg von Schule über Ausbildung bis Studium hinaus besser einbringen kann – bei der Qualifizierung während der aktiven Berufszeit.“

Private Anbieter wittern im lebenslangen Bildungsmarkt längst ein lukratives Geschäft, etwa Sebastian Thrun, der unter anderem für Google das selbstfahrende Auto entwickelte. Er hat mit zwei Partnern die US-Online-Akademie Udacity gegründet, die im Netz Kurse und Vorlesungen vor allem zu IT-Themen anbietet. „Für mich ist ganz klar, dass in Zukunft Ausbilder existieren müssen, die den Menschen ein ganzes Leben lang an die Hand nehmen“, sagt Thrun.

Gemeinsam mit dem Gesellschafter Bertelsmann (zu dem auch der Verlag Gruner +Jahr gehört, in dem Capital erscheint) rollt Udacity das Programm mittlerweile auch in Deutschland aus. „Es gibt eine Menge junger Leute, die etwas studiert haben, womit man einfach keinen Job findet“, sagt Thrun. Die könne er mit seinen Kursen, die einige Monate dauern, schnell zum Informatiker oder Programmierer ausbilden.

Das Programmieren-Lernen ist ein gern gewähltes Beispiel – aber es führt auch in die Irre, sagt Hannes Schröter vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung: „Die Diskussion, dass viele Jobs künftig durch die Digitalisierung wegfallen, vermittelt den Eindruck, dass Expertisen, die vorher gesammelt wurden, nichts mehr wert seien – und völlig neue Fähigkeiten gebraucht würden.“

Er glaubt jedoch nicht an einen so radikalen Bruch: „Es wird sehr viel mehr graduelle Veränderungen geben.“ Das heißt für den Einzelnen: Wir müssen nicht unsere Ausbildungen und Erwerbsbiografien völlig über den Haufen werfen. Wir müssen uns nur öffnen – und bereit sein, Neues auszuprobieren.

Für Claudia Niederwieser von der Allianz ist die größte Herausforderung beim Thema lebenslanges Lernen denn auch keine fachliche – sondern: die Haltung ihrer Mitarbeiter zu verändern. „Wir sollten uns nicht gekränkt fühlen, wenn Kunden auch unsere digitalen Services nutzen“, sagt die Südtirolerin. „Der Kunde entscheidet, wann und wie er mit uns in Kontakt treten möchte.“ Doch vielen Menschen fällt genau das schwer: sich von Routinen zu verabschieden, auf Neues einzulassen.

Lange konnten wir davon ausgehen, dass nach Ausbildung oder Studium unser Bildungsprogramm praktisch abgeschlossen war. Danach weiter zu lernen klingt nicht nur anstrengend – „viele sind durch Familie oder finanzielle Verpflichtungen in späteren Lebensphasen weniger frei in ihren Entscheidungen und weniger risikobereit“, sagt Sarah Widany, ebenfalls vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung.

Ihr Kollege Hannes Schröter sieht einen weiteren häufigen Grund für die Hemmung, sich mit dem Weiterlernen zu beschäftigen: innere Barrieren wie Versagensängste. „Viele fürchten, dem äußeren Druck und dem eigenen Anspruch nicht gerecht zu werden und neue Aufgaben möglicherweise nicht bewältigen zu können.“ Die Angst lässt sich nicht einfach per Hebel abstellen. Aber die Mechanismen dahinter zu verstehen hilft.

Was die Beschäftigung mit dem lebenslangen Lernen für viele ebenfalls unangenehm macht: Es ist so wahnsinnig unübersichtlich. Was soll man überhaupt lernen? Wann? Von wem finanziert? Und wer bringt es einem bei? Allein der Markt an Weiterbildungsanbietern ist so groß, dass er einen leicht einschüchtern kann.

Und so wenig, wie sich Erwerbsbiografien gleichen, so wenig gibt es eine allgemeingültige Antwort darauf, wie lebenslanges Lernen für jeden Einzelnen aussieht. Was allerdings hilft: sich am Beispiel anderer zu orientieren – und sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. Capital hat im Folgenden beides zusammengetragen.