Business as usualKonflikte unter Mitarbeitern haben häufig tiefere Ursachen

Eine Frau und ein Mann streiten
Streit unter Kollegendpa

Aleksej ist ein baumlanger Typ Anfang 30, sehr zurückhaltend und doch von spürbarer Präsenz. Es passiert nicht selten, dass sich Menschen von ihm eingeschüchtert fühlen. Seit fünf Jahren verantwortet er bei einem Fintech-Start-up in leitender Funktion das Produkt und die technische Entwicklung. Aleksej wäre vermutlich längst in der Geschäftsführung – wenn es nicht immer wieder Schwierigkeiten im Umgang mit ihm gäbe.

Das Problem: Aleksej ist signifikant schlauer als der Rest des Führungsteams, lässt das die anderen Abteilungsleiter aber auch deutlich spüren. Er arbeitet viel, ist immer top vorbereitet und hat meist die Lösung, bevor die anderen das Problem verstanden haben. Seine eigenen Teammitarbeiter bewundern ihn dafür – doch auf Managementebene nervt er seine Kollegen zunehmend.

Cover der neuen Capital
Cover der neuen Capital

Eines Tages eskalierte die Lage. Sasha, erst seit ein paar Monaten im Unternehmen, platzte der Kragen, als Aleksej wieder mal einen abwertenden Kommentar in ihre Richtung abgab. Sie stand auf und erklärte, dass sie die überhebliche Art des Kollegen nicht mehr ertrage. An die beiden Geschäftsführer gerichtet fügte sie hinzu, sie werde bald nicht mehr Teil des Teams sein, wenn sie „Aleksej nicht in den Griff kriegen“.

Ich kam ins Spiel, um bei diesem Konflikt zu helfen. Die Geschäftsführer gestanden, dass sie Sashas Reaktion nur zu gut verstanden. Sie selbst seien über die Jahre „irgendwie abgestumpft“ und hätten nicht gewusst, wie sie das Thema angehen sollten. Aleksej sei zu wichtig für das Unternehmen, um ihn durch eine Konfrontation zu verlieren.

Die Spitze des Eisberg

In den folgenden Gesprächen fanden wir gemeinsam heraus, dass Aleksej nie wirklich im Managementteam angekommen war. Immer hatte er das Gefühl, nur wegen seiner Leistung, aber nicht persönlich akzeptiert zu werden. Er arbeitete hart für das Unternehmen, war jedoch zunehmend gekränkt und enttäuscht, weil er keine Anerkennung spürte. Seinem Frust machte er mit immer aggressiveren Kommentaren Luft.

Wichtig für alle war zu erkennen, dass Sasha mit ihrem Ausbruch stellvertretend für das Team reagiert und zu Recht darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die beiden Geschäftsführer Aleksejs Art zu lange toleriert hatten. Danach war das Problem schnell gelöst. Aleksej gestand seinen Kollegen, wie sehr er sich wünschte, Teil des Teams zu sein – und entschuldigte sich sehr aufrichtig für seine toxischen Kommentare.

Diese Geschichte zeigt deutlich den Unterschied zwischen Symptom und Ursache: Was nach einem akuten Konflikt zwischen zwei Teammitgliedern aussieht, ist in Wirklichkeit die Auswirkung eines Problems, dessen Ursprung Jahre zurückliegt – und das sich am Ende zum Glück mit wenigen ehrlichen Gesprächen in Luft auflösen ließ.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt.