Jobsuche„Könnte pünktlicher sein“: Warum nicht mal brutal ehrlich bewerben?

Wie erfolgreich ist man mit einer brutal ehrlichen Bewerbung? IMAGO / Westend61

Manche Menschen waren nie im Leben so unaufrichtig wie im Bewerbungsschreiben. Da wird geschmeichelt und gelogen, dass sich die Balken biegen. Schuld haben vermutlich irgendwie alle Beteiligten: Bewerber, die – auch getrieben von Zukunftsängsten – jedem potenziellen Arbeitgeber das Gefühl vermitteln wollen, mit ihnen den Volltreffer zu landen; Personaler, die Bewerbungen zunächst nach Stichworten (belastbar, Teamplayer, Marktführer) scannen und damit letztlich nichtssagende Phrasendrescherei belohnen. Es kann aber auch anders funktionieren. Das hat ein New Yorker Werbefachmann mit einer brutal ehrlichen Bewerbung gezeigt.

Schwächen in der Bewerbung offenbaren

Jeff Scardino hatte vor einigen Jahren mit einem Experiment für Aufsehen gesorgt. Er bewarb sich nach eigener Darstellung bei denselben zehn Firmen unter zwei verschiedenen Namen: einmal mit einem konventionellen Lebenslauf und einmal mit einem Lebenslauf, der neben Stärken auch ungefragt die Schwächen des Kandidaten auflistete. Das Meiste war eher amüsant und für die aktuelle Stelle kaum relevant. So kokettierte der Bewerber zum Beispiel mit dem seit Jahren unvollendeten Buchprojekt oder der gescheiterten Laufbahn als Radio-DJ.

Der Kreativdirektor gestand in seinem „relevanten Lebenslauf“, wie er das Projekt nannte, aber auch echte Schwachpunkte ein. „Könnte pünktlicher sein“, meinte er in der Rubrik „mangelnde Fähigkeiten“ und gab zu, in Meetings häufig lieber zu kritzeln anstatt sich Notizen zu machen. Um das Ganze zu untermauern, listete Scardino auch noch drei „schlechte Referenzen“ auf, bei denen sich Interessenten angeblich die negativen Eigenschaften des Bewerbers bestätigen lassen konnten.

Ehrliche Bewerbung führt zum Erfolg

Das soziale Experiment war laut dem New Yorker ein voller Erfolg. Auf seine reguläre Bewerbung bekam er nur eine Rückmeldung, auf die brutal ehrliche meldeten sich hingegen acht der zehn Unternehmen, wie er in einem Artikel auf „Medium.com“ schilderte. Scardino fand es besonders bezeichnend, dass die HR-Manager den Witz natürlich durchschaut hatten, ihn aber trotzdem – oder gerade deshalb – kennenlernen wollten. Denn die Neugierde auf den unkonventionellen Kandidaten war geweckt. „Das hat es mir ermöglicht, einen Dialog zu beginnen und zu erklären, was ich tue“, schrieb er.

In der Kreativbranche ist ein solcher Ansatz natürlich eher von Erfolg gekrönt als in eher konservativen Wirtschaftszweigen. Aber es muss ja auch nicht gleich so extrem sein. Ehrlichkeit und Individualität sind laut Experten grundsätzlich ein gutes Mittel, um aus der Masse der „Teamfähigkeit rundet mein Profil ab“-Bewerbungen herauszustechen. Jens Petersen, Partner bei der Beratungsgesellschaft Ebner Stolz, verdreht nach eigenem Bekunden nach einigen hundert Bewerbungsgesprächen bei Phrasen mittlerweile „innerlich die Augen“. Ihn störe vor allem „allgemeines Blabla, Oberflächlichkeit und nicht authentisches Verhalten im Gespräch“, sagte er in einem Online-Ratgeber der Jobplattform Staufenbiel Institut.

 


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