Business-KniggeHände in Hosentaschen: Darf man das?

Droschke und Gehstock gehören der Vergangenheit an. Gilt das vielleicht nicht langsam auch für das Gebot, dass Hände in die Hosentaschen gegen gute Sitten verstoßen? Dieser Meinung war vermutlich Ex-US-Präsident Barack Obama. Der einst mächtigste Mann der Welt zeigte sich in der Öffentlichkeit häufiger mit einer Hand in der Hosentasche. Was für Obama okay ist, sollte doch auch in deutschen Büros machbar sein? Nicht unbedingt, findet der Knigge.

Knigge: Der Chef entscheidet

„Mein Vorgesetzter hat mich darauf angesprochen, dass es einen schlechten Eindruck macht, wenn man seine Hände in die Hosentaschen steckt“, hieß es in einem Leserbrief an die Experten von Knigge.de. Der Fragesteller kannte diese Regel „nur aus älteren Filmen“ und wollte wissen, ob sie tatsächlich noch gilt. Nach Ansicht der Knigge-Experten obliegt es dem Vorgesetzten, das Image seines Unternehmens zu bestimmen. „Ob dafür die Hände in den Taschen bleiben dürfen oder nicht, hängt davon ab, was nach Auffassung des Hauses die Klientel erwarten darf. Danach werden Sie sich richten müssen“, lautete die Antwort. Die Benimmexperten fügten hinzu: „So ganz altmodisch wie Sie meinen, ist diese Regel übrigens nicht beziehungsweise nicht mehr. Formen sind heutzutage wieder gefragt.“

Aber Obama macht es doch auch? Ein Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ attestierte dem sonst „vollendeten Gentleman“ erbost die „Verletzung elementarer Höflichkeitsregeln“: „Auch Barack Obama hat, wie neulich im Fernsehen zu beobachten war, die Gewohnheit angenommen, eine Hand in der Hosentasche zu behalten, während er mit der anderen Hand jemanden begrüßt.“ Das schmerze, schrieb Jens Jessen 2009. Er befand, dieser demonstrativen Entspanntheit wohne immer Unhöflichkeit inne. „Der Mann, der sich beim Reden auf diese Weise entspannt, wirkt nicht lässig, sondern verächtlich. Er will sich nicht zusammenreißen, weil er es vor Kindern, Untergebenen, unmündigem Volk nicht für nötig hält, sich zusammenzureißen“, urteilte der Journalist angesichts von Auftritten des einstigen Bundeskanzlers Gerhard Schröder vor dem Bundestag.

Geste unter Gleichen

In den Leserkommentaren regte sich gerade mit Blick auf Obama viel Kritik an diesem Urteil. Tatsächlich ließe sich argumentieren, dass aus dem einstigen Symbol von Überheblichkeit mittlerweile eine Geste der Verbundenheit und Ebenbürtigkeit geworden ist. Womöglich wollte Obama signalisieren: Ich bin nicht besser als Sie, deshalb darf ich mich derart leger gebärden. Ein Vorgesetzter könnte auf diese Weise versuchen, einem Angestellten im Vieraugengespräch die Befangenheit nehmen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass Lässigkeit in der Hierarchie am besten von oben nach unten funktioniert. Bei einem Treffen mit dem Papst nimmt vermutlich selbst der US-Präsident beide Hände aus den Taschen.

Bei allen beabsichtigten Botschaften: Körpersprache wird im Zweifel intuitiv gedeutet. Da fällt diese Geste tendenziell in die Kategorie „unsicher, nervös, unterlegen“. In angespannten Situationen kann die demonstrative Lässigkeit also nach hinten losgehen. Vielleicht lassen Sie sich bei unklarer Benimmlage am besten vom eigenen Gemütszustand leiten. Sie sind in diesem Moment entspannt? Die Hand darf ruhig in die Hosentasche wandern. Sie haben Grund zur Nervosität? Die Hand bleibt vorsichtshalber im Blickfeld. Es muss ja nicht gleich die Merkel-Raute sein.