Business as UsualChill mal, Alter!

Als ich Eric kennenlernte, sah er müde und fertig aus. Eric ist Schotte, ungefähr 30 und hatte lange an der Uni gearbeitet. Nach seiner Promotion erfüllte er sich einen Wunsch und suchte sich einen Job in einem jungen Start-up in Berlin. Die Kollegen sind nett und international, der Job macht Spaß. Es ist das Leben, von dem Eric geträumt hatte. Und doch wirkt er total überfordert. Es braucht ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, warum.

Ihm ist einfach alles zu viel. Er wusste sehr früh, dass er anders ist als andere. Zum einen ist er sehr intelligent und hat die Schule, das Studium und auch seine Promotion mit links gemacht. Dass ihm Dinge leichtfallen, hat er immer als Privileg empfunden. Darüber hinaus hat er extrem feine Antennen und liest das Verhalten seiner Mitmenschen aufmerksam, achtet still auf jedes Detail und denkt über alles nach. Auch das war nie ein Problem, bis jetzt.

Denn in seinem Start-up ist einfach alles laut und chaotisch. Entscheidungen werden schnell getroffen, aber genauso schnell wieder revidiert. Und nicht notwendigerweise auch kommuniziert. Stören tut das irgendwie keinen, ist halt so – chill mal, Alter. Strukturen und Prozesse? Gibt es nicht, das macht den Charme auch irgendwie aus. Nur umgehen kann Eric mit alldem nicht. Er schläft schlecht und kriegt keine Ordnung in seinen Kopf.

Mehr Klarheit und Struktur

Capital 07/2017
Die aktuelle Capital

Eric überlegte schon, den Job hinzuschmeißen. Aber das hätte sich wie aufgeben angefühlt. Stattdessen hat Eric sich gefragt, was er benötigt, um in diesem Umfeld bleiben zu können. Und obwohl es ihn unendlich viel Überwindung gekostet hat, hat er mit seinem Teamleiter geredet. Und ihm gesagt, dass er viel mehr Klarheit und Struktur braucht, um seinen Job machen zu können. Sein Teamleiter hat ihm recht gegeben.

Heute strukturieren beide gemeinsam am Anfang der Woche Erics Aufgaben, und wenn sich Dinge ändern, sagt sein Teamleiter ihm Bescheid. Bis dahin denkt Eric nicht über Eventualitäten nach. Dazu hat er angefangen, laufen zu gehen. So lange, bis sein Kopf wieder leer ist.

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Weil zwar jeder von uns weiß, dass extrovertierte und introvertierte Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse haben. Aber wir vergessen leicht, dass es den Introvertierten gerade in einer immer schneller drehenden Arbeitswelt deutlich schwerer fällt, sich Gehör zu verschaffen oder notwendige Veränderungen einzufordern. In vielen Organisationen bleibt so eine Menge Potenzial ungenutzt, das mit ein wenig Aufmerksamkeit gehoben werden kann.

Wie? Indem Sie nicht nur allen Mitarbeitern zuhören, sondern vielmehr darauf achten, dass sich alle mitteilen. Denn stille Wasser sind nicht nur tief – sie kriegen mit ihren oft feinen Antennen auch eine Menge mit, das für Sie als Führungskraft relevant ist.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


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