InterviewKarl Gernandt: Warum Disruption überbewertet wird

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Was war einer Ihrer größten Fehler in der Vergangenheit und wie haben Sie daraus gelernt?

Die eigene Überzeugung und den eigenen Veränderungswillen über den Austausch mit den betroffenen Stakeholdern zu stellen ist sicherlich ein Fehler, den ich durchaus gemacht habe. Ich habe daraus gelernt, mich vor und während eines Veränderungsprozesses mit den Positionen meiner Stakeholder besser auseinanderzusetzen und entsprechend zu kommunizieren. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Entscheidungen jederzeit nachvollziehbar bleiben und nachhaltig unterstützt werden.

Was sind momentan Ihre größten Investitionen in die Zukunft?

Digitalisierung von bereits standardisierten und automatisierten Geschäftsprozessen und datenbasierte Analytik im Bereich Planung.

Wie wird sich die Logistik in der Zukunft verändern?

Ich glaube, dass die Zeit des massiven Volumenwachstums des globalen Warenaustauschs vorbei ist und dass wir aufgrund von Änderungen im Konsumverhalten und protektionistischen Tendenzen eher wieder zu einer Regionalisierung kommen. Produkte werden vermehrt in der Region für die Region hergestellt werden. Das bedeutet für die Logistik eine Verlagerung von interkontinentalen Dienstleistungen hin zur schnell reagierenden Feindistribution innerhalb von Regionen.

Geprägt vom Null-Fehler-Ansatz

Wie sieht Ihr Bild vom Unternehmen der Zukunft aus?

Ohne Experimente werden keine neuen Kundenbedürfnisse geweckt oder neue Wege gefunden, bestehende Bedürfnisse anders zu erfüllen. Das Unternehmen der Zukunft muss daher die dafür notwendigen Freiräume schaffen. Noch viel wichtiger erscheint mir aber, dass Innovation nur gefördert wird, wenn erfolglose Versuche toleriert wie erfolgreiche Experimente gefeiert werden. In unseren auf Risikominderung optimierten Konzernen europäischer Prägung ist dies geradezu ein Antithema. Wir sind zu lange geprägt von dem Null-Fehler-Ansatz, der vor allem dazu geführt hat, dass die meisten Mitarbeitenden in einem Unternehmen sichere Routine einer Tätigkeit mit unsicherem Ausgang vorziehen.

Wer oder was inspiriert Sie und welchen Einfluss hat das auf Ihre Rolle als Führungskraft?

Mich inspirieren immer Menschen, die große Zusammenhänge erkennen und mit unerwarteten Analogien neue Wege und Räume erschliessen. Menschen, die keine Angst haben, Bestehendes aufzubrechen und die Einzelteile neu zusammenzusetzen. Dazu gehören für mich ein Steve Jobs und ein Alfred Herrhausen. Sie erinnern mich täglich daran, dass am Anfang der Adaptiveness der Mut zur Veränderung steht.