ManagementJunge Elite - Wir schaffen das

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Auch sozial kann geil sein

Mareike Geiling
Mareike Geiling, 28, hat ihr WG-Zimmer im vergangenen Jahr einem Flüchtling überlassen. Sie und ihr Mitbewohner waren von der Erfahrung so begeistert, dass sie ­daraufhin die Onlineplattform „Flüchtlinge Willkommen“ gestartet haben
© Jan Philip Welchering

Die „Junge Elite“, die Capital gefunden hat, ist unheimlich facettenreich: Es gibt neben den Talenten in Konzernen und den Gründern auch die Klimaforscherin, die monatelang durch die Antarktis tourt. Oder die erste Offizierin, die ein deutsches Kriegsschiff befehligt. Mit gerade mal 33 Jahren. Und es gibt Leute wie Mareike Geiling.

Vor wenigen Wochen, es war Anfang September, da kamen Mareike Geiling die Tränen. In ihrem E-Mail-Postfach stapelten sich Hunderte Nachrichten mit Fragen: Wie kann ich einen Flüchtling bei mir zu Hause aufnehmen? Wie kann ich helfen? Geiling fragte sich: Wie soll sie diese Flut jemals steuern? „Die kann man doch nicht einfach ignorieren oder löschen “, sagt die 28-Jährige.

Im November 2014, die Kulturwissenschaftlerin sitzt in Kairo und hat gerade ihren ersten Job als Deutschdozentin an der Universität angetreten, startet sie nebenbei mit ihrem WG-Kollegen aus Berlin die Onlineplattform „Flüchtlinge Willkommen“. Eine Art Airbnb für Geflüchtete. So beschreiben es internationale Medien wie der „Guardian“, „CNN Asia“ oder „Al Jazeera“, die sich auf das Projekt und die jungen Macher stürzen. „Unser Gedanke ist total simpel und naheliegend: Es gibt Wohnraum, und es gibt Suchende. Also bringen wir die zusammen“, sagt Geiling. Dafür haben sie eine Onlineplattform gegründet. Die Idee ist neu – und trifft den Nerv der Zeit. Als die Lage in Ungarn sich im September verschärft, schlägt die Welle der Anteilnahme über der zierlichen Rheinland-Pfälzerin zusammen.

Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Klar, konzentriert und mit unmissverständlichen Botschaften: „Die Auswirkungen dieser Flüchtlingsbewegung werden Deutschland mindestens ein Jahrzehnt beschäftigen. Die Menschen sind jetzt hier. Und so wie wir mit ihnen umgehen, wird sich ihr Verhalten auch uns gegenüber spiegeln.“

„Wir haben sehr viel bewegt“

Geiling sitzt kerzengerade auf einem einfachen Sofa inmitten eines lauten, staubigen Großraumbüros in Berlin-Kreuzberg. In Blümchenbluse, rot lackierte Fingernägel, ernster Blick. Im Hintergrund klingeln Telefone, sprechen Stimmen, klappern Tastaturen. Der Weg dorthin führt über eine Baustelle, eine Plastikplane hängt vor der Tür. In einer Ecke sitzen die Initiatoren des Flüchtlingsbootprojekts „Seawatch“, auf der anderen Seite die Macher von „Mein Grundeinkommen“. Alles soziale Non-Profit-Organisationen, oder wie Geiling sagt: „Supergeile Inis, die megaviel bewegen.“ Aber unter diesen Inis, also Initiativen, habe „Flüchtlinge Willkommen“ in diesem Jahr eine Vorreiterrolle eingenommen. „Wir haben sehr viel bewegt. Und es ist wichtig, was wir tun.“

120 Flüchtlinge hat man aus Heimen geholt und privat untergebracht. Es könnten mehr sein, mit einem besseren Finanzierungskonzept wäre der Hebel noch größer. Dabei ist schon jetzt viel zu tun: Es gibt Anfragen aus 56 Ländern von Neuseeland über Bahrain bis Südamerika, in denen Mitstreiter die Plattform ausrollen wollen. In Österreich, Spanien, Portugal und Griechenland sind sie bereits gestartet, als Nächstes stehen unter anderem Schweden, Polen und Kanada an.

Für Geiling ist auch das „völlig krass“. Geiling und ihr Partner Jonas Kakoschke haben ihr Team gerade um drei auf acht Mitarbeiter aufgestockt. Mit den 80 000 Euro Spendengeldern hoffen sie, für ein Jahr Planungssicherheit zu haben.

Geiling war auf all das nicht vorbereitet. Die Disruption in ihrem Leben hat nicht die Digitalisierung herbeigeführt – sondern ein soziales Beben: die Flüchtlingskrise. Sie hat dafür ihr Leben verändert, sie steckt in etwas drin, das vielleicht das Projekt ihres Lebens sein wird. Dabei hatte sie keine Ahnung von Asylrecht, Stiftungsgründung, PR, Finanzplanung. „Wir sind da total naiv reingegangen“, sagt sie. Aber sie lernt schnell, fand erfahrene Unterstützer, fragt, testet, steuert nach.

Und dann sagt sie wieder einen dieser Vorbildsätze, und wenn man sie hört, dann kann man stolz sein, dass es solche jungen Talente gibt: „Wir glauben an das, was wir tun. Und wir machen das einfach. Ich werde meinen Kindern und Enkelkindern einmal sagen können: ,Ich habe etwas getan.‘“

Der Beitrag erschien zuerst in Capital 12/2015. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.