ManagementJunge Elite - Wir schaffen das

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Wird denn alles anders?

Jonas Boldt
Jonas Boldt, 33, nutzt Big Data und Digitalisierung für seinen Job als Fußballmanager bei Bayer 04 Leverkusen. Er handelt die Millionentransfers für neue Spieler aus und hat sämtliche Vertrags- und Leistungsdetails auf seinem Handy
© Jan Philip Welchering

Man könnte ja meinen: Beim Fußball gelten immer noch dieselben Regeln: zwei Mannschaften, je elf Mann, ein Ball, zwei Tore. (Und am Ende gewinnen die Bayern oder die Deutschen.) Hier kann kein Start-up, das etwas mit online macht, angreifen.

Und doch schleicht sich auch hier der Wandel ein. Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Das Büro von Jonas Boldt sieht aus, als wäre er erst gestern eingezogen. Auf dem Schreibtisch steht nur ein großes Telefon. Das Einzige, was hier auffällt, ist der Blick aus dem Fenster: direkt auf den Rasen des Stadions von Bayer 04 Leverkusen. Über der Tribüne hängen noch die Flaggen vom Champions-League-Spiel gegen AS Rom.

Vor etwas mehr als einem Jahr ist Boldt in das Büro in der Bayer-Geschäftsstelle gezogen, in dem früher schon die Managerlegende Reiner Calmund arbeitete. Seitdem ist der 33-Jährige der jüngste Manager der Bundesliga. In der Leverkusener Fußballfirma hat er den Job des Personalchefs: Boldt ist der Mann, der die Millionentransfers abwickelt.

Er bringt andere Fähigkeiten mit und geht anders an manche Themen heran als seine Vorgänger. „Die junge Elite, die zu den Digital Natives zählt, reagiert mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit auf sich wandelnde Rahmenbedingungen als vorangegangene Generationen“, sagt Dagmar-Elena Markworth, Partnerin der Beratung Odgers Berndtson und Alumna der „Jungen Elite“.

Boldt sieht die Digitalisierung und Datentechnologien auch im Profisport als Chance. Als er in Leverkusen anfing, schickten die Talentspäher ihre Berichte aus den Stadien noch per Fax in die Geschäftsstelle. Später tippte sie jemand einzeln in den Computer. Boldt ließ von einer Softwarefirma eine Datenbank programmieren, in der alle Informa­tionen über Hunderte Spieler mit wenigen Klicks abrufbar sind – von medizinischen Werten bis zu Vertragsdetails und Daten über Passquoten und Sprinttempo, die externe Dienstleister liefern.

Heute können Boldt und sein Dutzend Mitarbeiter aus jedem Stadion der Welt per Smartphone auf die Datenbank zugreifen. Boldt ist einer der ersten Manager, der ohne Notizbuch auskommt.

„Der Junge kann was“

Als junger Seiteneinsteiger ist Boldt ein Exot in einer Branche, in der die meisten seiner Managerkollegen nach ihrer Profikarriere ­Trikot gegen Jackett getauscht haben – so wie Bayer-Sportdirektor Rudi Völler, der nur einige Büros den Flur ­hinunter sitzt. Boldt hat nie als Profi gekickt. Nach Leverkusen kam der Fußballfan als Praktikant, während seines BWL-Studiums in Heidelberg.

Nach dem Studium ging Boldt 2007 als Talentscout für Bayer nach Südamerika, wo er den Chilenen ­Arturo Vidal entdeckte. Schon mit Mitte 20 wurde er Chef der Scouting-Abteilung, als jüngster der Liga. Als Kadermanager Michael Reschke im Sommer 2014 zu Bayern München wechselte, stieg Boldt auf.

Sein erster Spielertransfer war gleich der teuerste in der Clubgeschichte, als er den türkischen Nationalspieler Hakan Calhanoglu für 14 Mio. Euro vom HSV holte. „Man erarbeitet sich Respekt nicht durch Status und Alter, sondern durch Leistung und Auftreten“, sagt Boldt. Ein altgedienter Bundesliga-Manager lobt: „Der Junge kann was. Dem ist noch viel zuzutrauen.“

„Ich mache mir keine Gedanken über mein Alter“, sagt Boldt, ein Zwei-Meter-Mann, der gern Jeans und Turnschuhe trägt. Dass er es bei Transfers wie zuletzt dem des mexikanischen Stars Chicharito von Manchester United mit abgezockten Spielerberatern anderer Vereine zu tun hat, macht ihn nicht nervös: „Warum soll man als jüngerer Kerl diesen Job nicht können?“

Boldt trägt eine Unerschrockenheit in sich, die viele Vertreter der „Jungen Elite“ demonstrieren: Sie trauen sich viel zu, ohne durchzudrehen oder abzuheben. Sie zeigen Einsatz und Demut.

Silvia Bentzinger etwa, mit 39 Jahren schon Mitgeschäftsführerin bei dem Bielefelder Traditionshersteller Seidensticker, wundert sich noch manchmal: „Gerade waren wir noch 20, und alles schien so leicht. Und jetzt sind wir plötzlich erwachsen und tragen viel Verantwortung.“

Gleichzeitig zeigen viele der jungen Top-Shots eine gesunde Paranoia. Rubin Ritter, Vorstand und „operatives Herz“ bei Zalando, sagt: „Wir stellen uns schon jetzt die Frage: Werden wir selbst bald zum Gejagten?“ Bereits jetzt tüftelt der Versandhändler, den viele immer noch als Angreifer wahrnehmen, an Innovationen – etwa dass Kunden Produkte bestellen können, die sie in Youtube-Videos gesehen haben. Und falls Zalando die Ware selbst nicht hat, soll man sofort herausfinden, wo das Produkt in der Nähe des Kunden ist. Das kann auch der alte, stationäre Schuhladen sein – ein fast schon ironischer Kreis der kreativen Zerstörung, der sich schließen würde.