KolumneJedes Unternehmen hat seinen BER

Flughafen BER
Er wird und wird einfach nicht fertig: der Berliner Flughafen BERdpa

Vor kurzem durfte ich auf einem Kongress für Projektmanager sprechen. Der Ton der Veranstaltung war kritisch, stellenweise fast deprimiert: Das deutsche Projektmanagement steckt in der Krise. Wir kriegen ja nichts mehr fertig. Bester und leidigster Beweis: der Berliner Flughafen BER. Dort hat das vielgelobte und so intensiv erforschte Projektmanagement scheinbar komplett versagt.

Inmitten dieser Suche nach Lösungen für gutes Projektmanagement stand ich. Und kam zu dem Schluss: Auch jedes Unternehmen hat seinen ganz eigenen BER.

Dieses eine Projekt (es können auch mehrere sein), das irgendwie nie fertig wird. Obwohl es so wichtig ist. Obwohl die Mitarbeiter dahinterstehen. Das Management auch. Es passiert einfach ständig noch etwas Unvorhergesehenes, obwohl das Projektmanagement doch so gut aufgesetzt war.

Was taugt das gute alte Projektmanagement also noch?

Gekämmt und straffgezogen

Ich weiß, wie viele Teilnehmer des erwähnten Kongresses auf diese Frage reagiert hätten: Also, Herr Vollmer, es gibt doch nun wirklich viele Arten des Projektmanagements – die können Sie nicht über einen Kamm scheren!

Richtig, das kann ich nicht. Mir geht es hier um die aktuell immer noch am weitesten verbreitete Variante: das Projektmanagement, das zunehmend von Controllern dirigiert wird. Die das Projekt straffziehen und geradlinig abwickeln wollen. Mit Meilensteinen und Projektampeln. Linear, kausal, diszipliniert.

Dieses Mindset halte ich für grundlegend falsch. Denn echtes Projektmanagement ist eigentlich mal für komplexe Projekte gemacht worden. Wie einen BER.

Und damit ziehe ich meinen Hut vor Olaf Hinz, der als ausgewiesener Experte für Projektmanagement beim Kongress pointierte: „Komplexität ist, wenn immer noch was nachkommt.“

Wofür Projektmanagement wirklich da ist

Der Bau des BER ebenso wie Großprojekte in Unternehmen sind komplex. Es gibt so viele Unbekannte, die schieflaufen können, dass Sie es sich im Voraus gar nicht ausmalen können! Und nicht nur schieflaufen, sondern auch anders laufen, wegfallen oder sonst was. Die Umwelt steht nicht still, während Ihr Projekt läuft. Mal ist der Wettbewerb Ihnen einen Schritt voraus, mal ändern sich die Farbvorlieben der Kunden von einer Saison zur nächsten, im dritten Fall benötigen Sie neue Lieferanten für neue Materialien …

Wenn ein Projekt so aussieht, dann ist Projektmanagement das richtige Tool.

Auch wenn im Fall des BER gerade alle Welt behauptet, das Projektmanagement habe versagt. Ich meine: Halt, nicht so vorschnell. Projektmanagement ist dafür überhaupt da, dass etwas schiefgehen kann. Sonst bräuchte es kein Projektmanagement.

Die eigentlich Dummen

So gesehen ist schon der Name Projektmanagement vollkommen unpassend. Managen können Sie etwas, wenn Sie genau wissen, was die Zukunft bringt. Aber genau das ist bei komplexen Projekten nicht der Fall – sonst wären sie keine.

Der Fehler liegt also nicht bei den Projektmanagern. Auch wenn beim BER sicher Fehler gemacht wurden, die Schuld möchte ich den Beteiligten nicht absprechen. Aber der eigentliche Fehler liegt im Glauben, ein echtes Projekt könne fehlerfrei und geradlinig laufen.

Die eigentlich Dummen sind die, die meinen, man könne 10 Jahre im Voraus den Termin für die Fertigstellung festsetzen.

Wenn ihr ohne Sünde seid …

Anstatt also das Großprojekt BER und sein „versagendes“ Projektmanagement zu belächeln, würde ich an der Stelle gerne manche Unternehmer dazu aufrufen, sich an ihre eigene Nase zu packen. Dass sie sich lieber mal wieder ihre eigenen Projektbaustellen anschauen, auf denen seit Ewigkeiten nichts mehr vorangeht. Werft den ersten Stein, wenn ihr ohne Sünde seid und kein einziges Projekt in der Pipeline rumgammeln habt, das ihr aus der Gewohnheit heraus geradlinig festzurren und durchplanen wolltet.

Irgendwann werden auch solche komplexen Projekte fertig. Irgendwann wird auch vom BER das erste Flugzeug abheben. Mit oder eben gerade trotz des dort angewandten Projektmanagements.

Und bis dahin wird in den Unternehmen noch ein Weilchen länger Business-Theater gespielt, um das geradlinig aufgezogene Projektmanagement zu kaschieren. Man feiert Meilensteine, man überlegt sich schnieke Präsentationen, um den Vorstand happy zu machen, oder geschickte Zahlenspielereien, um das Budget ausreichend und die Projektampeln grün aussehen zu lassen – anstatt wirklich am Projekt zu arbeiten. Wie es um dieses tatsächlich steht, kann unterdessen keiner sagen. Weil sich ein Großteil der Energie im Instrumentarium „Projektmanagement“ verreibt. Schon schade.