KolumneJede gute Strategie beginnt mit einem klaren Nein

Niels H.M. AlbrechtPR

Im Alter von 17 Jahren gewann Boris Becker das Grand-Slam-Turnier von Wimbledon. Es war seine Mondlandung. Damit war er der erste Deutsche, der erste ungesetzte Spieler und der jüngste Wimbledon-Sieger. Über Nacht war ein neuer Megastar geboren. Völlig unvorbereitet wurde der junge Mann mit seinem neuen Tennisspiel aus mächtigem „Bum-Bum-Aufschlag und „Becker-Hecht“ zum Liebling der Nation.

Was würden Sie tun, wenn Sie mit 17 Jahren bereits alles erreicht hätten? Eine schwere Frage. Boris Becker hat sich nicht auf dem einen Erfolg ausgeruht, sondern Antworten geliefert. Er gewann in seiner Karriere 49 Turniere, war zwölf Wochen die Nummer Eins der Weltrangliste und kassierte insgesamt gut 25 Mio. US-Dollar Preisgelder. Und die Marke Boris Becker war noch viel mehr wert: Puma, Mercedes-Benz, AOL, Ebel – sie alle standen Schlange für einen Werbevertrag mit dem Tennisstar. Doch der junge Mann hat seine tadellose Reputation mit Füßen getreten. Über sich selbst sagte er: „In den ersten drei Jahren habe ich vor allem vom Talent gelebt und wenig gelernt.“

Diskretion und Zurückhaltung waren nicht seine Berater. Becker ging einen anderen Weg. Im Spiel suchte er immer die schnellen Entscheidungen am Netz. Im Tennis seine Erfolgsstrategie. Im richtigen Leben oft ein Doppelfehler. Von der weißen Tennis-Welt begab er sich in die schwarze Poker-Welt. „Bum Bum Boris“ verschwand hinter einem Pokerface. Er war nicht wiederzuerkennen. Ein klares „Nein“ zum Werbevertrag mit Pokerstars wäre ein Gewinn für seine Reputation gewesen.

Jahre später wechselte er sein Image erneut. Von der dunklen Poker-Welt ging es an der Seite des Spaßvogels Oliver Pocher in die bunte Comedy-Welt.

Es war der perfekte Absturz. Die Tennislegende ließ sich im Fernsehen eine „Fliegenklatschen-Mütze“ aufsetzen und gab sich damit vor einem Millionenpublikum der Lächerlichkeit preis. In dieser TV-Show konnte es nur einen Gewinner geben: Oliver Pocher. Und alle Welt fragte sich: „Warum tut sich das ein Boris Becker an?“ Es ist nicht komisch, sondern nur tragisch, in einer TV-Show derart vorgeführt zu werden. An dieser Stelle hätte gutes Reputationsmanagement ebenfalls ein klares „Nein“ verlangt.

Boris Becker hat einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat sich nie auf seine Stärken konzentriert und keine klare strategische Ausrichtung seiner Marke vorgenommen. Anstatt den Tennissport in Deutschland weiter auszubauen, sich in der Deutschen Sporthilfe, in Sportstiftungen oder der Sportpolitik zu engagieren, entwickelte er sich zum Pokerspieler und zur Unterhaltungsnudel. Wichtig ist, die eigenen Kräfte zu fokussieren, denn Zerstreuung ist der Tod.

So war auch sein Umgang mit seinem Privatleben. Alles wurde öffentlich gelebt: Hochzeit, Besenkammeraffäre, Scheidung, Beziehungschaos, zweite Hochzeit live bei RTL, zweite Scheidung. Und alles wurde medial verkauft. Viel zu spät gestand sich Becker ein: „Eine Hochzeit im Fernsehen würde ich nie wieder machen.“ Doch bei einer ARD-Show mit Kai Pflaume ging er noch weiter. An diesem Abend ging es um den „Mile High Club“, also um Sex im Flugzeug, und Becker outete sich stolz vor laufenden Kameras: „Ich bin Clubmitglied.“ Und die Nation erfuhr, dass es in einem Privatjet auf den Flug nach Miami passiert sei. Nun waren alle Dämme gebrochen. Rückblickend beschrieb er seinen Umgang mit den Medien als „viel zu blauäugig, viel zu offen und viel zu nett“. Doch da war es bereits zu spät. Boris Becker hatte nicht nur sein Privatleben verkauft, sondern auch seine Seele offenbart. Er brauchte die mediale Aufmerksamkeit. Und für die Medien produzierte er immer neue Schlagzeilen. Ein Abhängigkeitsverhältnis entstand. Heute wissen wir: Er folgte dem schnellen Geld.

Am 21. Juni 2017 platzte die Bombe: Der millionenschwere Boris Becker wurde vor dem Londoner Konkursgericht für zahlungsunfähig erklärt. Die Privatbank Arbuthnot Latham & Co. hatte den Prozess angestrengt, da die Tennislegende seit 2015 den Rückzahlungen langjähriger Schulden nicht mehr nachkam. Und das, obwohl Becker erst im März desselben Jahres seine drei Mercedes-Benz-Autohäuser in Stralsund, Greifswald und Ribnitz-Damgarten verkauft hatte. Auch dieses jahrzehntelange Investment war gescheitert. Somit blieb Beckers Anwälten vor Gericht nur ein Argument: Ihr Mandant werde durch den anstehenden Verkauf seiner Immobilie auf Mallorca innerhalb eines Monats in der Lage sein, die Außenstände zu begleichen. Diesen Antrag auf Aufschub lehnte die Richterin ab, denn sie glaubte nicht, dass Boris Becker seine Finca auf Mallorca kurzfristig zu Geld machen könne. Und die Negativschlagzeilen über das Anwesen auf der spanischen Ferieninsel, die sich seit mehr als zehn Jahren immer wieder überschlagen hatten, gaben ihr recht. Noch während seiner aktiven Laufbahn hatte Becker die Luxusimmobilie „Son Coll“ für rund 1 Mio. Euro erworben und über die Jahre eine Menge Geld hineingesteckt. Es sollte der Familiensitz für die Ewigkeit werden.

Doch es kam anders. Erst ging die Liebe zu Barbara Becker verloren, dann die Liebe zum Luxusdomizil und doch wagte Becker den großen Wurf. 2006 versuchte er mit einer pompösen Einweihungsparty das 2,6 Hektar große Anwesen zu verkaufen – für stolze 15 Mio. Euro. Ein schöner Versuch. Doch ohne Ergebnis. Im November 2020 erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Finca nun der britischen Privatbank Arbuthnot Latham & Co. gehört. Der Eigentümerwechsel erfolgte bereits im Winter 2019 mit dem spanischen Zusatz „Dación en pago“. Damit stand fest, dass kein Kaufpreis gezahlt, sondern eine Schuld getilgt wurde. Seine Geld- und Steuertransaktionen wirken bis heute nach. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Die Journalist:innen verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Und die Geschichte ist noch lange nicht vorbei.

Eine klare Ausrichtung beginnt mit einem klaren Ziel. Schon als kleiner Junge wollte Boris Becker in seinem Sport viel erreichen. Er war fokussiert und eilte von Turniersieg zu Turniersieg. Der ganz große Wurf gelang ihm früh. Boris Becker ist eine lebende Sportlegende. Allerdings verlor er nach der aktiven Sportlerlaufbahn seinen Fokus und holte viel zu spät seine Pubertät nach. Er hatte das Geld und die Möglichkeiten, alles auszuprobieren. Die Welt schien für ihn grenzenlos. Und genau mit dieser Grenzenlosigkeit begann die Verzettelung, die zu dem verheerenden Ergebnis führte. Der Ausnahmesportler urteilte über sich selbst: „Es ist nicht leicht, Boris Becker zu sein.“ Ein trauriges Fazit.

Kommunikationshaltung

Der Pionier der modernen Managementlehre des 20. Jahrhunderts, Peter Drucker, brachte es auf den Punkt: „Konzentration ist der Schlüssel zu wirtschaftlichen Resultaten. Gegen kein anderes Prinzip der Effektivität wird so regelmäßig verstoßen wie gegen das Grundprinzip der Konzentration.“ Wirksame Führung beginnt mit einer klaren Zielsetzung. Das gilt sowohl bei der Führung der eigenen Person als auch im Management von Organisationen. Das Ziel muss klar sein. Drei Fragestellungen zur Zielerreichung gilt es zu beantworten:

  • Was ist mein Ziel?
  • Wie erreiche ich dieses Ziel?
  • Was unternehme ich, wenn ich mein Ziel erreicht habe?

Es ist notwendig, sich wenige, dafür aber große Ziele im Leben zu setzen und diese konsequent anzustreben. Die meisten Menschen haben für sich selbst zu kleine Ziele gewählt und leiden anschließend darunter, da diese sie nicht motivieren und herausfordern. Erst die richtig gewählten Ziele geben der menschlichen Anstrengung einen Sinn. Somit muss die Erfüllung des Lebens hart erarbeitet werden. Sie entsteht nicht von selbst. Doch viele Menschen beschäftigen sich nur sehr allgemein oder gar nicht mit ihren persönlichen Zielen.

Eindrucksvoll beweist das eine Studie der Harvard University: Lediglich drei Prozent eines Jahrgangs der Elitehochschule definierten klare Ziele für ihr Leben. Die restlichen 97 Prozent der Studierenden hatten nur ein verschwommenes Bild davon. Nach 20 Jahren wurden die ehemaligen Absolvent:innen wieder interviewt. Das Ergebnis war eindeutig: Exakt die drei Prozent mit den klaren Zielen hatten mehr Einkommen erzielt, als die anderen 97 Prozent zusammen.

Der wesentliche Faktor, um seine Ziele zu erreichen, ist die Kraft des Neinsagens. Doch die meisten Menschen scheitern genau daran. Beginnen Sie daher jede Strategie mit der Fragestellung: Was will und werde ich nicht mehr tun? Das 21. Jahrhundert ist geprägt von einer Flut an Informationen. Schon heute leben wir in einem allumfassenden Informationszeitalter, in dem wir uns vor Informationen nicht mehr retten können. Wir sind den unendlichen Reizen ausgesetzt: Unsere gesamte Umwelt fungiert als Werbeträger. Kein Produkt, das Sie konsumieren oder an sich tragen, kommt ohne Markenlogo, Produktdesign und Werbung aus. Die gesamte Wirtschaft kann ohne Marketing und Public Relations nicht mehr existieren.

Niels H. M. Albrecht: Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie, 480 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3-98212-621-0, Blick ins Buch: https://deack.de/publikationen

Zudem hat die größte Reiz-Reaktions-Maschine der Welt, das Internet, die Menschen in ihren Bann gezogen. Die glatten, makellosen und stets verlockenden Oberflächen der zahllosen Internetseiten faszinieren die User:innen rund um die Uhr. Alles ist immer und überall abrufbar. Und unsere selbst eingerichteten Push-Funktionen informieren uns über die neuesten Entwicklungen zu allen Themen aus der ganzen Welt. Immer stärker verfestigt sich das Bild, dass wir überall dabei sein können und uns alle Wege offenstehen. Das Gefühl der unendlichen Möglichkeiten wird suggeriert. Ganz nach dem Motto: Lasst uns alles gleichzeitig tun! Obwohl wir wissen, dass dieses Motto nicht aufgeht, versuchen wir es jeden Tag neu.

In der modernen Arbeitswelt wechseln Angestellte im Durchschnitt alle drei Minuten zwischen ihren Aufgaben. Wenn ihre Konzentration erst einmal unterbrochen wurde, brauchen sie im Schnitt rund 25 Minuten, um wieder zu ihrer Tätigkeit zurückzukommen. Es entsteht der Sägeblatteffekt. Die Konzentration ist erst ganz oben und bricht dann durch eine Störung auf die Nulllinie ein. Bis man seine Leistungsfähigkeit wieder aufbaut, benötigt man viel Zeit und Kraft. Nach Studien aus den USA gehen jährlich über 28 Milliarden Arbeitsstunden durch Ablenkungen, insbesondere durch moderne Kommunikationsmittel, verloren. Auch Fach- und Führungskräfte leiden unter der Smartphone-Krankheit, dem Twitter-Fieber oder dem Facebook-Daumen. In Sitzungen wird das Handy oder Tablet nicht mehr ausgeschaltet, sondern parallel bedient. Das Tempo von Information und Verarbeitung ist enorm hoch und nimmt immer weiter zu.

Allein diese Rahmenbedingungen der massenmedialen Informationsgesellschaft zwingen uns, bestimmte Programme oder Plattformen auszuschalten oder vollständig wegzulassen. Nie war eine scharfe Selektion wichtiger als heute. Wir müssen wieder lernen, Nein zu sagen. Denn nur wer wirklich Nein sagen kann, hat die Chance, sich klar zu fokussieren. Und nur mit einer sehr eindeutigen Fokussierung können Sie Ihre Ziele auch wirklich erreichen. Unser Zeitalter ist geprägt von den unendlichen Möglichkeiten zur Verzettelung. Wir fangen alles an und bringen nur wenig zu Ende.

Albert E. N. Gray war zeit seines Lebens auf der Suche nach dem Geheimnis erfolgreicher Menschen. Nach über 30 Jahren der Recherche hatte er herausgefunden, dass Erfolg nicht nur durch harte Arbeit, menschliche Beziehungen und glückliche Zufälle entsteht, sondern dass eine einzige Fähigkeit alle erfolgreichen Menschen verbindet: Sie erledigen das Wichtigste zuerst. Und unterlassen unwichtige Dinge ganz.

Anders formuliert: Erfolgreiche Menschen haben eine klare Fokussierung. Dieser Zielfokus hat sie gelehrt, Nein zu sagen. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass viele Menschen ihre Prioritäten falsch oder gar nicht setzen. In Gesprächen mit meinen Mandant:innen höre ich immer wieder, dass die Hektik des Alltags und der eigene Mangel an Disziplin ihre Ziele verkümmern lassen. Bei näherer Betrachtung liegt das Grundproblem ganz woanders: Sie haben ihre Prioritäten nicht klar vor Augen.

Die ständigen äußeren Reize sind die größten Ablenkungsquellen unserer Zeit. Menschen, die zu allem Ja sagen, müssen am Ende immer öfter zu sich selbst Nein sagen. So entstehen innere Widersprüche – und auf diese folgen Brüche.

Die meisten Seminare zum Neinsagen bieten einen unbrauchbaren Weg an: Sie wollen Personen im Neinsagen stärken, ohne deren eindeutiges Ziel herauszuarbeiten. Sie arbeiten mit einem Kompass ohne Nadel.

Bedenken Sie: Wenn Sie nicht wissen, wohin Sie wollen, können Sie auch nicht Nein sagen. Denn Sie wissen nicht, ob das Nein Sie einschränkt. Erfolgreiche Menschen wollen sich begrenzen. Die klare Begrenzung von Möglichkeiten ist der Weg zur Zielerreichung.

Ein gutes Werkzeug, um richtig zu priorisieren, ist das Eisenhower-Prinzip. Benannt wurde es nach dem US-amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der von 1953 bis 1961 im Weißen Haus residierte. Nur wenige US-Präsidenten können von sich sagen, dass man sie Jahrzehnte später in der Managementliteratur zitiert. Mit dieser Theorie aus einer Zeit, als das Wort Management noch gar nicht im Sprachgebrauch war, hat der damalige Stab des Präsidenten Maßstäbe gesetzt. Die Mitarbeiter:innen von Eisenhower unterschieden mit dieser Methode zwischen Wichtigkeit und Dringlichkeit. Zwei wesentliche Kriterien, um die Arbeit zu organisieren und damit die eigenen Ressourcen sinnvoll zu nutzen.

Wenn Sie auf Ihre Aufgaben schauen, ist vermutlich erst einmal alles wichtig. Aber was führt tatsächlich zum Ziel? Was ist Ihnen wirklich wichtig?

Wenn Sie Ihre Aufgaben entsprechend der Eisenhower-Matrix gewichten, werden Sie sehr schnell erkennen, was weder wichtig noch dringlich ist. Zu all diesen Aufgaben sagen Sie sofort Nein. Doch noch viel entscheidender ist, ob Sie Ihre Wünsche und Lebensziele fest im Blick haben und diese auch im Blick behalten. Darum habe ich die alte Matrix um diese beiden relevanten Punkte erweitert. Hier sollten die Schwerpunkte innerhalb der Matrix liegen, und Sie sollten Ihre Wünsche und Lebensziele klar benennen.

Wenn Sie alle Aufgaben, die Ihren Lebenszielen entgegenstehen, konsequent verweigern, wird Ihre Kommunikation eindeutig und Ihre Haltung klar.

Priorisieren statt verzetteln ist das höchste Gebot in unserer überfluteten Informationsgesellschaft und Verzicht ist zu einer neuen Tugend geworden.

 


Niels H. M. Albrecht ist Leiter der DEACK – Deutsche Akademie für Change und Kommunikation. Der Speaker, Dozent und Buchautor berät Regierungen, Unternehmen, Stiftungen, Vereine und Kirchen in Veränderungsprozessen und Krisensituationen. Zuletzt hat er das Buch „Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie“ veröffentlicht. Daraus stammen die verschiedenen Kommunikationstools, die er in seiner 14-tägigen Kolumne auf Capital.de vorstellt. Mehr Infos zum Autor gibt es hier.