Interview"Im Zentrum steht kunsthandwerkliche Perfektion"

Jean Christophe Babin, CEO von Bulgari
Jean-Christophe Babin erzählt, wofür die Marke Bulgari steht.

Jean-Christophe Babin, derzeit geben Sie in einer großen Ausstellung Einblicke in die Geschichte Ihrer Marke. Warum haben Sie Moskau für Ihre bisher größte Schau des schmucken Bulgari-Erbes gewählt?

Weil diese Stadt wie unser Geburtsort Rom stark von byzantinischer Architektur geprägt ist, was man besonders schön am Kreml sieht, in dessen Museum wir nun 523 Stücke unserer Geschichte ausstellen. Außerdem, und da mag das jüngste Fußball-Großereignis einen Teil zu beigetragen haben, ist Moskau heute wieder die internationale Metropole, die es über gut 500 Jahre schon einmal war. Eine globale Plattform, die wir weiter nutzen wollen und werden, etwa mit der Eröffnung eines Bulgari-Hotels 2021. Und, last not least, bekennen wir uns zum russischen Markt der für uns großes Wachstumspotential bietet.

Diese Feier der eigenen Historie – von der Gründung 1884 bis heute – scheint zunächst widersinnig, herrscht doch in allen Branchen der Run auf die Generationen X, Y und Z vor, ein selbst verordneter Jugendwahn.

Wir nehmen den Besucher mit auf eine Reise zu unseren Wurzeln, zeigen ihm in Juwelen und Accessoires – übrigens auch für Herren – unsere kreative DNA. Ohne diese Basis können wir die Zukunft nicht für uns erobern, keinen Kunden begeistern und neue Fans mitreißen. Mehr noch, unsere Geschichte(n) helfen, uns selbst als Marke noch besser zu verstehen. Was unser Team in umfangreichen Recherchen und auch Rückkäufen zutage trägt, ist hochspannend und lehrreich. Ich vergleiche Bulgari gern mit einer Symphonie, von der etliche Notenblätter bereits fertig, viele andere aber noch leer sind. Unser Gründer Sotirio Bulgari gab den Stil vor, die wichtigsten Harmonien und komponierte legendäre Melodiebögen. Doch jetzt obliegt es dem jeweiligen Dirigenten und seinem Orchester, die nächsten Sätze hinzuzufügen und auch die bekannten Partien wieder und wieder frisch und neu zu interpretieren.

Und wie hält man, um im Bild zu bleiben, das Konzertpublikum gebannt auf seinen Stühlen?

In dem man sein Erbe respektiert, sich von ihm inspirieren und leiten lässt aber nie von der Vergangenheit besessen wird. Ein gutes Beispiel ist unsere Haute Joallerie, die Königsklasse der Schmuck-Kollektion. In jedem Jahr steht sie unter einem anderen Motto, das nicht nur unsere Goldschmiedemeister, Gemmologen und Steinsetzer herausfordert, sondern allein schon optisch Brücken zu neuen, jungen Kunden baut. Ob „Festa“ in 2017 mit farbenfrohen Stücken, die auch mal ein Eis oder eine Frucht nachahmten, oder „Wild Pop“ im Sommer 2018, wo die freiheitsdrängende Musik und die Styles der Seventies im Fokus standen. Designs voller farbenfroher Lebensfreude, absolut Millenial-kompatibel, jedoch ohne, dass wir uns anbiedern.

Also alles so sonnig wie der Himmel über Moskau heute Morgen?

Natürlich tangieren uns Währungsschwankungen wie der starke Franke der letzten Jahre und die Talfahrten von Rubel oder türkischer Lira. Doch ich sehe Bulgari konsequent als Weltmarke, was bedeutet, dass wir geschäftlich immer irgendwo über und anderswo unter Paar abschneiden. Wo sich jemand für Ohrringe, eine Uhr oder Abendtasche aus unseren Kollektionen entscheidet – im Gum, auf der 5th Avenue oder der Goethestraße – ist mir am Ende des Tages relativ egal. Hauptsache wir sind und bleiben begehrlich!

Das will natürlich jede Marke. Wie lautet das Geheimnis der Anziehungskraft von Bulgari?

Im Zentrum steht wie in den letzten 135 Jahren kunsthandwerkliche Perfektion und die immer weitere Verfeinerung unseres Knowhows. Deshalb haben wir auch 2017 in Valenza die mit 14.000 Quadratmetern größte Schmuckmanufaktur Europas eröffnet. Generell bleiben wir dem Dolce Vita unserer italienischen Heimat treu, dem Spaß an Farben, an guter Küche, an eleganter, auch mal mutiger Mode, an Gastfreundschaft, Kunst und Musik. Und bei unseren Uhren, die im Männerbereich mehrfach Rekordmarken neu setzen konnten, sind wir leidenschaftliche Schweizer. Zusammen genommen würde ich sagen, das dieser Werte-Kanon äußerst zukunftssicher ist. Ohne Frage für die nächsten fünf, vielleicht sogar 500 Jahre!

Die Ausstellung im Kreml Museum – kuratiert von Yuri Gargarins Tochter Elena und Lucia Boscaini, bei Bulgari zuständig für Brand & Heritage – trägt den Titel „Tribute to Femininity“. Wie tragen Sie dem sich stark wandelnden Frauen(selbst)Bild Rechnung?

In der Ausstellung sehen Besucher unglaublich glamouröse und kostbare Stücke, die einst Elizabeth Taylor gehört haben, Gina Lollobrigida, Anna Magnai und Grace Kelly. Mit diesen Legenden, ihrem Leben und Wirken sind wir als Bulgari fest verbunden. Und sehr stolz darauf. Doch die Zeiten ändern sich. War im frühen 20. Jahrhundert kostbarer Schmuck ausschließlich ene Leidenschaft der Königshöfe und Adelskreise, wurden in den 1950er und 1960er Jahren Filmstars zu unseren wichtigsten Kunden, vor allem jene aus Hollywood. Heute diversifiziert sich das erheblich, und wir versuchen, diese gesellschaftlichen Veränderungen auch mit unseren Botschafterinnen zu beachten. Nehmen Sie beispielsweise die Schauspielerin Alicia Vikander, die nicht nur als „Lara Croft“ Stärke auf der Leinwand beweist, sondern sich mit ihrer eigenen Produktionsfirma für Filmprojekte stark macht, die von Frauen initiiert und umgesetzt werden. Zu solchen Frauen schaut unsere Kundin aktuell auf, und mit solchen Persönlichkeiten teilen wir gern das Rampenlicht. Wenngleich gilt: Die Marke muss der eigentliche Star bleiben!

Hilft Ihrem Haus, das zum Luxuskonzern LVMH gehört, die Diversifizierung des Angebotes – von Kolliers über Parfüms bis zur Hotellerie?

Auf jeden Fall stabilisiert der Mix unser Ergebnis, wobei mein Job gleichzeitig deutlich anspruchsvoller wird. Grundsätzlich müssen zudem alle Bereiche für sich profitabel sein, unter Berücksichtigung des jeweiligen Marktumfeldes. Bei den Parfüms etwa, ist ein Vorbeimarsch an Konkurrenten wie Chanel, Dior oder Estée Lauder sicherlich kein realistisches Ziel. Anders gestaltet sich der Wettbewerb mit Cartier und Van Cleef & Arpels in der High Jewelry, und bei Handtaschen etwa messen wir uns mit Gucci oder Louis Vuitton. Jede Produktkategorie hat zudem eine eigene Funktion: Unsere Düfte und Lederwaren repräsentieren den Einstieg, der Schmuck und die Uhren den Kernbereich, die Hotels runden das Erlebnis „Bulgari“ ab – und dürften zukünftig an Gewicht gewinnen.


Zur Person: Jean-Christophe Babin ist seit 2013 CEO von Bulgari, zuvor verantwortete er die ebenfalls zum LVMH-Konzern gehörende Marke TAG Heuer. In Paris als Sohn einer Anwaltsfamilie geboren besitzt Babin zudem langjährige Erfahrungen in der Konsumgüter-Branche, dank Stationen bei Procter & Gamble sowie Henkel.

Die Marke: In 1884 von dem griechischen Silberschmied Sotirio Voulgaris gegründet, der seinen Namen später „italienisierte“, wurde Bulgari – geschrieben mit „v“ statt „u“ als Hommage an die römische Geschichte – in den 1950ern und 60er Jahren zu einem der legendärsten „Juweliere der Stars“. Dank Kundinnen wie Sophia Lauren, Elizabeth Taylor oder Ingrid Bergman. Heute umfasst das Portfolio Schmuck der Luxusklasse, Damen- und Herrenuhren, Sonnenbrillen, Lederwaren, Düfte und exklusive Hotels, u.a. in Mailand, Bali und Shanghai. Geplante Eröffnungen: Paris (2020), Moskau (2021) und Tokio (2022).

Die Ausstellung: „Bvlgari: Tribute to Femininity“ ist noch bis zum 13. Januar 2019 im Kreml Museum zu sehen. Kuratiert wurde die einzigartige Schau aus 523 nie zuvor zusammen gezeigten Schmuckstücken und kostbaren Accessoires der Firmenhistorie von Lucia Boscaini, Brand & Heritage Curator von Bulgari, und Elena Gagarin, Direktorin des Kreml Museums; bulgari.kreml.ru