Jargon im BüroVier Gründe, warum wir im Büro anders reden

"Schwieriger Abstimmungsprozess"CC0 Jessica Sysengrath

Ludwig Wittgenstein

„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“, forderte der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein. Das klingt einleuchtend, aber mit dem Klartext sprechen oder Schweigen ist es so eine Sache – Sprache dient ja nicht nur der Übermittlung von Informationen. Besonders in hierarchischen und von Konkurrenz geprägten Strukturen (wie etwa Bürogemeinschaften) ist jeder Redebeitrag auch ein bisschen Performance, die Möglichkeit sich als besonders schlau, besonders cool, besonders ironisch usw. darzustellen.

Grund 1: Kompetenz vortäuschen

Also lieber kompliziert sprechen? Je unverständlicher man sich ausdrückt, desto eher werden die Zuhörer glauben, dass es um etwas Wichtiges geht, das sonst niemand beherrscht. Und trauen sich nicht, nachzufragen. Kommunikativ ist das natürlich nicht. „Grundsätzlich ist die Annahme, dass ein Gegenüber sich mit uns überhaupt verständigen will. Das ist eine Art kommunikative Ethik und Teil unserer Sozialisation.“, sagt Dr. Annette Trabold vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Aber dieser Ethik zum Trotz wird Sprache manchmal mit gewisser Brutalität eingesetzt. Die Absicht muss dabei nicht böse sein. Manche Schwafler vergessen einfach, dass ihr Jargon nicht allgemein verständlich ist.

Grund 2: Differenzierung

Die Berufswelt sei heute differenzierter denn je, erklärt Trabold, und in den einzelnen Feldern breite sich schnell eine Fachsprache aus, die Außenstehende kaum verstehen. „Nehmen Sie als Beispiel eine Bäckerei, selbst dort brauchen Sie ja beinahe ein Fachvokabular zum Einkaufen, während es früher nur Schwarzbrot, Weißbrot, Graubrot gab.“ Weil jede Branche, selbst jede Firma ihre eigene Sprechweise entwickelt, fühlt man sich als Neueinsteiger oft wie in einer fremden Welt, aber schon nach ein paar Arbeitstagen, klingt man selbst immer mehr wie die Alteingesessenen. Und ein gemeinsamer Jargon stärkt daneben das Gemeinschaftsgefühl derjenigen, die ihn verstehen.

Grund 3: Langeweile

Woher aber kommen all die flapsigen und pseudokreativen Ausdrücke der Bürosprache? Das Anflanschen, der Power Nap oder die Fuck-ups? Woher die bunte Sprache der Vergleiche und Metaphern aus Technik (Rocket Science), Sport (Kick-off, Pain Point oder auch die altmodischere Seilschaft), Gesundheitswesen (Poison Pill) etc.? Dahinter muss noch etwas anderes stecken als bloß der Wunsch, schlau zu klingen.

Bedienen wir uns in anderen, gefährlicheren, wie es scheint echteren Sprachbereichen, um der Bürotätigkeit eine dramatische Dimension zu geben? Wenigstens so reden, als ginge es um Leben und Tod, um zu vergessen, dass man in einer Flut aus Langeweile und Excel-Tabellen ertrinkt (zum Glück nicht wortwörtlich).

Grund 4: Geborgte Kreativität

Metaphern funktionieren folgendermaßen: Wir wollen etwas treffend beschreiben, ohne weit auszuholen. Irgendwann war es eine kreative Idee, den Teil einer Flasche, aus dem man trinkt, als Hals zu bezeichnen. Heute bemerken wir kaum noch, dass der Ausdruck mal metaphorisch war. Der Flaschenhals heißt einfach so wie er heißt. Genauso ist es mit dem Durchboxen oder Sich-nicht-unterkriegen-lassen. Die Herkunft dieser Metaphern ist unsichtbar geworden.

Aber Büro-Metaphern sind natürlich nicht die kreativsten. Auch der Kick-off war vielleicht mal eine interessante Formulierung. Mittlerweile benutzt den Ausdruck aber fast jeder. Und eine neuartige Idee, die alle nachmachen, erstarrt schnell zur Konvention. Geborgte Originalität ist in sich widersprüchlich. Aber wir greifen doch auf sie zurück, eben weil die Arbeit in großen Konzernen so eine verwirrende Mischung aus Anpassung und dem Kampf ums Auffallen ist.

Übrigens werden Metaphern auch ständig recyclet. Hoffentlich achten Sie in Planungsfragen stets auf bottlenecks, also auf Engpässe. Hier haben wir ihn wieder, den Flaschenhals, nur auf Englisch. Was mal als visuelle Metapher begann (Flasche sieht aus wie ein Hals), wurde zur selbstverständlichen Sprechweise und dann wieder als psychologische Metapher übertragen (eine schwierige Situation ähnelt einem Flaschenhals: Durchkommen ist schwierig).