Interview"Der Kampf gegen die Verarmung der Form"

Tony Cragg
Der Künstler Tony Cragg steht für eine innovative Interpretation von Bildhauerei und Skulpturen - und für den Skulpturenpark Waldfrieden.Mart Engelen

Tony Craggs Skulpturen sind weltberühmt, zuhause ist der gebürtige Brite in Wuppertal. Dort betreibt er einen großen Skulpturenpark, lange Zeit war er zudem Rektor der Kunstakademie Düsseldorf. Ein Gespräch über das Lebenswerk des Bildhauers.

Capital: Sie hatten mit ihren Skulpturen und auch Papierarbeiten in den letzten 12 Monaten rund um den Globus zahlreiche internationale Gruppen- und Einzelausstellungen. Wie schaffen Sie dieses Mammutprogramm?

Tony Cragg: Ich habe ein erfahrenes, sehr gut aufgestelltes Team von neun Handwerkern, die teilweise mehr als 25 Jahre für mich arbeiten. Außerdem halte ich Arbeiten von mir in unserer Cragg Foundation für Ausstellungen zurück. Ich muss auch nicht immer persönlich vor Ort sein. Natürlich bin ich in alle Details involviert und führe die letzten Korrekturen durch. Obendrein reisen meine Mitarbeiter gerne! (lacht)

Sie arbeiteten nach Ihrem Schulabschluß zunächst in einem biochemischen Forschungsunternehmen. Wie kam es zum Sprung in die Kunst?

Ich würde das nicht überbewerten. Ich war immer an wissenschaftlichen Themen interessiert. Aber ich bin kein Wissenschaftler.

Welche Künstler haben Ihre Arbeit beeinflusst?

Das waren für mich die Bildhauer der ersten Generation: Henry Moore und Barbara Hepworth. Dann folgte die zweite Generation mit Anthony Caro. Ich studierte damals an der Royal College of Art in London und war mit Richard Long befreundet. Die Bildhauerszene war sehr lebendig damals. Wir hatten ein umfassendes Interesse daran, was andere Menschen machen.

Sie bezeichnen sich als Materialist. Sie arbeiteten in Ihren Anfangsjahren mit unterschiedlichsten Materialien wie aufgesammelten Kunststoffabfälle, Möbeln, Spielzeug, Büchern, Fahrrädern und Glasflaschen. Später erst setzten Sie klassische Werkstoffe wie Bronze, Stahl, Eisen, Marmor, Holz und Acrylglas ein.

Marcel Duchamp und Arte Povera haben die Zeiten damals sehr beeinflußt. Die Bildhauerei löste sich in den 60iger Jahren von der Notwendigkeit, Dinge, die schon existieren, abzubilden. Wir suchten neue Materialien und die Bedeutung in ihnen. Die miserable Farbigkeit und langweiligen Formen der Konsumgegenstände sind essentiell für mein heutiges Werk. Ohne meine intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen industriellen Materialien als Enzyklopädie und Kompendium wäre meine heutige künstlerische Arbeit nicht möglich.

2008 eröffneten Sie den Skulpturenpark Waldfrieden auf den Hügelketten von Wuppertal. Seither stellen Sie im Park und in drei gläsernen Ausstellungshallen regelmäßig eigene Arbeiten und Werke ihrer Kollegen wie Bruce Nauman, Richard Long oder Imi Knoebel aus. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für Künstler, die Sie ausstellen wollen?

Ich wähle Künstler wie Imi Knoebel aus, die eine eigene unverwechselbare Bildsprache besitzen. Man erfährt die Welt durch die Augen eines anderen.

Kunst und Natur! Gibt es Projekte, die Sie inspirierten?

Oh ja! Der 250 Hektar große Yorkshire Sculpture Park in Wakefield. Henry Moore und Barbara Hepworth unterstützten dieses wunderschöne Skulpturenareal. Auch die Land-Art von Richard Long ist ein großer Einfluß für mich. Und dann der phantastische Skulpturenpark Storm King Art Center in der Nähe von New York.

Welche Künstler werden Sie demnächst in Waldfrieden ausstellen?

Ich plane eine Ausstellung im Sommer von Juan Miro. Im März 2019 zeige ich radikale, verrückte Arbeiten von Martin Disler. Später dann Skulpturen von Wilhelm Mundt und Hede Bühl.

Was verfolgen Sie in Ihrer Kunst?

Die Aufgabe der Bildhauerei ist es, gegen die Verarmung der Form in der Welt zu kämpfen. Die Natur ist unser Maßstab.