InterviewFrank Thelen über seine erste Million

Frank Thelen, Softwareexperte, Gründer und Investor
Frank Thelen, Softwareexperte, Gründer und Investor dpa


Frank Thelen, geboren 1975 in Bonn, wo er auch heute noch lebt. Der Seriengründer und Investor scheiterte mit seiner ersten Idee am Neuen Markt, entwickelte aber danach eine erfolgreiche Fotosoftware, die er an Fujifilm verkaufte. Dieser Deal lieferte das Startkapital für seine Investmentgesellschaft e42, die 2017 in Freigeist Capital umbenannt wurde. Thelen gründete weitere Softwarefirmen und investierte in Start-ups wie Mytaxi, Kaufda und 6Wunderkinder. Bundesweit bekannt wurde er als Investor in der TV-Gründershow Die Höhle der Löwen.


Herr Thelen, Sie zählen zu den erfolgreichsten IT-Experten Deutschlands und sind einer der bekanntesten Investoren. Wann haben Sie denn Ihre erste siebenstellige Summe auf dem Konto gesehen?

FRANK THELEN: Da war ich so 24 Jahre alt. Leider stand ein Minus davor. Meine Firma twisd AG war pleite, ich stand kurz vor der Privatinsolvenz.

Wie konnte es so weit kommen?

Ich entwickelte eine Art Router, mit dem man ein privates Netzwerk mit dem Internet verbinden konnte. Heute hat so etwas jeder bei sich zu Hause, damals war das neu. Das Problem: Ich konnte programmieren, wusste aber nicht, wie man so was vertreibt. Die Bank wollte eine private Bürgschaft für einen Kredit über 1 Mio. Euro. Ich habe das blind unterzeichnet. Dann kam die Dotcom-Blase, drei Monate später war das Unternehmen insolvent.

Waren Sie zu jung oder zu naiv?

Wohl ein bisschen von beidem. Damals dachte ich, dass wir Marktführer werden und an die Börse gehen. Rückblickend war es die größte Dummheit, privat zu haften. Ich bin total gescheitert und wusste nicht, wie ich das Geld zurückzahlen sollte. Ich bin sogar wieder bei meinen Eltern eingezogen. Die private Insolvenz konnte ich abwenden. Den Kredit habe ich bis vor Kurzem noch monatlich abbezahlt.

Aber den hätten Sie doch schon locker tilgen können?

Ja, natürlich. Ich will mich aber daran erinnern, wo ich herkomme. Deshalb zahlte ich immer noch 500 Euro jeden Monat – als Mahnmal.

Und wie haben Sie sich nach dem Absturz wieder berappelt?

Ich habe bald wieder gegründet. Es kamen gerade Digitalkameras auf den Markt. Ich habe eine Software entwickelt, mit der man Abzüge von digitalen Bildern bestellen konnte. Ich habe zwischen 70–80 Stunden pro Woche gearbeitet. Kodak, Fuji, Agfa, Cewe – alle wollten in den Digitalmarkt, und ich arbeitete an der einzigen Fotoplattform in Europa. Glückliches Timing, harte Arbeit, richtiges Konzept, es ging dann wirklich schnell und steil bergauf. Irgendwann hatte ich mehr als 100 Millionen Kunden auf der ganzen Welt. 2008 habe ich die Firma an Fujifilm verkauft und hatte auf einen Schlag viele Millionen.

Und Ihre Eltern waren erleichtert?

Für die war das unvorstellbar. Erst zieht der Sohn wieder ein und weiß nicht, wovon er leben soll. Dann kauft er sich ein schickes Auto und eine Villa. Ich bin aber immer ruhig geblieben, weil ich vorher so hart einstecken musste. Ich feiere nicht die ganze Zeit Partys und trinke Champagner.

Was macht Ihren Erfolg heute aus?

Ich habe relativ viel eigenes Kapital und ein hart erarbeitetes Netzwerk, um noch mehr Kapital für unsere Start-ups zu gewinnen. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel 90 Mio. Euro neues Kapital für Lilium Aviation gewonnen.

… ein Start-up, das ein elektrisches Flugzeug entwickelt hat, das vertikal starten und landen kann.


Genau. Es wird den Privatjet für jedermann ermöglichen. Das ist übrigens unser bisher größtes und wagemutigstes Investment. Als wir in einen kleinen Spielzeugprototyp investiert haben, erklärten die meisten uns für verrückt. Mittlerweile sind auch weitere, weltweit bekannte Investoren mit zusätzlichen 90 Millionen an Bord. Das sind riesige Player im Vergleich zu uns. Aber wir haben als Erste an das Team und seinen Jet geglaubt und die Gründer bei den ersten entscheidenden Schritten unterstützt.

Ihre Investmentgesellschaft Freigeist stieg 2015 außerdem ins Foodsegment ein. Warum?


Mein erstes Food-Start-up war Little Lunch mit ihren Biosuppen. Damals musste mich Judith Williams in der TV-Gründershow Höhle des Löwen noch überzeugen. Ich konnte mich zunächst nur schwer für den Bereich begeistern. Aber durch den Deal habe ich erfahren, wie riesig der Foodmarkt ist und dass es außerhalb meiner App- und Tech-Bubble noch sehr viel Potenzial gibt. Inzwischen investiere ich mit Freigeist Capital nicht mehr in Apps, sondern nur noch in Deep-Technology und Food. Die beiden Cluster sind sehr verschieden, aber für uns läuft dieses Modell aktuell sehr gut.

Im Foodbereich findet sich unter anderem das Start-up Ankerkraut. Warum Gewürze?


Das Produkt, die Qualität, das Design und die Gründer haben mich überzeugt. Die Zahlen sind hervorragend, und wir haben sogar das Potenzial, eines der letzten deutschen Monopole – das der Firma Fuchs Gewürze – aufzubrechen.

Was ist denn das Wichtigste bei Ihren Investmententscheidungen?

Ganz klar: die Gründer in Kombination mit ihrem Produkt. Ich muss erkennen, warum die Gründer mit ihrem Produkt einen unfairen Vorteil haben. Die Finanzplanung kommt erst ganz am Schluss.

Und Ihr Rat an Gründer?

Gehe niemals unter null! Lebe lieber von Cornflakes und zieh wieder zu deinen Eltern. Aber nimm niemals private Schulden auf.

 


Das Interview ist im März 2016 in der Capital-Serie „Meine erste Million“ erschienen; für den Abdruck im Buch „Meine erste Million“, das 2018 im Ariston-Verlag herausgegeben wurde, ist das Gespräch mit Thelen noch mal aktualisiert und verlängert worden.