LesestoffInside Red Bull

Seit zwölf Jahren startet Red Bull mit einem eigenen Team in der Formel-1. Ein Modell aus jeder Saision steht in dieser Halle in Milton Keynes
Seit zwölf Jahren startet Red Bull mit einem eigenen Team in der Formel-1. Ein Modell aus jeder Saision steht in dieser Halle in Milton Keynes
© Red Bull

Die versteckte Kommandozentrale liegt ganz hinten in einem unscheinbaren Fabrikgebäude. Sie erinnert an Bilder, wie man sie von der Mondlandung kennt. Männer mit hochgekrempelten Ärmeln und Headsets starren auf Monitore, reiben sich die Schläfen und tippen im Stakkato Befehle in die Tastatur. Ein großer Raum mit knapp 50 Plätzen, Reihen aufsteigend angeordnet wie im Kino, nur dass vor den Sitzen etliche Monitore stehen. Auf der großen Leinwand, ganz vorne, blinkt ein Punkt auf einer Rennstrecke. Daneben werden über eine sichere High-Speed-Leitung Livebilder aus Bahrain übertragen, aus der Box, aus dem Kontrollzentrum vor Ort. Tabellen leuchten auf, Zahlenreihen, die kein Laie entschlüsseln an. Aber die Experten lesen darin wie in einem spannenden Roman.

Vor drei Tagen kämpften die Formel-1-Piloten noch beim Großen Preis von Bahrain um WM-Punkte. Es war kein gutes Wochenende für das Red-Bull-Racing-Team. Daniel Ricciardo kam auf den fünften Platz, Max Verstappen schied in Runde elf aus. Sebastian Vettel, der verlorene Sohn, der vier Weltmeistertitel für die roten Stiere holte, siegte im Ferrari. Umso wichtiger nun das streng reglementierte „In-Season-Testing“ auf dem Kurs in der Wüste, ehe der Rennzirkus nach Russland weiterzieht. Früher reiste das Kontrollzentrum mit. Mittlerweile bleiben die besten Ingenieure, Entwickler und Strategen in der Heimat, passen ihren Arbeitsrhythmus aber den Zeitzonen an, in denen die Rennen stattfinden. Der Vorteil: Die Experten sind ausgeruhter, weil sie den Reisestress nicht haben, keinen Jetlack. Sie müssen sich nicht auf ein anderes Klima einstellen oder fremdes Essen. Sie sind fokussierter und konzentrierter und finden Lösungen daher schneller. Das ist der Plan hinter der Kommandozentrale, die intern nur „Ops Room“ genannt wird. Sie liegt mitten in England.

Streng geheim

Die Briten verspotten Milton Keynes wegen der unzähligen Kreisverkehre und der Tristesse. Die Industriestadt wurde in den 60er Jahren anderthalb Fahrstunden nördlich von London aus dem Boden gestampft. Wer nicht muss, kommt nicht hierher. Weltweit aber lässt Milton Keynes die Herzen von Motorsportenthusiasten im Rhythmus der Kolben eines V6-Motors schlagen. Im Umkreis von 60 Meilen haben sieben der zehn Formel-1-Teams ihren Hauptsitz, die Rennstrecke Silverstone liegt gleich um die Ecke. Ende der 90er Jahre zog das Steward-Grand-Prix-Team nach Milton Keynes, 1999 übernahm Jaguar den Rennstall samt Hauptquartier. Seit 2004 ist es die Heimat von Red-Bull, dem Formel-1-Team des österreichischen Energiedrink-Herstellers. Verspottet wurde das Team. Wie von dem britischen Fahrer Lewis Hamilton, der ätzte: „Red Bull ist kein Autohersteller, sondern eine Getränkefirma, die gegen die Historie von McLaren und Ferrari kämpft. Ich weiß nicht, was ihr Plan ist.“

Das Hauptquartier von Red Bull liegt – natürlich – gleich hinter einem Kreisverkehr. Ein großer blauer Kasten mit einem roten aggressiven Stier über dem gläsernen Eingang. Ein Hochsicherheitstrack, dessen Türen sich nur nach einem Scan des Zeigefingers und dem Eingeben eines Codes öffnen. Fotografieren ist strikt verboten, die Objektive der Smartphones werden am Empfang abgeklebt – mit einem kleinen Stier. Normalerweise endet ein Besuch an der meterhohen Vitrine im Foyer, in der Dutzende Pokale und Trophäen um die Wette glänzen. Vor zwei Jahren war ein Geländewagen durch die Glasfront in die Fabrik gebrochen. Es waren keine Fans, sondern dreiste Diebe, die mehr als 60 Pokale stahlen, um sie einzuschmelzen. Dumm nur, dass sich dabei herausstellte, dass einige der Pokale Nachbildungen waren, die anderen nicht aus reinem Silber. Der Materialwert war gleich null. Später wurden sie gefasst.

Die Zentrale des Formel-1-Teams in Milton Keynes

Die Trophäensammlung von Red Bull. Vor zwei Jahren klauten Diebe über 60 Pokale

Die hochmoderne Autofabrik von Red Bull. In den Druckkammern werden die Karbonteile gebacken

Zwei mal am Tag für je eine halbe Stunde trainiert das Team den Reifenwechsel

TAG Heuer ist Partner von Red Bull, offizieller Zeitnehmer und Namensgeber des Motors

Marketing-Manager Barney Barnett vor dem Modell für den Windkanal

Und der echte Schatz des Teams, der steht nicht hinter Glas, sondern liegt hinter einer schweren Stahltür: das Formel-1-Werk.

Wer an ein Formel-1-Team denkt, sieht die Fahrer, das Boxenteam, ein paar Ingenieure und Funktionäre an der Strecke. 75 Mann umfasst das Racing-Team, das zu den 20 Rennstrecken auf der ganzen Welt unterwegs ist. Doch das Gros der Mannschaft sitzt in Milton Keynes. Hier fällt die Entscheidung über Sieg und Niederlage. 700 Mitarbeiter beschäftigt das Red-Bull-Racing-Team. Kein Glanz, kein Glamour fällt in die großen Werkshallen, eine hochmoderne Autofabrik, die im Jahr gerade mal fünf Wagen produziert und dafür einen 300-Mio.-Dollar-Etat verballert.

Das Herz des Teams ist ein gigantisches Großraumbüro. Über 100 Ingenieure, Entwickler, Elektriker, Designer, Experten für Aerodynamik und Kühlung sowie Materialkundler sitzen in einem Labyrinth aus blauen Trennwänden und tüfteln an Lösungen, die nur Milligramm schwer sind, und Auswirkungen im Bereich von Tausendstelsekunden haben.

30.000 Updates pro Saison

Jedes Jahr im August beginnt die Arbeit am neuen Modell für die kommende Saison. Fünf Monate später finden die ersten Testfahrten statt. Vorausgegangen sind tausende Entwürfe. Allein das Team für Aerodynamik entwickelt jeden Monat mehrere hundert Ideen, die dreidimensional am Computer umgesetzt und später in 3D ausgedruckt werden. Für Tests im Windkanal wird ein originalgetreues Modell gebaut, nur hat es gerade mal die Größe von 60 Prozent. Es wiegt 250 Kilogramm, während das Original – inklusive Fahrer, aber ohne Treibstoff – mindestens 642 Kilogramm wiegen muss. Jede Woche entwickelt das Team über 1000 Einzelteile, die im Windkanal erprobt werden.

Aber die Arbeit ist nach den fünf Monaten längst nicht abgeschlossen. Die Rennwagen werden konsequent weiterentwickelt, auch während der Saison. Im Schnitt erfährt ein Wagen pro Saison 30.000 Updates. Der Supercomputer, der das ganze steuert, hat die Arbeitsleistung von 35.000 iPads.

„Das Team ist hier um zu gewinnen“, sagt Barney Barnett, der Marketingmanager des Teams. „Wir wollen das Maximum aus jedem Rennen, jeder Saison herausholen.“ Und dazu werde im Hauptquartier rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gearbeitet. Zwar dürften pro Saison nur fünf Chassies gebaut werden, aber die Wagen werden für jedes Rennen neu konfiguriert. „Jede Strecke stellt andere Anforderungen“, sagt Barnett. In Mexiko ist die Luft dünn, in Bahrain ist es heiß, in Singapur feucht. Monte Carlo hat viele Kurven, Australien lange Geraden. Für jede Strecke wird der Wagen optimiert.

Es geht um Tausendstel Sekunden

Die 700 Mitarbeiter strömen in ein Nebengebäude. In einer großen Halle, die das Trainingscenter beherbergt, gibt es eine Liveschalte nach Bahrain. Wie nach jedem Rennen versammelt sich das ganze Team, in Milton Keynes und dem jeweiligen Parcours, zu einem gemeinsamen Debriefing. Manöverkritik, nächste Schritte, Lob und Tadel. In der Halle stehen fünf Modelle aus verschiedenen Saisons. Unter einer großen Uhr des Partners TAG Heuer ist eine Boxengasse nachempfunden. Hier trainiert das Pitstop-Team den Reifenwechsel, wenn es nicht gerade im Ausland ist. Morgens eine halbe Stunde, und nachmittags noch einmal. Das Pit-Stop-Team ist gecastet aus der Masse der Ingenieure, die Red Bull beschäftigt. Ein großer Kräftiger hebelt den Wagen in die Luft. Kleine Mitarbeiter wechseln die Reifen, kompakte schleppen sie heran. Nichts wird dem Zufall überlassen. Es geht um Hundertstelsekunden. „Es macht keinen Sinn“ sagt Barnett, „dass wir Teile entwickeln, die ein halbes Gramm leichter sind, dann aber in der Boxengasse Zeit verlieren.“ Zeit sei alles, worum es in diesem Sport gehe.

Jack Heuer, der ehemalige Firmenpatriarch der Schweizer Uhrenmarke, war der erste, der das erkannte. 1968 gewann er den Formel-1-Rennfahrer Jo Siffert für 25.000 Franken als Markenbotschafter für das Modell Carrera und etablierte das Uhren-Sponsoring im Rennsport. Bei Red Bull ist TAG Heuer seit Dezember 2015 offizieller Zeitnehmer und sogar Namensgeber des Motors, der allerdings von Renault gebaut wird. Eine 900 PS starke 1,6-Liter-V6-Maschine.

Alles andere außer noch den Reifen wird in Milton Keynes entwickelt und produziert – in 21 Abteilungen. Wie das Lenkrad, das mehr an eine komplexe Playstation erinnert mit seinen vielen Knöpfen, Schaltern und bunten Lichtern, als an ein Steuer. Oder das Getriebe, an dem sieben Spezialisten tüfteln. Und all die Teile aus Karbon für das Chassis, die erst in einer 3D-Simulation entworfen und dann gedruckt und getestet werden, ehe sie in die eigentliche Produktion gehen. In Druckkammern mit über sieben Bar werden bis zu 50 verschiedene Arten von Karbon bei 180 Grad gebacken, bis sie die gewünschte Härte und Steife erreicht haben.

Spezieller Formel-1-Lack

Und selbst in der Lackiererei wird an speziellen Lacken geforscht, deren Zusammensetzung streng geheim ist. Sie werden allein für den Einsatz in der Formel-1 hergestellt, sind leicht und schnell. Selbst die Logos der Sponsoren sind in den Lack eingearbeitet.

Der Lohn des Aufwands steht in einer weiteren Halle. Und gibt die Antwort auf Lewis Hamiltons Frage. Der Plan von Red Bull ist, viele erfolgreiche Saisons zu fahren. Zwölf Boliden stehen hier, aus jeder Saison einer, aufgestellt in einem Halbrund. Testosteron pur. Für jeden Autofreak der Himmel. Und die bittere Erkenntnis, dass ein normal gebauter Mann niemals wird mit einem Formel-1-Wagen davondüsen können. Das Chassis ist einfach zu eng.