InterviewIda Tin: „Ich darf jeden Tag das tun, wofür ich brenne“

Ida Tin, Gründerin Clue
Ida Tin, Gründerin ClueGetty Images


Ida Tin, geboren in Kopenhagen, besuchte die renommierte kreative Wirtschaftshochschule KaosPilot in Dänemark, arbeitete nach ihrem Studienabschluss als Reiseveranstalterin für Motorradreisen und als Buchautorin. 2013 gründete sie zusammen mit Hans Raffau und Moritz von Buttlar die Menstruationsapp Clue, die inzwischen über zehn Millionen aktive Nutzer in über 190 Ländern hat. Eine kleine Revolution der Female Technology. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen mehr als 50 Mitarbeiter, die meisten davon in Berlin. Ida Tin gehört zur „Jungen Elite“, den „Top 40 unter 40“, von Capital.


 

Capital: Ida, die Gründung von Clue machte Dich zu einer der erfolgreichsten Frauen in der Femtech-Branche. Hattest Du bis dahin immer einen Karriereplan, dem Du gefolgt bist?

IDA TIN: In meiner Kindheit und Jugend habe ich mit meinen Eltern die ganze Welt bereist, das Motorradreisen-Geschäft war für mich also nicht total abwegig, gleichzeitig aber auch nicht etwas, was ich schon immer tun wollte. Selbst als ich meinen Abschluss an der Kaospilot gemacht und mich damit für die Entrepreneur-Laufbahn entschieden habe, hatte ich keinen genauen Plan. Ich habe ein ganzes Jahr damit verbracht, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was ich mit meinem Leben anfangen will und bin nicht wirklich zu einem Schluss gekommen. Ich musste lernen, dass man aktiv werden und etwas tun muss, was einen begeistert. So bin ich zu Clue gekommen.

Es war also nicht Dein Entrepreneurship-Studium, das in Dir den Wunsch geweckt hat, Unternehmerin zu werden?

Nein, der Wunsch, ein skalierbares Business aufzubauen kam eher, als ich an meinem Buch „Direktøs“ (Anm. d. Red. erschienen in Dänemark) gearbeitet habe. Auf mein erstes Geschäft, die Motorradtouren, traf das aber nicht zu. Bei Clue war das anders. Ich hatte das Gefühl, dass nicht nur ich, sondern alle Frauen von einem Produkt wie Clue profitieren könnten.

Wie ist die Idee zu Clue denn entstanden?

Als ich etwa 30 Jahre alt war, war die Pille keine gute Lösung für mich. Ich dachte, es müsste einfach eine andere Option geben, aber bei meiner Recherche habe ich realisiert, dass es in diesem Bereich in den letzten 50 Jahren nur wenig Veränderung gab. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass reproduktive Gesundheit als Ganzes ein unglaublich grundlegender und zentraler Teil unserer Leben ist, aber es gibt einen großen Mangel an Klarheit für Frauen. Das waren die Hauptantriebskräfte bei der Gründung von Clue.

Den Wert einer Zyklusapp in einer männerdominierten Tech-Szene aufzeigen

Dann hast Du beschlossen, eine App zu kreieren, die Menstruation und Fruchtbarkeit trackt – was waren die größten Herausforderungen zum Start?

Die größte Herausforderung war es, den Wert und die Chancen einer solchen Gesundheitsapp für Frauen in einer noch immer größtenteils männerdominierten Tech-Szene aufzuzeigen. Dabei betrifft die Gesundheit des weiblichen Zyklus 100 Prozent der Bevölkerung – selbst wenn man selbst keinen Menstruationszyklus durchlebt, ist man höchstwahrscheinlich jemandem nahe, der es tut. Auch, die Finanzierung zu sichern war anfangs eine große Herausforderung. Unsere erste Finanzierungsrunde war klein, aber wir haben stark an den Einfluss geglaubt, den Clue auf die Welt haben könnte. Das hat uns inspiriert, weiter zu machen. Ich kann nur allen raten, die daran glauben, dass ihre Idee funktionieren wird, diesen Glauben nie zu verlieren. Indem man eine Innovation antreibt, bringt man die Welt voran – und das ist wirklich wertvoll.

Gibt es noch zu wenige Frauen in Deiner Branche?

Frauen sind in der Tech-Szene zwar unterrepräsentiert, aber man kann nicht bestreiten, dass wir uns in der Branche einen Namen machen. Der digitale frauenspezifische Gesundheitssektor ist einer der am schnellsten wachsenden Bereiche. Heute verschwinden Tabus rund um das Thema Fruchtbarkeit und Menstruation. Gleichzeitig wollen Frauen mehr über ihren Körper und die Einzigartigkeit des Zyklus erfahren. Apps wie Clue geben Frauen die Möglichkeit, die Besonderheiten ihres Körpers zu identifizieren und zu verstehen, was sie für sie bedeuten.

Man muss nicht in allen Bereichen Experte sein

Clue basiert auf Tech- und auf medizinischer Expertise. Wie konntest Du diese Expertenfelder bei der Gründung abdecken?

Ich habe mich für Frauengesundheit interessiert und habe immer schon versucht, Technologie und Datenanalyse in meinen Alltag zu integrieren. Um sicherzustellen, dass wir unseren Nutzern akkurate Informationen vermitteln, haben wir ein starkes Forschungsteam angestellt und einen medizinischen Vorstand berufen, ergänzt von einem Team aus führenden Spezialisten im Bereich Menstruationsgesundheit. In den letzten Jahren hat Clue auch Partnerschaften mit akademischen Organisationen wie der Universität Oxford in Europa und dem Kinsey Institute in den USA geschlossen. Dadurch können wir tiefgehende Recherchen umsetzen und auf die Fragen der Nutzer eingehen.

Zum Beispiel?

Eine Frage, die häufig auftauchte war, ob sich die Zyklen von Frauen angleichen, wenn sie mehr Zeit miteinander verbringen. Wir haben eine Studie zu dieser Frage gemacht und sind zu dem Ergebnis gekommen: nein, das stimmt nicht.

Soziales Leben muss dem Arbeitsleben weichen

Müssen Entrepreneure sich in allen Aspekten ihres Produkts perfekt auskennen oder gibt es auch die Möglichkeit, eine Idee umzusetzen, ohne Spezialist auf dem entsprechenden Gebiet zu sein?

Es ist nicht möglich, Experte in allen Bereichen zu sein. Aber man muss leidenschaftliche Menschen finden, die Experten auf den Gebieten sind, in denen man Hilfe braucht, um seinen Traum zu realisieren. Die Idee für Clue entstand durch persönliche Erfahrung. Das hat mir geholfen, mir vorzustellen, was wir aufbauen wollen, aber es hat alle möglichen Arten von Experten gebraucht, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen: Wissenschaftler, die unsere Nutzer mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen versorgen, Designer, die die App schön und nützlich machen, Softwareingenieure, die den Code schreiben.

Was sind die größten Vorteile eines Daseins als Gründerin?

Das ist leicht: Ich darf jeden Tag das tun, wofür ich brenne.

Das wichtigste für Entrepreneure: eine Idee zu haben, für die man brennt

Und was sind die Schattenseiten?

Leider muss ich mein soziales Leben den Arbeitsverpflichtungen zugute opfern. Ich habe drei beste Freunde, die ich zwei Mal im Jahr treffe, zusammen mit ihren Kindern. Diese Wochenenden sind extrem wichtig für mich, da wir nicht oft die Gelegenheit haben, uns auszutauschen. Ich würde sagen, mein soziales Leben musste zu einem gewissen Grad meinem Arbeitsleben weichen. Ich finde, darüber wird zu wenig gesprochen.

Was würdest du jemandem raten, der eine weltverändernde Idee hat, aber nicht weiß, wie er sie umsetzen soll?

Eine Idee zu haben, für die du brennst and dann auf diese Reise zu gehen ist das wichtigste am Entrepreneur-Leben. Ich denke es ist ein großes Geschenk, nicht von Anfang an genau zu wissen, auf was man sich einlässt. Nicht zu wissen, dass der Berg, den du erklimmen willst 100-mal höher ist als du dachtest. Dass das, was du glaubst, sich vielleicht als falsch herausstellen wird und dass andere vielleicht Dinge sehen, die du selbst noch nicht sehen kannst. Leg einfach los und zögere nie, um Rat zu fragen. Ich würde speziell allen angehenden CEOs empfehlen, sich an die führenden Köpfe in ihrer erwählten Branche zu wenden und um Unterstützung, Rat und Mentorat zu bitten.


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