GastbeitragGroßzügigkeit: eine unterschätzte Management-Tugend

Markus VäthPR

Das Jahr 2020 lag vielen von uns schwer auf der Brust. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich. Wir sind dauergestresst durch das ewige Eingesperrtsein, Homeoffice, Homeschooling – ganz abgesehen von den vielen Corona-Toten, die wir zu beklagen haben. Ein Jahr im ewigen Dazwischen, rasender Stillstand. Man wartet auf den gesellschaftlichen Pausengong, der uns zur Luft, zum Draußen, zum tiefen Atmen befreit.

Keine Angst, das wird keine Kolmune im Stil von „Das kann uns 2020 lehren“. Ich persönlich finde solche Kolumnen schwierig (zu lesen und zu schreiben), die mir erzählen, was uns dies oder das lehren soll: „Fünf Dinge, die Sie von Reinhold Messner lernen können“, „Sieben Dinge, die Sie von Astronauten lernen können“ – alles nicht so mein Fall. Was Sie aus 2020 mitnehmen, ist allein Ihre Sache.

Großzügigkeit – aus der Zeit gefallen

Stattdessen will ich ein wenig in die Zukunft schauen und Ihnen einen Vorschlag machen: Rufen wir 2021 zum Jahr der Großzügigkeit aus. „Großzügigkeit“ – das Wort wirkt zugegeben ein wenig aus der Zeit gefallen. Anzüge oder Grundstücke können großzügig geschnitten sein. Trinkgeld kann großzügig bemessen sein. Aber was hat Großzügigkeit mit Management zu tun?

Großzügigkeit ist meinem Verständnis nach die praktische Business-Version von Vertrauen. Momentan wird viel über Vertrauen geschrieben, auch und gerade in der Führung. Eine Führungskraft soll nicht alles kontrollieren, sondern ihren Mitarbeitern vertrauen. Kontrolle ist schlecht, Vertrauen gut; so jedenfalls lesen sich heutige Management-Ratgeber in der Regel. Ich bin dafür, die Diskussion moralisch eine Nummer herunterzuschrauben.

Denn ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber ich persönlich kann manchem Menschen nicht vertrauen. Auch (oder gerade!) wenn ich mit ihm zusammenarbeite. Als Chef weiß ich, was er kann und was nicht. Und da blind die Augen zumachen? Schwierig. Aber großzügig sein – das kann ich. Großzügigkeit im Umgang mit Fehlern, im individuellen Lernfortschritt, in meinem Erwartungsmanagement ist durchaus drin, ohne gleich einen Vertrauensschwur leisten zu müssen.

Geben Sie Ihren Mitarbeitern Spielräume!

Denn im Gegenzug möchte ich auch manchmal großzügigen Spielraum. Möchte als Führungskraft Dinge ausprobieren, ohne dass vor mir die Räume eng und das Budget knapp werden. Vielleicht liest man deshalb so wenig von Großzügigkeit, weil es um inneres Loslassen geht, um ein Terrain, das ich aufzugeben bereit bin. Und eine solche Denkweise ist gerade in Krisenzeiten, die nach Kontrolle förmlich schreien, nicht leicht. Aber es lohnt sich. Großzügigkeit erzeugt innere Gelassenheit, ein entspannteres Miteinander und manchmal sogar positive Überraschungen im Arbeitsergebnis. Deshalb: Seien Sie großzügig! Geben Sie Ihren Mitarbeitern Spielräume, damit sie freier atmen können und auch mal „verwegene“ Dinge tun (noch so ein aussterbender Begriff).

2021 wird sicher kein leichtes Jahr. Aber wir können es uns in der Führung und der Zusammenarbeit leichter machen, indem wir anderen gegenüber vielleicht etwas großzügiger sind als bisher. Denn dann können wir nicht nur freier atmen, sondern auch befreiter arbeiten.

 


Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt.