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Markus Väth Warum ich mich nicht mehr zu Gender und Diversity äußere

Markus Väth
Markus Väth
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Unsere Gesellschaft hat ein zunehmendes Problem mit der Meinungsfreiheit. Dabei geht es nicht darum, was die Menschen sagen oder schreiben, sondern darum, was sie nicht mehr sagen oder schreiben. Markus Väth über die Schere in seinem Kopf

Meinen ersten Internet-Shitstorm fing ich mir ein, als viele noch gar nicht wussten, was das ist. Dazu muss man wissen: Meine Diplomarbeit schrieb ich Anfang der 2000er über die Behandelbarkeit von Sexualstraftätern.Zum Zeitpunkt des Artikels hatte ich einige Erfahrung in der Behandlung von Sexualstraftätern und -opfern. In meinem fachlichen unaufgeregt formulierten Artikel ging es um ein spezifisches sexualtherapeutisches Männerthema. (Sie merken bereits, ich formuliere bewusst undeutlich.) Nach der Veröffentlichung des Artikels passierte zunächst das Erwartbare: nichts. Doch auf einmal brach die Hölle los. Vor allem weibliche Hater griffen mich im Netz frontal an, ich wurde beleidigt und aufs Übelste beschimpft – ohne dass sich auch nur einer der Hater beziehungsweise eine der Haterinnen fachlich mit dem Inhalt des Artikels auseinandersetzte. Schließlich beriet ich mich mit meiner Frau: Sollte ich zur Polizei gehen? Sollte ich versuchen, dem Hass standzuhalten? Ich muss zugeben: Ich ging den bequemen Weg – und nahm den Artikel aus dem Netz.

Mein zweites prägendes Erlebnis hatte ich vor einigen Jahren. Ich folge einem wissenschaftlichen Blog, der Dinge des täglichen Lebens statistisch aufbereitet und kritisch kommentiert. Dort war einst ein lustiger mathematischer Artikel über eine Sportart (!) zu lesen, den ich wagte, auf Facebook zu verlinken. Sofort wurde ich von einer Kollegin angegangen: Was mir einfiele, Artikel dieses faschistischen, frauenfeindlichen Blogs zu verlinken? Mit keinem Wort ging sie auf den Artikel selbst ein. Das Blog war „sexistisch“, also fiel alles dort der Sippenhaft zum Opfer. Ich fiel aus allen Wolken. Es ging um Sport. Ich ließ den Rant unbeantwortet.

Blicke ich auf meine momentanen Arbeitsfelder Wirtschaft, Organisation und Führung, muss ich festhalten, dass ich mich zu bestimmten Themen nicht mehr äußere: Dazu gehören beispielsweise Gender, Diversity oder Nachhaltigkeit. Das sind für mich alles „toxische“ Themen, bei denen ich nur verlieren kann. Wobei ich diese Themen für sehr wichtig halte. Nur dass man sie aus meiner Sicht nicht mehr kontrovers diskutieren kann, wenn man nicht der Mainstream-Meinung folgt. Man wird sofort in eine Ecke gestellt und mit quasi-religiöser Inbrunst verfolgt – egal von welcher Seite. Ein rationaler Diskurs ist vielerorts nicht mehr möglich.

Gekränkte Gefühligkeit

Die größte Gefahr unserer Demokratie besteht meiner Meinung nach in diesem sofortigen, gekränkten Draufhauen. Die Wirklichkeit des Faktischen wird ersetzt durch die gefühlte Wirklichkeit der eigenen Kränkung. Ich fühle mich beleidigt? Also IST das, was du gesagt hast, beleidigend. Sowas ist natürlich, mit Verlaub, Bullshit: Die Grenze der Meinungsfreiheit wird bestimmt durch das Gesetz. Und nicht durch meine gekränkte Gefühligkeit. Das gestehe ich anderen Menschen zu. Mir gefällt auch nicht alles, was ich höre und lese. Deswegen brülle ich aber nicht gleich „sexistische Kackscheiße“ oder „Nazi“ (um nur zwei der verbreitetsten Brüllaffen-Sprechblasen zu nennen). 

Vor kurzem hat – ein Beispiel von vielen – die Uni Berlin eine Vorlesung einer Biologin „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt. Sie wollte sich zur biologischen Grundlage von Geschlecht äußern. Das ist mittlerweile in Berlin zu riskant geworden – der linke Mob könnte den Saal stürmen. Das ist vorauseilende Cancel Culture in Reinkultur. Wenn nicht mal mehr an den Universitäten unter Fachleuten diskutiert werden kann, können wir den Lehrbetrieb auch gleich einstellen.

Noch ein Beispiel? Für das „Kapitalismus“-Kapitel meines aktuellen Buches wurde ich teilweise in die Ecke des Faschismus und der AfD gestellt – für Menschen, die meine Schriften, beispielsweise zu New Work bzw. der Zukunft der Arbeit und mich selbst kennen, ein völlig irrer Vorgang. Aber Hauptsache, es bleibt ein wenig Dreck hängen.

Ich behaupte: Unsere Gesellschaft hat ein zunehmendes Problem mit Meinungsfreiheit. Und dass ich diese Zeilen schreiben kann, ist eben KEIN Gegenbeispiel. Es geht nicht um das, was die Menschen sagen oder schreiben. Es geht darum, was sie eben NICHT MEHR sagen oder schreiben. Bei mir persönlich hat die Schere im Kopf schon erfolgreich eingesetzt. Manche Themen sind mir zu heiß, da kann ich nur verlieren, auch mit einer differenzierten Meinung. Ein Argument braucht Zeit, ein (virtueller) Keulenschlag nur zwei Sekunden.

Mittlerweile habe ich über die letzten Jahre meine Social-Media-Profile bei Xing, Twitter, Facebook und Instagram gelöscht. Zuviel Angriffsfläche. Ich bewundere Menschen, die sich in den wirklich kritischen Themen unserer Zeit engagieren und dafür Prügel kassieren. Ich mache das nicht mehr, sondern bleibe „bei meinen Leisten“. Bevor der Mob auch vor meiner Tür steht.

Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth


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