Interview„Es wird keine Digitalisierungsopfer geben“

Ein Briefträger der Deutschen Post steht vor einer Packetstation in Berlin-Mitte
Ein Briefträger der Deutschen Post steht vor einer Packetstation in Berlin-Mittedpa


Thomas Ogilvie
Thomas Ogilvie

Thomas Ogilvie ist seit zwei Jahren Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei der Deutschen Post DHL Group. Der 42-Jährige ist zuständig für mehr als eine halbe Million Beschäftigte rund um den Globus. Damit ist der Bonner Konzern einer der größten Arbeitgeber der Welt. Der Wandel in der Arbeitswelt ist für Ogilvie, der selbst Psychologie studiert und in Wirtschaftswissenschaften promoviert hat, ein Dauerthema.


Capital: Herr Ogilvie, immer mehr Jobs werden in Zukunft durch Automatisierung wegfallen. Wie viele Ihrer 550.000 Mitarbeiter werden davon betroffen sein?

THOMAS OGILVIE: In unserem Konzern gibt es über 1000 verschiedene Jobprofile. Bis 2030 gehen wir davon aus, dass 30 bis 35 Prozent aller Tätigkeiten automatisiert werden könnten. Wir glauben trotzdem fest daran, dass auch in 30 Jahren der überwiegende Teil unserer Wertschöpfung durch Menschen erbracht werden wird.

Welche Mitarbeiter müssen sich auf Veränderungen einstellen?

Es wird Tätigkeiten geben, die sich nicht nur graduell, sondern signifikant verändern werden. Wir haben angefangen, die Jobs, bei denen wir die größten Veränderungen erwarten, auf die heute und morgen benötigten Skills zu analysieren, um so langfristig Personalentwicklung betreiben zu können.

In welchem Bereich haben Sie damit angefangen?

Ein solcher Prozess läuft zum Beispiel in unserer Finanzabteilung in Köln. Dort bearbeiten Mitarbeiter Rechnungsrückläufe oder Adressänderungen. Vieles davon sind standardisierte Prozesse, die mittlerweile automatisiert erfolgen können. Gleichzeitig brauchen wir Spezialisten, die dafür Algorithmen entwickeln.

Aber was passiert mit den Mitarbeitern, die keine IT-Spezialisten sind und auch nicht mehr werden wollen? Müssen die sich um ihren Job sorgen?

Es geht nicht darum, dass jeder ein IT Spezialist wird, sondern es geht darum offen für Veränderungen und neugierig aufs Lernen zu sein. Wir glauben daher nicht, dass es Digitalisierungsopfer geben wird. Die Technologisierung ist vielmehr eine große Chance für eine Entlastung bei der Arbeit und für höhere Produktivität. Dazu zählen auch etablierte Hilfsmittel wie Elektrofahrräder, neue Programme für optimierte Routenplanungen oder künftig autonom fahrende Lastenroboter.

Da brechen bestimmt nicht alle in Jubel aus. Was sagen Sie denen, die solche Szenarien eher bedrohlich finden?

Wir haben hier eine klare Haltung und sagen: Veränderungen hat es immer gegeben, Veränderungen sind gut. Die Deutsche Post hat sich in den vergangenen 30 Jahren geräuschlos und erfolgreich von einer nationalen Behörde zu einem Weltkonzern gewandelt. Vor 20 Jahren sind wir bereits einen großen Automatisierungsschritt mit der Einführung von Sortieranlagen im Brief- und Paketbereich gegangen. Für diese riesigen Industrieanlagen mussten wir Ingenieurswissen ins Haus holen. Heute sind wir in Deutschland einer der größten Arbeitgeber für Mechatroniker. Denselben Weg gehen wir jetzt mit der Digitalisierung, wenn es darum geht Kompetenzzentren für Data Scientists und Experten im Bereich Internet of Things (IoT) aufzubauen.

Daneben beschäftigen Sie aber auch immer noch Zehntausende Brief- und Paketzusteller. Wie verändern sich deren Jobs in Zukunft?

Bei unseren Brief- und Paketzustellern müssen wir vor allem auf eine lebenslange Beschäftigungsfähigkeit achten. Für einige wird es mit Anfang 60 schwierig zum Beispiel Pakete in die vierte Etage zuzustellen. Deshalb haben wir zusammen mit unseren Beschäftigten einen Generationenvertrag aufgelegt, der ab dem 55. Lebensjahr eine Teilzeitbeschäftigung ermöglicht und wir bieten Umschulungen an, etwa zu Berufskraftfahrern. Ebenso sind von unseren über 30.000 Beamten im Konzern einige zurück zum Bund gegangen, zum Beispiel zum Zoll oder zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.