Erste MillionJoey Kelly: „Ich bin mit dem Korb rumgegangen“

Joey Kelly, Musiker, Ausdauersportler und Geschäftsführer der Kelly Family
Joey Kelly, Musiker, Ausdauersportler und Geschäftsführer der Kelly Familydpa


Joey Kelly, 47, hat als Mitglied der Kelly Family erst auf der Straße, dann im Hausboot und schließlich in einem Schloss gelebt. Er ist Geschäfts-führer der Familienfirmen und seit 2000 außerdem als Ausdauersportler, TV-Star und Vortragsredner aktiv. Als Nächstes will er in einem alten Bulli nach Peking – ohne Geld, aber mit TV-Begleitung.


Capital: Sie sind in einer Familie von Straßenmusikern aufgewachsen. Wie war es arm zu sein?

JOEY KELLY: Es war immer belastend. Wir waren über viele Jahre finanziell am Limit. Es war belastend, nicht zu wissen, wie wir den Bus reparieren sollten, in dem wir lebten, nicht zu wissen, ob wir im Winter ein Ferienhaus mieten können oder bei minus zehn Grad auf dem Campingplatz überwintern müssen.

Ungewissheit war das Ärgste?

Man gewöhnt sich an Komfortlosigkeit, man gewöhnt sich an Kälte, man gewöhnt sich daran, dass man die ganze Woche das Gleiche isst. Aber an die Unsicherheit gewöhnt man sich nicht.

Es war ja auch eine wirtschaftliche Achterbahnfahrt mit den Kellys.

Ab 1976 haben wir versucht, von der Musik zu leben, 1979 hatten wir mit Polydor den ersten Plattenvertrag. Das dritte Album war ein Flop und dann waren wir ab 1981 wieder auf der Straße.

Die neue Capital
Die neue Capital

Dabei waren Sie schon sicher: Jetzt haben wir die Armut hinter uns gelassen?

Klar. Das denkt man, wenn man keine Ahnung hat, und blind Knebelverträge unterschreibt. Wir hatten zwar eine Platte mit Goldstatus, Ende der 70er-Jahre waren das noch 50.000 Alben. Aber wir haben keine Reserven zurücklegen können, so dass wir nach drei Jahren wieder ganz unten waren.

War das noch schlimmer als vorher?

Das war definitiv so. Wir mussten kämpfen. Man zweifelt an allem. Es war auch eine beschissene Zeit für die Familie. Meine Mutter ist gestorben, wir waren pleite, mein Vater war stark angeschlagen und der Kleinste, mein Bruder Angelo, war erst zehn Monate alt. Zehn Kinder, alleinerziehend, ohne Geld, es hätte auch kippen können. Wenn mein Vater es nicht gepackt hätte, wären wir alle im Heim gelandet.

Sie haben immerhin früh gelernt, dass Erfolg von Leistung und Einsatz abhängt.

Mir hat das geholfen. Ich habe immer gern gearbeitet. Es ist kein Zufall, dass ich zwölf Jahre lang bei allen unseren Auftritten mit dem Korb zweimal die Stunde rumgegangen bin.

Gibt es da Tricks?

Traurig oder mitleiderregend gucken, so etwas habe ich nie gemacht. Wenn du es nicht gut machst, wenn die Leute merken, du schämst dich, oder du traust dich nicht oder du gehst nicht nach vorne, dann fließt das Geld auch nicht. Du musst an die Menschen rangehen und freundlich sein und ihnen durch die Blume sagen: Vielleicht wollt ihr was spenden. Und dann brauchst du das, was ich immer Fever genannt habe: Der eine gibt Geld, und dann fühlt sich der andere auch bemüßigt, und dann wartest du, bis der erste gibt und du achtest darauf, dass die anderen das auch sehen. Das ist eine Taktik.

Erst 1994 kam dann der endgültige Durchbruch. Waren Sie sich da sicher: Jetzt haben wir es geschafft, jetzt müssen wir nie wieder zurück?

Das Album verkaufte sich allein in Deutschland 3,5 Millionen Mal, europaweit 8 Millionen Mal. Da war ich mir schon recht sicher, dass wir nicht wieder auf der Straße landen.