InterviewEin europäisches Betriebssystem für den digitalen Kapitalismus

Max Neufeind, Mitglied der Top 40 unter 40, ist im Bundesfinanzministerium mitverantwortlich für die Bereiche Strategie und Digitalisierung.
Max Neufeind, Mitglied der Top 40 unter 40, ist im Bundesfinanzministerium mitverantwortlich für die Bereiche Strategie und Digitalisierung.Annika Nagel


Max Neufeind, Jahrgang 1984, ist promovierter Arbeitspsychologe. Als Referent in der Grundsatzabteilung des Bundesarbeitsministeriums hat er am Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ mitgearbeitet. Heute ist er in der Leitungsabteilung des Bundesministeriums für Finanzen mitverantwortlich für die Bereiche Strategie und Digitalisierung. Max Neufeind ist teil der Jungen Elite von Capital.


Capital: Wie kann man sich Deine Arbeit im Finanzministerium vorstellen?

MAX NEUFEIND: Eine Aufgabe unseres Teams ist, Handlungsbedarfe und Handlungsoptionen, die sich aus dem digitalen Wandel ergeben, aufzubereiten. Da geht es zum Beispiel um die Frage, wie wir der amerikanischen und chinesischen Blaupause einer datenreichen Ökonomie ein eigenes Modell gegenüberstellen, das unseren europäischen Werten entspricht.

Vor diesem Job hast Du als Referent im Arbeitsministerium gearbeitet. Woher kommt Dein Interesse für die Zukunft der Arbeitswelt?

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. In meiner Jugend wurden in meiner Heimat die letzten Zechen geschlossen und ich konnte konkret erleben, was Strukturwandel bedeutet. Dass technologische und ökonomische Veränderungen auch soziale und kulturelle Folgen haben, dass Arbeit einen zentralen Stellenwert für die Identität von Menschen hat, diese Themen haben mich schon früh interessiert.

Du hast Praktika, u.a. bei Siemens und Kienbaum gemacht, inzwischen bist Du promovierter Arbeitspsychologe. Was sind Deine Forschungserkenntnisse zum Thema Arbeitskultur?

Dass es immer ein Wechselspiel gibt zwischen der Rolle, die Arbeit in einer Gesellschaft spielt und den Erfahrungen, die Menschen bei der Arbeit machen. Wenn wir mit allen Ressourcen so umgehen würden, wie dies teilweise mit sogenanntem Humankapital geschieht, kämen wir nicht weit. Wir müssen dahin kommen, dass wir die Interessen, das Hinterfragen, das Sicheinfühlenkönnen all der Menschen, die in unserem Land leben, als das größte Vermögen unsere Gesellschaft begreifen – gerade im digitalen Wandel. Für Unternehmen heißt das, Personalmanagement als kritisches Ressourcenmanagement zu verstehen.

Politik als Vermittler zwischen Marktkräften und Gesellschaft

Wenn Du das ändert möchtest, könntest Du nicht als Personaler in einem Unternehmen mehr bewirken als im Finanzministerium?

Die Politik setzt die Rahmenbedingungen für unsere Gesellschaft, also auch für die Arbeitswelt – zum Beispiel durch Mindeststandards wie das Arbeitszeitgesetz oder den Mindestlohn. Soziale Marktwirtschaft bedeutet, die schöpferische Kraft des Marktes zu nutzen, aber die Menschen nicht völlig den Marktkräften auszuliefern. Wir als Gesellschaft können mitgestalten, wie die Arbeitswelt von morgen aussehen wird. Da wir natürlich alle sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, braucht es die Politik als Vermittler und Hüter der Kompromisse auf die wir uns geeinigt haben. Dazu möchte ich beitragen.

Was sind für Dich die wichtigsten Fragen zur Zukunft der Arbeit, die heute diskutiert werden müssen?

Zum Einen, wie Mensch und Maschine in Zukunft zusammen arbeiten. Für jede Branche muss überlegt werden, welche Teile eines Berufsbildes voraussichtlich durch Maschinen ersetzt werden, wo die Fähigkeiten des Menschen durch Maschinen verstärkt werden und welche Fähigkeiten des Menschen auf absehbare Zeit einzigartig bleiben. Diese einzigartigen Fähigkeiten, zum Beispiel Empathie und Kreativität, sollten wir bei der Weiterentwicklung eines Berufsbildes besonders in den Blick nehmen. Ein weiteres wichtiges Thema sind die sozialen Rechte – zum Beispiel Mitsprache im Unternehmen oder Lohnfortzahlung trotz Krankheit. Wir sollten digitale Geschäftsmodelle fördern, die die sozialen Rechte weiterhin garantieren.

Mentoren als Pfeiler in Momenten der Irrationalität

Welche Faktoren haben Deinen bisherigen Berufsweg am meisten beeinflusst?

Ich würde sagen, zwei Personen: Auf jeden Fall mein Vater, der in mir ein Grundinteresse an einer Vielzahl von Themen geweckt hat. Und zuletzt mein Doktorvater, der mir beigebracht hat, dass es immer darum geht, mehr Menschen in die Wissenschaftsgemeinde aufzunehmen, aber auch das Wissen, über das man verfügt, in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten einzubringen.

Wie wichtig sind Mentoren auf dem Karriereweg?

Sie können auf jeden Fall wichtig sein in Momenten der Irrationalität, also wenn man aus dem Bestehenden heraustritt, etwas Unberechenbares wagt – das kann zum Beispiel sein, wenn man sich entschließt, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Mentoren sind aber nur dann gute Mentoren, wenn sie nicht so tun, als wäre ihre Karriere von Anfang an geplant gewesen.

Ab wann war deine Karriere geplant?

Vielleicht ist man erfolgreicher wenn man plant, aber glücklicher wenn man es nicht tut. Mich haben immer bestimmte Fragestellungen interessiert, zum Beispiel: Welche Bedeutung hat Arbeit für uns Menschen? Wie funktioniert der menschliche Geist? Ich habe mich in den gesellschaftlichen Sphären bewegt, in denen diese Frage verhandelt wird. Letztlich war es immer eher so, als stünde ich in einem Raum mit vielen Türen und probiere mehrere aus – und durch die eine, die besonders gut passt, gehe ich dann durch.

Wie sieht für Dich die perfekte Arbeitswelt aus?

Da muss man realistisch sein: Wenn die Ziele und Vorstellungen der Organisation und die des Arbeitnehmers – zum Beispiel bezüglich Führung, Arbeitsaufgaben und Arbeitszeiten – Zweidrittel der Zeit übereinstimmen, dann ist das schon ziemlich perfekt.