UnternehmenskulturWie aus Fehlern Erfolge werden

Mann der eine Frau anaschreibt
Symbolbild: Kollegen im BüroGetty Images

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ hieß es früher – heute fordern Wirtschaftsexperten eine „Fehlerkultur“ und Start-up-Gründer feiern ihre Misserfolge in „Fuck-up Nights“. Trotzdem ist das Scheitern noch lange nicht salonfähig geworden. Gerade in Deutschland – und insbesondere in Traditionsunternehmen aus Konzernwelt und Mittelstand – herrscht noch immer ein sehr großes Sicherheitsbedürfnis. Wer einmal gescheitert ist oder einen Insolvenzantrag gestellt hat, ist als Unternehmer verbrannt. In den USA hingegen sind Misserfolge ein Gütekriterium für unternehmerisches Handeln, Venture Capital erhalten oft nur Gründer, die aus negativen Erfahrungen gelernt haben.

Der Drang nach Perfektion ist so tief in der DNA des deutschen Unternehmertums verankert, dass es wenig Sinn macht, das ändern zu wollen. Dennoch erfordern Innovationen auch immer eine gewisse Risikobereitschaft. Mit den richtigen Maßnahmen können Unternehmen Mut beweisen, ohne dabei ihr funktionierendes Geschäft aufs Spiel zu setzen. So scheitern Unternehmen richtig – und machen aus Fehlern Erfolge:

#1 Raum schaffen

Unternehmen gehen große Risiken ein, wenn sie an neuen, disruptiven Geschäftsmodellen oder innovativen Produkten arbeiten. Um ihr Kerngeschäft nicht zu gefährden, sollten sie deshalb einen Raum schaffen, in dem Fehler ganz bewusst erlaubt sind. Zahlreiche Erfolgsgeschichten zeigen, dass solch ein „geschützter Raum“ gerade bei Digitalisierungsprojekten zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden kann.

Die Grundlage ist eine von der Kernorganisation losgelöste Einheit, in der mit Innovationsmethoden wie Design Thinking und Lean Start-up gearbeitet wird. Ganz im Sinne des agilen Projektmanagements werden kreative Ideen und Prototypen getestet, erste Pilotprojekte umgesetzt und Feedback direkt vom Kunden eingeholt. Hier ist nicht Perfektion gefragt, sondern die schnelle Umsetzung von Innovationen und ihre Weiterentwicklung nah am Kunden und seinen Bedürfnissen. So wird im „geschützten Raum“ bereits innerhalb weniger Wochen festgestellt, welche Produkte am Markt bestehen können.

Auch wenn hier neun von zehn Ideen scheitern – sie scheitern nach wenigen Tagen oder Wochen, bevor enormer Ressourcenaufwand betrieben wurde. Wichtig ist: In die Kernorganisation wird nur das übernommen, was auch validiert und marktfähig ist. Denn im Kerngeschäft ist weiterhin Perfektion gefordert.

#2 Schnell scheitern

Viele traditionelle Unternehmen und Großkonzerne arbeiten auch heute noch nach groß angelegten Drei- oder Fünf-Jahresplänen. Oft werden zweistellige Millionenbeträge in die Entwicklung vermeintlich perfekter Produkte oder den Aufbau von Plattformen oder Start-ups gepumpt. Ganze Abteilungen arbeiten mit Beratern über Monate oder gar Jahre an Projekten, die aber nie in realen Szenarien getestet werden. Die Enttäuschung ist groß, wenn das Produkt am Markt nicht bestehen kann und weder Umsatz noch relevante Daten oder einen positiven Effekt auf die Gewinn- und Verlustrechnung bringt. Um diesen Worst Case zu vermeiden, sollten Projekte bereits in einer sehr frühen Phase überprüft werden – und scheitern dürfen.

Agile Arbeitsmethoden helfen dabei, in kurzen Zyklen zu denken und bereits innerhalb weniger Wochen erste Ergebnisse oder Prototypen zu testen. Sind diese erfolgreich und optimierbar, wird das Projekt weiterverfolgt, andernfalls sofort abgebrochen. Wichtig ist auch, die Daten so validieren zu können, dass auf dieser Grundlage schnell Entscheidungen getroffen werden können. „Fail often, fail fast, fail cheap“ – das Mantra erfolgreicher Start-ups hilft dabei, den finanziellen und personellen Ressourcenaufwand auf ein Minimum zu reduzieren, weil nur die Projekte weiterverfolgt werden, die auch wirklich Sinn machen.

#3 Distanz aufbauen

Erfolgreiche Unternehmer werden oft angetrieben von einer großen Leidenschaft und Macher-Mentalität. Sie brennen für ihre Idee und glauben fest daran, dass sie erfolgreich werden kann. Das ist auch gut so, denn nur die wenigsten könnten sich dazu motivieren, ein Projekt zu verfolgen, das möglicherweise zum Scheitern verurteilt ist. Dennoch ist es wichtig, Ideen unvoreingenommen zu beurteilen – nicht nach Bauchgefühl, sondern anhand konkreter Daten.

Oft hilft es auch schon, nicht diejenigen mit der Umsetzung von Innovationen zu betrauen, von denen die Ideen stammen. Andernfalls kann es passieren, dass Ideengeber so sehr an ihrem „Baby“ hängen, dass sie es um jeden Preis realisieren wollen – auch wenn es wenig Sinn macht. Unternehmen können Misserfolge vermeiden, indem sie schon sehr früh externe, unabhängige Experten mit ins Boot holen, die objektiv bewerten können, wann und wie ein Scheitern Sinn macht.

Schnelles, unaufgeregtes Scheitern

Schnell und Ressourcen schonend entwickeln, in realen Szenarien testen, aus Fehlern lernen und kontinuierlich besser werden – dies sind die Grundlagen der Lean Start-up-Philosophie, die mit ihrem Credo „Build – Measure – Learn“ für eine Kultur des Scheiterns steht wie keine andere. Bis deutsche Mittelständler und Großkonzerne das Scheitern auch als wichtigen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur begreifen, ist es noch ein weiter Weg. Und doch können sie bereits jetzt die richtigen Weichen stellen und Freiräume schaffen, in denen schnelles, unaufgeregtes Scheitern möglich ist.