Interview"Die klassische Management-Hierarchie hat ausgedient"

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Wodurch zeigt sich denn konkret, dass Ihr Ansatz besser ist?

Nun es gibt wie gesagt mittlerweile eine Vielzahl von Firmen, die diesen Ansatz verfolgen. Damit haben wir Fälle, über die man Daten sammeln kann. Die Harvard Business School hat mittlerweile zwei Studien dazu durchgeführt und Daten erhoben. Und was man da ablesen kann, ist zum Beispiel, dass unser Ansatz es leichter macht, Veränderungen anzuschieben. Und einen Rahmen zu schaffen, in dem Leute ihre Arbeit wirklich erledigen.

Machen Sie das bitte noch konkreter.

Ein Beispiel: Eine Firma hat gemessen, wie viele Meeting-Minuten es im Schnitt braucht, um ein klares Ergebnis oder eine klare Entscheidung zu erzielen. Und es hat sich gezeigt, dass die Zahl der Minuten um über 90 Prozent reduziert wurde seit Einführung des Systems.

Interessant. Man könnte ja meinen, dass die Beseitigung von Hierarchien eher zu längeren, zäheren Meetings führt, zu Chaos…

Das ist eines der großen Missverständnisse rund um Holacracy. Die Leute denken oft, wenn man Hierarchie beseitigt, heißt das, dass Struktur komplett verloren geht. Das Gegenteil ist der Fall. Unternehmen, die Holacracy einführen, haben mehr Struktur nicht weniger als in einer klassischen Managementhierarchie. Es ist nur eine andere Struktur.

Und wie genau sieht diese Struktur aus?

Die Struktur ist hier das Ergebnis des Lernprozesses eines Teams. Mit der Grundfrage, wie wir zusammenarbeiten müssen, um maximale Effektivität zu erreichen. Anstatt den Chef oder die Personalabteilung die Struktur definieren zu lassen, haben Sie ein Team, wo alle beteiligt sind, um zu klären, was wir eigentlich voneinander erwarten. Wer muss welche Entscheidungen treffen? Das Endergebnis ist: mehr Struktur.

Klingt aber schon ein wenig nach langen Entscheidungsschleifen. Weil es niemand gibt, der sagt: Das wird jetzt so gemacht und basta!

Auch das ist ein gängiges Missverständnis zu Holacracy. Oft denken die Leute, dass hier alle Entscheidungen durch eine Art Gruppenprozess getroffen werden müssen, durch Konsens, in vielen Meetings. Mit Holacracy haben Sie aber tatsächlich im Gegenteil mehr autokratische Entscheidungsfindungen als in der klassischen Management-Hierarchie.

Das müssen Sie erklären.

Weil es einen Prozess gibt, der nicht auf Gruppenentscheidungen ausgerichtet ist. Sondern es ist stattdessen klar, wer welche Entscheidung trifft und was erwartet wird. Wenn das geklärt ist, brauchst du kein Meeting mehr. Du brauchst nur eine Person, die ihre klar definierte Rolle hat und die Entscheidungen dafür autonom trifft.

Also jeder Einzelne wird zum selbstverantwortlichen Unternehmer für seinen Bereich…

Es ist wie in der Gesellschaft, in der ich Entscheidungen für mein Haus und Eigentum treffe und mein Nachbar Entscheidungen für seines. Wenn ich mein Haus renovieren möchte, muss ich kein großes Treffen der Nachbarschaft einberufen.