KolumneDie große Schlampigkeit

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Sommer 2018 – vielleicht erinnern Sie sich noch an die Zeit, in der die Schlagzeilen nicht von Corona, sondern vom Wetter beherrscht wurden. Ganz Europa ächzte unter dem rekordverdächtigen Sommer, selbst meine Hitze-erprobten Nachbarn in Barcelona stöhnten. Doch im September wurde das Wetter für viele Tage von einer anderen Schlagzeile verdrängt: Bei Meppen hat eine fehlgelenkte Bundeswehr-Rakete eine Moorfläche entzündet, der Brand ist außer Kontrolle.

Entstanden war der Großbrand durch eine Aneinanderreihung von Schlampigkeiten: So hatte keiner sorgfältig geprüft, ob eine Schießübung trotz Waldbrandwarnung vertretbar ist, ob die bereitstehende Feuerlöschraupe zuverlässig funktioniert oder wie die Kommunikation mit den zivilen Feuerwehren und dem THW für den Notfall laufen soll.

Obwohl in Spitzenzeiten bis zu 1700 Brandbekämpfer gleichzeitig im Einsatz waren, dauerte es Wochen, bis die letzten Herde gelöscht waren. Denn Moorbrände haben eine unangenehme Eigenschaft: Die Glut breitet sich unsichtbar unter der Oberfläche aus und ist dort extrem schwer zu lokalisieren und zu bekämpfen. So kann ein gigantischer Schaden entstehen.

Und den befürchte ich für die deutsche Wirtschaft gerade auch.

Die Wirtschaftswährung

Die wohl wichtigste Währung in der Wirtschaft ist Vertrauen. Jeder Unternehmer weiß, dass er in erster Linie Vertrauen verkauft – das Vertrauen, dass er die versprochene Leistung auch zu erfüllen vermag. Warum sollten Sie ein Geschäft mit jemandem machen, dem Sie nicht vertrauen? Auch wenn Sie Ihr Recht zur Not auch einklagen könnten, aber wollen Sie das?

Ich wage sogar zu behaupten, dass eine Wirtschaft grundsätzlich umso fortschrittlicher sein kann, je mehr Vertrauen herrscht. Der Grund: Vertrauen reduziert die wahrgenommene Komplexität.

Der Komplexitätsreduzierer

Komplexe Situationen sind geprägt von Überraschungen und Unwissen. So auch jedes soziale System: Sie können nie genau wissen, welche Absichten Ihr Kunde, Lieferant, Wettbewerber hat, was er denkt, fühlt oder plant. Selbst bei Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner werden Sie das nie exakt einschätzen können. Zum Glück übrigens, sonst würde sich jegliche Kommunikation zwischen Ihnen beiden erübrigen und Ihre Beziehung wäre tot.

Wollen Sie nun trotz Ihres Unwissens handlungsfähig sein, dann brauchen Sie Vertrauen: Sie müssen sich auf vieles verlassen können. Darauf, dass der geschlossene Vertrag noch gilt, dass Ihre Bank noch funktioniert, dass Ihre Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen können. Denn dann brauchen Sie sich nicht auf alle Eventualitäten einstellen, sondern nur noch auf wenige. Sie können sich fokussieren: auf die Entwicklung Ihrer neuen Maschine, auf Ihre Produkteinführung in einem neuen Markt, auf das Geschäftsmodell Ihres neuen Online-Dienstes. Sie können also viel gezielter handeln, Sie sind ungleich effizienter und effektiver.