KolumneVorsicht vor falschen Superhelden!

Die Deutsche Bank ist eine Baustelle
Die Deutsche Bank ist eine Baustelledpa

Die Deutsche Bank hat einen neuen Chef: Christian Sewing ist der jüngste Vorstandsvorsitzende in der Geschichte der Organisation. Er ist der neue Held am Horizont, der kam, sah und recht triviale Aussagen lieferte. Er müsse „harte Entscheidungen treffen“ und die Deutsche Bank müsse ihre „Jägermentalität“ wiederfinden. Solche Phrasen haben mich noch nie überzeugt. Sie halten intern wie extern aber wohl nicht davon ab, an den Mann eine ganz große Hoffnung zu hängen und ihn zum Superheld der Organisation hochzuloben, inklusive Superhelden-Cape.

Wie viel besser kann Sewing nun also alles machen bei der Deutschen Bank?

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ich kann es förmlich vor mir sehen: Der Aufsichtsrat klopft sich auf die Schulter, man hätte die Krise abgewendet, der Neue wird es schon richten. Denn eines ist klar: Der in Ungnade gefallene John Cryan in Person muss schuld gewesen sein, dass es zuletzt nicht so gut lief. Christian Sewing hingegen kennt das Unternehmen von Grund auf, hatte dort schon seine Anfänge und war bisher der Stellvertreter, das muss ja laufen …

Ich frage mich angesichts dieser Marionettenschau, ob es überhaupt noch relevant ist, wer in der Rolle des Retters oder Superhelden gecastet wird. Besser gesagt: Viel spricht dafür, dass die Protagonisten weitestgehend austauschbar sind.

Wenn sich ein Problem auch mit unterschiedlichen Menschen immer wieder wiederholt, dann wird es Zeit, sich zu fragen, ob das fortlaufende Austauschen der Geschäftsleitung wirklich des Pudels Kern ist. Auch bei der Deutschen Bank. Ich bin zwar kein Finanzprofi, behaupte jedoch, sie hat immer noch dieselben Probleme, die sie auch vor fünf oder gar zehn Jahren schon hatte. Die Deutsche Bank kämpft mit eklatanten Wertschöpfungsproblemen. Sie kreiert ganz offensichtlich keine besseren Angebote oder Ideen als ihre Wettbewerber. Sie punktet aber auch nicht mit schnelleren Prozessen oder einer höheren Innovation als der Rest des Marktes. Und diese fehlende Wertschöpfung – die das eigentliche Problem ist – findet gar nicht in der Führungsetage statt, sondern ist heute ein sehr komplexes und schwer steuerbares Gebilde.

Das klassische Management kollabiert – aber gerade solche Traditionshäuser wie die Deutsche Bank (oder Volkswagen) wollen das nicht wahrhaben. Also bekommt schlicht ein Neuer die Rolle des Superhelden zugewiesen und muss zusehen, ob er sie ausfüllen kann.

Aber wenn der Chef nichts ändern kann, wer dann?

Somit kommt das ganze Szenario einem klassischen Brettspiel verdammt nahe. Jeder Mitarbeiter spielt das Spiel mit, er wird quasi vom Spiel und seinen Spielregeln instrumentalisiert. Streng genommen spielt also das Spiel den Spieler. Jeder hat seinen Startplatz, seine festgelegte Rolle im Spielverlauf und auch ein Chef ist involviert. Es gibt kulturelle Kraftfelder, die gerade neues Verhalten zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich machen. Laufen Sie mal beim Monopoly-Spiel einfach immer nur im Kreis, ohne eine Straße zu kaufen oder ein Hotel zu bauen. Sie werden sehen, wie lange das Spaß macht und sie weiter mitspielen dürfen.

Wenn die Organisationsstruktur mit ihren selbst erschaffenen Regeln – all den aus dem Industriezeitalter stammenden Ritualen und Praktiken – schuld an den festgefahrenen Bahnen sind, muss etwas geschehen. Daran kann dann nur formale Macht etwas ändern – und formale Macht liegt nun mal beim CEO. Unter diesem Gesichtspunkt können wir unseren Blick also durchaus auf Sewing richten, müssen wir sogar. Er könnte gerade an dieser Stelle etwas verändern. Aber hier ist seine immens lange Zeit bei der Deutschen Bank ein wichtiger Faktor. Er kennt das Spielfeld und die Rollen, vielleicht sogar besser als jeder andere dort. Wenn er also in den letzten Jahrzehnten keine Probleme damit hatte, sich an die gängigen Spielregeln zu halten, wieso sollte er nun etwas ändern?

Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass er sich jetzt fragt, wie er das Spiel besser spielen kann – anstatt die Spielregeln zu verändern. Weil er bei der Deutschen Bank eine Rolle spielt, genau wie alle anderen vermeintlichen Superhelden vor ihm.

Und in der Rolle des CEOs spielt heute für Sie …

Bevor Sie nun denken: „Wie kann der Vollmer es wagen, so eine ernste Situation mit einem Spiel zu vergleichen? Hier geht es um zigtausend Arbeitsplätze und das Geld unzähliger Anleger!“, lassen Sie mich versichern: Ich meine es bitterernst und genau deshalb ist es an der Zeit, die Situation mal mit einem Spiel zu vergleichen, um aus dieser Perspektive heraus die eigentlichen Probleme im Hintergrund zu erkennen.

Schließlich folgt jede Organisation ihrer eigenen ganz bestimmten Spielanleitung. Und jeder – sei es der Vorstand, die Mitarbeiter, die Presse oder die Kunden – hat innerhalb dieses Spiels eine gewisse Erwartung an die einzelnen Spieler. Christian Sewing wird es tunlichst vermeiden, aus dieser erwarteten Rolle auszubrechen. In dem Moment, in dem er das Spiel in der Rolle des CEOs zu spielen beginnt, hält er sich an die Spielregeln. Denn durch seine Erfahrung im Unternehmen weiß er bestimmt, dass sich das Immunsystem des Unternehmens regt und beginnt, gegen den „Fremdkörper“ zu wüten, wenn er aus der Reihe tanzt.

Dann wäre Sewing „schuld“, wenn die Deutsche Bank nicht demnächst zu alter Größe zurückkehrt. Oder wenn sie weiter wie ein erschrecktes Reh ins herannahende Scheinwerferlicht starrt, anstatt die beschworene Jägermentalität in sich wiederzufinden.

Weg mit der Moral!

Diese Personifizierungen, die Erfolg oder Misserfolg an einzelne Spieler im großen Organisationsspiel knüpfen, müssen endlich aufhören! Keine Superheldenverehrung mehr. Denn ein Held kann tief fallen und schwer enttäuschen. Das hat nichts mit der Person zu tun, sondern mit der Rolle.

Geht es in drei Jahren also bergauf mit der Deutschen Bank? Ich weiß es nicht. Das Dumme an der Personifizierungssucht ist: Dann würde der Erfolg mit Sicherheit Sewing zugeschrieben. Aber das ist genauso falsch wie die Tatsache, dass der bisherige Misserfolg seinen Vorgängern vorgeworfen wurde.

Vielleicht denkt der eine oder andere Funktionär der Deutschen Bank also nochmal darüber nach, ob der neue Superheld an der Spitze wirklich die Lösung für alle Probleme ist. Oder – ja, vielleicht greift sich sogar manche Führungskraft erleichtert an die Brust, wenn sie erkennt: Auch die Superhelden der Chefetage müssen den Fehler nicht immer bei sich selbst suchen. Denn wenn es bereits unterm Vorgänger schlecht lief und unter dessen Vorgänger auch, dann könnte die Krux in der Organisation selbst und nicht in der Mentalität liegen. Was für eine Erkenntnis das doch wäre!