EssayWer ist der Reichste?

Seite: 2 von 2

Rockefeller war reicher als Crassus

Springen wir in die Gegenwart und wenden den gleichen Ansatz auf drei berühmte amerikanische Reiche an: Andrew Carnegie, John D. Rockefeller und Bill Gates. Carnegies Vermögen erreichte 1901 seinen Zenit, als er US Steel kaufte. Sein Aktienpaket an dem Unternehmen hatte einen Wert von 225 Mio. Dollar.

Wir gehen erneut von sechs Prozent Zinsen aus und berücksichtigen, dass das Pro-Kopf-Einkommen, in Preisen von 1901 gerechnet, 282 Dollar betrug. Dies führt zu dem Schluss, dass Carnegie wohlhabender war als Crassus. Sein Jahreseinkommen hätte es dem Stahl-Tycoon erlaubt, die Arbeitskraft von nahezu 48.000 Menschen zu bezahlen, ohne sein Vermögen aufzuzehren.

Und Rockefeller? Der war auf dem Höhepunkt seines Schaffens im Jahr 1937 rund 1,4 Mrd. Dollar schwer.

Er hätte sich die Arbeitskraft von 116.000 Amerikanern leisten können. Rockefeller war also fast viermal so reich wie Crassus und mehr als doppelt so reich wie Carnegie. Das Rose-Bowl-Stadion in Pasadena hätten Rockefellers Arbeitskräfte locker gefüllt – und draußen hätte es noch Schlangen gegeben.

Ist Slim der reichste Mann überhaupt?

Wie schneidet Bill Gates bei diesem Vergleich ab?

Gates‘ Vermögen wurde 2005 vom „Forbes“-Magazin auf 50 Mrd. Dollar taxiert, sein Jahreseinkommen lag demnach bei rund 3 Mrd. Dollar. Bei einem amerikanischen Pro-Kopf-BIP von etwa 40.000 Dollar hätte Gates die Arbeitskraft von 75.000 Menschen erwerben können – womit er irgendwo zwischen Carnegie und Rockefeller rangiert und weit über dem „armen“ Crassus.

Offen bleibt bei diesen Berechnungen, wie man mit Milliardären wie Russlands Michail Chodorkowski oder Carlos Slim aus Mexiko umgeht. Ihr Platz in der Reichstenliste hängt davon ab, ob wir schlicht den Dollar-Betrag ihres Vermögens mit dem von anderen Milliardären auf dem Globus vergleichen – oder ob wir nationale Arbeitskosten berücksichtigen.

Vor acht Jahren war der Ölmagnat Chodorkowski der reichste Mann Russlands, sein Vermögen betrug geschätzte 24 Mrd. Dollar. Absolut gesehen war er damit deutlich ärmer als Bill Gates. Andererseits: Daheim hätte Chodorkowskis Jahreseinkommen ausgereicht, um mehr als eine Viertelmillion Durchschnittsverdiener einzustellen. Dank des geringen Einkommens seiner Landsleute war Chodorkowski sogar reicher als Rockefeller.

Die potenzielle politische Macht dieses Vermögens war es vermutlich, die den Kreml auf Chodorkowski aufmerksam werden ließ. Der Unternehmer wusste um seinen Einfluss und spielte ihn gezielt aus. Mit China und Amerika verhandelte er fast wie ein Staat über den Bau einer neuen Erdgas- und Erdölpipeline. Dieses Gebaren, gepaart mit Kritik an der Regierung, führte zu Chodorkowskis Absturz und schließlich zu seiner Inhaftierung. In Russland ist ein Umweg über Sibirien häufig ja nur eine Episode zwischen zwei Machtphasen – vielleicht gilt das auch für Chodorkowski.

Der mexikanische Telekommagnat Carlos Slim allerdings toppt den russischen Oligarchen noch. 2009, also vor der Finanzkrise, besaß Slim „Forbes“ zufolge mehr als 53 Mrd. Dollar. Mit dem daraus resultierenden Jahreseinkommen hätte er, gemessen an den nationalen Löhnen, 440.000 Mexikaner zu Diensten haben können. Solche Massen fasst nicht einmal das berühmte Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Also ist Carlos Slim der reichste Mensch aller Zeiten, oder?

Als zusätzlicher Vergleichsmaßstab ließe sich noch die Bevölkerungsgröße einführen. Die 32.000 Arbeitskräfte, die Crassus von seinem Jahresgehalt hätte einstellen können, entsprechen jedem 1500. Bewohner des damaligen Römischen Reichs. Zu Rockefellers Zeiten wäre es jeder 1100. US-Bürger gewesen. Der Amerikaner schlägt Crassus also.

Lässt sich bei all diesen möglichen Maßstäben am Ende überhaupt objektiv sagen, wer der reichste Mensch der Geschichte war? Die Reichen neigen zum „Globalisieren“ und messen ihr Vermögen an dem der Wohlhabenden aus anderen Ländern. Aus diesem Grund war vermutlich Rockefeller der Reichste von allen. Denn er konnte zum damaligen Zeitpunkt im reichsten Land der Erde die meisten Arbeitnehmer beschäftigen.

Der einflussreichste Mann der Welt war Rockefeller deshalb aber noch lange nicht: Wann immer ein Ultrareicher beschließt, in seinem Heimatland eine politische Rolle zu übernehmen – sei es in den USA, in Russland oder in Mexiko -, reicht die Macht weit über den rechnerischen Kontostand hinaus.

Branko Milanovic: Der Weltbank-Ökonom hat sich auf die Erforschung der weltweiten Armut und Ungleichverteilung spezialisiert. 2011 veröffentlichte er das Buch „The Haves and the Have-Nots – A Brief and Idiosyncratic History of Global Inequality“

Der Essay erschien zuerst in Capital 01/2012