TrendsMrs. Coworking

Sie muss ganz tief runter, um unter dem Sichtschutz der Glaswände hindurch einen Blick in die Büros zu erhaschen. „Da, Beine am Schreibtisch!“ Giggelnd taucht Anita Gödiker wieder auf. Es ist so ruhig im Haus, dass sie mal schauen will, ob überhaupt schon jemand im Büro ist – und das sieht man nur in Bodennähe.

Weiter geht es durch das denkmalgeschützte Haus Cumberland in Berlin, ein früheres Grandhotel aus der Gründerzeit in bester Lage auf dem Kurfürstendamm. Statt Betten aber stehen in den kernsanierten zwei Etagen jetzt Schreibtische. 52 Büros, vier Bürosuiten und vier Tagungsräume verteilen sich auf 2500 Quadratmetern, und der Weg zu den schicken Arbeitsparzellen führt vorbei an Leseecken, Cafeterien, Kaminzimmern, selbst Bädern mit Dusche.

Satellite Office heißt die Adresse, und sie ist die Luxusvariante einer Bürogemeinschaft. Novartis und Fendi haben hier Büros für Mitarbeiter gemietet, Roche eine ganze Suite für ein Projektteam. Dazwischen Anwälte, Berater, Lobbyisten. Früher hätte man das ein Businesscenter genannt. Heute spricht man lieber von Coworking-Space, und das Konzept der schicken Mietbüros boomt weltweit – was man auch daran erkennt, dass die Bewertung des Coworking-Anbieters Wework aus den USA zuletzt auf sagenhafte 18 Mrd. Dollar stieg.

Den Begriff geprägt hat ein Programmierer aus San Francisco, als er 2005 sein – wie er fand: brandneues – Bürokonzept präsentierte. Und natürlich klingt das, was da als eine Revolution des Arbeitens ausgerufen wird, nach einem Trend aus dem Silicon Valley: flexible Büros für kreatives Arbeiten – egal ob für Einzelkämpfer an ihren Laptops oder für Großkonzerne, die Projektgruppen zeitweilig in ein fruchtbares Biotop auslagern wollen.

Ende mit Krawattennadel

Bloß für Anita Gödiker, Radiologieassistentin aus dem Emsland, ist das alles ein alter Hut. Sie macht das schon seit 20 Jahren so. Damals gab es nur die Platzhirsche am Immobilienmarkt wie Regus mit standardisierten Büros und pragmatischen Kosten-Nutzen-Konzepten. Sie setzte mit neuen Ideen dagegen, etwa mit Freiflächen zum Sitzen, Kaffeetrinken, Austauschen. „Bei mir sollen sich alle wohlfühlen. Es muss menscheln“, sagt Gödiker. Ihre Idee ist bis heute ein gutes Geschäft. Einige der bekanntesten deutschen Start-ups haben in ihren Räumen begonnen, und bald eröffnet sie den neunten Standort in der sechsten Stadt.

Aber, wie es Pionieren oft so geht: Im großen Boom muss Gödiker nun aufpassen, dass ihre Idee, die der Zeit voraus war, nicht plötzlich den Anschluss verliert.

Gödiker hat ganz klein angefangen. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie im Emsland auf dem Dorf. Der Vater empfiehlt ihr eine Schneiderlehre, aber sie will raus, macht eine Ausbildung zur Radiologieassistentin in Hannover. 1987 geht sie zu Siemens und berät Arztpraxen und Krankenhäuser beim Computerkauf. Die Karriere ist rasant, von der Vertriebsassistentin zur Geschäftsstellenleiterin geht es schnell.

Nach fünf Jahren wird sie als „Top-Top-Sellerin“ des Vertriebsteams geehrt. Bei der pompösen Feier in Südafrika sind die Chefs selbst verdutzt, dass erstmals eine Frau auf dem Siegertreppchen steht, und halten ihr verschämt eine goldene Krawattennadel entgegen. Gödiker, nie um einen flotten Spruch verlegen, pariert: „Ich besorge mir einen Schlips für Ihre Nadel, und Sie besorgen mir eine Harley mit Fahrer.“

Danach kündigt sie. „Nach Südafrika wusste ich, dass ich als Frau in diesem Konzern nicht mehr erreichen kann.“ Mit 36 will sie etwas Neues machen, braucht aber erst mal einen „frischen Schädel“, packt den Rucksack und reist nach Mykonos. Aus den drei Wochen Griechenland wird ein Jahr. Danach kehrt sie zurück nach Berlin und zapft ihr altes Medizinernetzwerk an.

Erste Büroetage in Berlin 1997

Einer ihrer Förderer rät ihr, sich selbstständig zu machen. Der erste Versuch floppt. Dann aber fällt ihr auf, wie viele Unternehmen aus ihrer Heimat an großen Bauprojekten in Berlin arbeiten, etwa der Restaurierung des Brandenburger Tors. Alles befristete Projekte, bei denen die Experten aus dem Emsland zwischen Baucontainer und Hotel pendeln – fernab des Firmensitzes, ohne die mobilen Technologien von heute. Sollten die mit Schreibmaschine auf der Bettkante im Hotel sitzen und Verhandlungen in der Lobby führen?

Also mietet Gödiker 1997 ihre erste Büroetage in Berlin. 800 Quadratmeter am Checkpoint Charlie zwischen Mauerresten und der Brache am Potsdamer Platz, im Aufbaufieber der neuen Hauptstadt. Sie richtet Büros ein, einen Empfang mit Sekretärin, Postdienst, Konferenzraum und Kaffeeküche. Fertig ist ihr Emsland-Haus. Der Vermieter zweifelte am Konzept mit Kunden, die sich kein eigenes Büro leisten wollen. „Aber für einen üppigen Mietzins, festgelegt auf zehn Jahre, war er dann doch zu haben“, sagt sie. Dann kam das Internet – und ganz neue Kunden.

Die Schnappatmung kann Gödiker ganz gut nachmachen, mit der ihre Teenager-Nichte vor mehr als zehn Jahren in ihr Büro stürmte. Sie stammelte etwas von einem Malte, den sie auf dem Flur getroffen habe. Mit dem müsse sie unbedingt ein Foto machen, damit sie auf seine Plattform komme. Die Tante hatte keine Ahnung, was dieser Malte und sein Kumpel, die sich bei ihr eingemietet hatten, eigentlich taten. „Diese Jungs schlurften in Sneakern über die Flure, mit Headset und Handy“, sagt sie heute. Tatsächlich zog Malte Behrens damals das Deutschlandgeschäft der US-Musikplattform Myspace hoch. News-Corp-Chef Rupert Murdoch hatte gerade 580 Mio. Dollar für das Netzwerk auf den Tisch gelegt.

Natürlich kannte ihre Nichte Myspace. Gödiker dagegen kokettiert gern mit ihrer Tech-Ignoranz. Beim Einrichten des ersten Büros habe sie sich von einem Telekom-Berater überreden lassen müssen, vorsorglich dickere Kabelröhren zu verlegen, um demnächst Leitungen für „dieses Internet“ zu ziehen. Es war ein guter Entschluss, stellte sich heraus.

Die Myspace-Jungs kamen zu zweit, erinnert sich Gödiker, und brauchten ruckzuck Platz für 20 weitere Mitarbeiter. Auch Internetstars der ersten Stunde wie Pixelpark-Gründer Paulus Neef und die Samwer-Brüder mit ihrem Klingeltonteam Jamba schlüpften kurzzeitig bei Satellite Office unter. Alle waren wenig auf Interieur, aber sehr auf praktischen Büroservice und vor allem auf ihren Erfolg konzentriert.

„Wir haben sie intern liebevoll ‚Roter Drache‘ genannt“, erinnert sich Joel Berger, Ex-Deutschlandchef von Myspace und heute Manager bei Google, an Gödiker. Und es sei wirklich liebevoll gewesen, betont er. „Sie hat immer alles für uns möglich gemacht, mit vollem Einsatz.“

Aus Kunden werden Mitglieder eines Netzwerks

Das Geschäft hat sich in den letzten 20 Jahren durchaus verändert. Es geht längst nicht mehr allein darum, Büroräume zu vermieten. Vielmehr ist es heute ein bunter Strauß Serviceleistungen, für die Kunden bei Bedarf zahlen: Projekt- und Konferenzräume, exklusive Veranstaltungen, Coachings, Beratungen und Briefkastenanschriften. Vor allem sind die Kunden in Coworking-Spaces heute nicht mehr einfach Kunden oder Mieter, sondern: Mitglieder eines Netzwerks. Und der Austausch untereinander ist ein weiterer Grund, warum Coworking für so viele interessant ist.

Auch dafür werden die meist zwischen 160 und 300 Euro Mitgliedsbeitrag pro Monat fällig. Anita Gödiker bietet bei Satellite Office Mitgliedschaften ab 79 Euro im Monat, Tagesbüros gibt es ab 29 Euro pro Stunde und eine Zehnerkarte Coworking ab 199 Euro.

Die Tarife seien mittlerweile ein entscheidendes Kriterium, weil so viele Wettbewerber aggressiv in den Markt drängten, sagt Ansgar Oberholz. Der Berliner Gastronom ist selbst eine Institution in der Coworkerszene. 2005 hat er das Café St. Oberholz in Mitte eröffnet und mit seinem Konzept für Aufsehen gesorgt: Er stellte lange Holztische auf, legte Steckdosen und bot freien W-Lan-Zugang. Scharen von Freelancern trugen ihre Laptops zum Arbeiten hierher. Start-ups wie Soundcloud und Hellofresh machten hier ihre ersten Schritte.

„Es hieß lange, dieses Coworking werde wieder weggehen“, sagt Oberholz. Tatsächlich existieren in Berlin und anderen Metropolen längst bekanntere Anbieter wie Betahaus, Places und Factory mehr oder weniger friedlich nebeneinander, auch Gödiker und Oberholz kommen sich mit ihren unterschiedlichen Konzepten kaum in die Quere.

Das Wachstum, sagt Oberholz, „nahm richtig Fahrt auf, als die großen Konzerne nach Berlin kamen“. Eine kreative Umgebung, der Zugang zu begehrten Experten, die flexiblen und damit letztlich meist güns-tigeren Arbeitsplätze treffen gerade auf ein großes Bedürfnis in der Wirtschaft. „Die setzen seitdem ihre Innovationsteams in unsere Spaces, damit die Mitarbeiter die gleiche Luft wie die Start-ups atmen“, sagt Oberholz.

„Wir liefern die Filetstückchen“

Die Nachfrage nach Coworking ist explodiert, das Angebot auch: In Deutschland gibt es laut dem Branchenanalysten Crisp Research rund 650 Anbieter, die den Gedanken des Coworkings aufgreifen. Allerdings seien davon nur 250 „echte“ Coworking-Spaces, die mit neuen Raumkonzepten und Netzwerken Mitglieder werben. Der größte Anbieter unter ihnen ist Wework aus den USA: Seit 2010 im Markt und von vornherein auf internationale Expansion getrimmt, führen sie mittlerweile 110 Büros in zwölf Ländern, fünf davon in Deutschland.

Das Unternehmen wächst rasant, und Investoren wie JP Morgan sehen offenbar noch viel Potenzial – auch dank ihnen ist die Bewertung von Wework auf gewaltige 18 Mrd. Dollar geklettert. Tatsächlich lagern Großkonzerne wie IBM mittlerweile schon große Teile ihrer Arbeitsplätze an Wework aus. Wework hat heute weltweit 100.000 Mitglieder.

Anita Gödikers Netzwerk hat nur 1600. Zu groß will sie gar nicht werden, denn das „Menschliche“, wie sie häufig betont, im Umgang und Service – das ließe sich eben nicht am Fließband skalieren. Und außerdem: „Meine Kunden legen Wert auf Qualität und Effizienz. Die wollen Ruhe. Keinen Kanarienvogel, kein Aquarium, keine Schaukel, keine Rutsche im Büro“, sagt sie. „Fast Food machen die anderen. Wir liefern die Filetstückchen.“

Eine von Gödikers ganz alten Kundinnen, seit 18 Jahren bei Satellite Office, ist die Medienberaterin Gabriele Wiechatzek, Parteifreundin und Vertraute Angela Merkels. „Vor allem Politiker wollen sich nicht immer da treffen, wo sie erkannt und angesprochen werden“, sagt sie.

Die Ansprüche seien da vor 20 Jahren nicht anders gewesen als heute, bestätigt Gödiker, die ihre Kunden regelmäßig befragt und bei der Arbeit beobachtet. Wichtig immer: Wer arbeitet, will seine Ruhe haben. Klar. Aber es sind die Details, die Gödiker im Laufe der Jahre entdeckt hat: Niemand wende etwa bei der Arbeit gern den Rücken zu einem offenen Durchgangsbereich, die Leute suchten gerade in den sogenannten Open Spaces Schutz. Deshalb zieht sie nun Raumteiler ein und lässt jetzt die neuen Bänke im Cumberland Haus mit höheren Lehnen ausstatten. In jeden neuen Standort investiert sie rund 1 Mio. Euro.

In den letzten 20 Jahren hat Gödiker sich bei dem Geschäftskonzept immer auf ihren Instinkt verlassen. Das allein reicht heute vielleicht nicht mehr, gesteht sie ein. Deshalb hat sie einen Beirat mit bislang acht Mitgliedern gegründet, darunter ein Bankenvorstand und ein Automarketingexperte. Mit denen will sie die Zukunftsfähigkeit ihres Konzepts regelmäßig hinterfragen. „Das mache ich, damit mein Unternehmen nicht endet wie etwa Schlecker oder Kodak. Deren Geschäftsideen waren revolutionär, aber die zeitgemäße Entwicklung haben sie verschlafen.“