TrendsMrs. Coworking

Seite: 2 von 3

Erste Büroetage in Berlin 1997

Einer ihrer Förderer rät ihr, sich selbstständig zu machen. Der erste Versuch floppt. Dann aber fällt ihr auf, wie viele Unternehmen aus ihrer Heimat an großen Bauprojekten in Berlin arbeiten, etwa der Restaurierung des Brandenburger Tors. Alles befristete Projekte, bei denen die Experten aus dem Emsland zwischen Baucontainer und Hotel pendeln – fernab des Firmensitzes, ohne die mobilen Technologien von heute. Sollten die mit Schreibmaschine auf der Bettkante im Hotel sitzen und Verhandlungen in der Lobby führen?

Also mietet Gödiker 1997 ihre erste Büroetage in Berlin. 800 Quadratmeter am Checkpoint Charlie zwischen Mauerresten und der Brache am Potsdamer Platz, im Aufbaufieber der neuen Hauptstadt. Sie richtet Büros ein, einen Empfang mit Sekretärin, Postdienst, Konferenzraum und Kaffeeküche. Fertig ist ihr Emsland-Haus. Der Vermieter zweifelte am Konzept mit Kunden, die sich kein eigenes Büro leisten wollen. „Aber für einen üppigen Mietzins, festgelegt auf zehn Jahre, war er dann doch zu haben“, sagt sie. Dann kam das Internet – und ganz neue Kunden.

Die Schnappatmung kann Gödiker ganz gut nachmachen, mit der ihre Teenager-Nichte vor mehr als zehn Jahren in ihr Büro stürmte. Sie stammelte etwas von einem Malte, den sie auf dem Flur getroffen habe. Mit dem müsse sie unbedingt ein Foto machen, damit sie auf seine Plattform komme. Die Tante hatte keine Ahnung, was dieser Malte und sein Kumpel, die sich bei ihr eingemietet hatten, eigentlich taten. „Diese Jungs schlurften in Sneakern über die Flure, mit Headset und Handy“, sagt sie heute. Tatsächlich zog Malte Behrens damals das Deutschlandgeschäft der US-Musikplattform Myspace hoch. News-Corp-Chef Rupert Murdoch hatte gerade 580 Mio. Dollar für das Netzwerk auf den Tisch gelegt.

Natürlich kannte ihre Nichte Myspace. Gödiker dagegen kokettiert gern mit ihrer Tech-Ignoranz. Beim Einrichten des ersten Büros habe sie sich von einem Telekom-Berater überreden lassen müssen, vorsorglich dickere Kabelröhren zu verlegen, um demnächst Leitungen für „dieses Internet“ zu ziehen. Es war ein guter Entschluss, stellte sich heraus.

Die Myspace-Jungs kamen zu zweit, erinnert sich Gödiker, und brauchten ruckzuck Platz für 20 weitere Mitarbeiter. Auch Internetstars der ersten Stunde wie Pixelpark-Gründer Paulus Neef und die Samwer-Brüder mit ihrem Klingeltonteam Jamba schlüpften kurzzeitig bei Satellite Office unter. Alle waren wenig auf Interieur, aber sehr auf praktischen Büroservice und vor allem auf ihren Erfolg konzentriert.

„Wir haben sie intern liebevoll ‚Roter Drache‘ genannt“, erinnert sich Joel Berger, Ex-Deutschlandchef von Myspace und heute Manager bei Google, an Gödiker. Und es sei wirklich liebevoll gewesen, betont er. „Sie hat immer alles für uns möglich gemacht, mit vollem Einsatz.“

Aus Kunden werden Mitglieder eines Netzwerks

Das Geschäft hat sich in den letzten 20 Jahren durchaus verändert. Es geht längst nicht mehr allein darum, Büroräume zu vermieten. Vielmehr ist es heute ein bunter Strauß Serviceleistungen, für die Kunden bei Bedarf zahlen: Projekt- und Konferenzräume, exklusive Veranstaltungen, Coachings, Beratungen und Briefkastenanschriften. Vor allem sind die Kunden in Coworking-Spaces heute nicht mehr einfach Kunden oder Mieter, sondern: Mitglieder eines Netzwerks. Und der Austausch untereinander ist ein weiterer Grund, warum Coworking für so viele interessant ist.

Auch dafür werden die meist zwischen 160 und 300 Euro Mitgliedsbeitrag pro Monat fällig. Anita Gödiker bietet bei Satellite Office Mitgliedschaften ab 79 Euro im Monat, Tagesbüros gibt es ab 29 Euro pro Stunde und eine Zehnerkarte Coworking ab 199 Euro.

Die Tarife seien mittlerweile ein entscheidendes Kriterium, weil so viele Wettbewerber aggressiv in den Markt drängten, sagt Ansgar Oberholz. Der Berliner Gastronom ist selbst eine Institution in der Coworkerszene. 2005 hat er das Café St. Oberholz in Mitte eröffnet und mit seinem Konzept für Aufsehen gesorgt: Er stellte lange Holztische auf, legte Steckdosen und bot freien W-Lan-Zugang. Scharen von Freelancern trugen ihre Laptops zum Arbeiten hierher. Start-ups wie Soundcloud und Hellofresh machten hier ihre ersten Schritte.

„Es hieß lange, dieses Coworking werde wieder weggehen“, sagt Oberholz. Tatsächlich existieren in Berlin und anderen Metropolen längst bekanntere Anbieter wie Betahaus, Places und Factory mehr oder weniger friedlich nebeneinander, auch Gödiker und Oberholz kommen sich mit ihren unterschiedlichen Konzepten kaum in die Quere.

Das Wachstum, sagt Oberholz, „nahm richtig Fahrt auf, als die großen Konzerne nach Berlin kamen“. Eine kreative Umgebung, der Zugang zu begehrten Experten, die flexiblen und damit letztlich meist güns-tigeren Arbeitsplätze treffen gerade auf ein großes Bedürfnis in der Wirtschaft. „Die setzen seitdem ihre Innovationsteams in unsere Spaces, damit die Mitarbeiter die gleiche Luft wie die Start-ups atmen“, sagt Oberholz.