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Am Anfang sei es ungewohnt gewesen, sagt Schillo, sich jemandem anzuvertrauen, dem man nicht in die Augen schaut. Allerdings sei man so auch nicht abgelenkt, sondern konzentriere sich auf die Diskussion. „Wir haben schon in den ersten beiden Gesprächen das gefunden, was mein Coach selbst limitierende Faktoren nennt“, sagt Schillo. „Ich habe mich immer als eher introvertierten Typ gesehen, der es unangenehm findet, im Mittelpunkt zu stehen.“ Wer so denkt, lernte Schillo, wird solche Situationen nie freiwillig suchen und sich und seine Themen nicht gut präsentieren. Seit sie vor zwei Jahren aus dem Team heraus befördert wurde, muss sie aber ihre Vertriebsmannschaft überzeugend vertreten.

Keine Panik

Beim Coaching setzen die Gründer von The Next We auf Methoden aus der Verhaltenstherapie. Was Patienten hilft, über Depressionen, Sucht oder Ängste hinwegzukommen, nutzen sie nun in Unternehmen, um Präsentationspanik, Blockadehaltungen und andere Hindernisse zu überwinden. „Die Methode eignet sich für jede Problemstellung“, verspricht Klasing.

In der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie werden grundlegende Denkmuster analysiert, die zu Problemen führen. Das ist der Unterschied zu den beim Coaching klassischerweise verbreiteten Methoden wie dem systemischen Ansatz oder der Neurolinguistischen Programmierung (NLP), die beim Verhalten der Klienten ansetzen, aber auch die Strukturen des Umfelds und persönliche Emotionen analysieren. Viele Coaches sind überzeugt von so einem umfassenden Ansatz und sehr skeptisch gegenüber einer Methode, die ausschließlich auf der rationalen Ebene ansetzt. Klasing aber glaubt, dass gerade das viele – vor allem auch männliche – Geschäftskunden anspricht, die bislang vielleicht die Arbeit mit einem Coach scheuten.

Keine einheitlichen Standards und Zertifizierungen

Denn: Angebote gibt es ja bisher schon zuhauf. Aber in der wahnsinnig kleinteiligen Branche das Richtige zu finden ist nicht leicht. „Atomistisch geprägt“ sei der Markt und sehr unübersichtlich, konstatieren etwa die Autoren der „Marburger Coaching-Studie“, einer aktuellen Marktanalyse. Von den 9.000 Business-Coaches in Deutschland arbeiten rund 92 Prozent als freiberufliche oder selbstständige Einzelkämpfer. Die meisten fokussieren sich auf die Beratung von Führungskräften im mittleren und hohen Management. Die Brutto-Stundensätzen liegen zwar im Schnitt bei 215 Euro, der durchschnittliche Jahresumsatz aber nur bei 38.000 Euro – damit kann sich kaum einer über Wasser halten. Obendrein ist die Branche unreguliert, es gibt keine Berufszulassungsvoraussetzungen, zahlreiche Verbände bemühen sich um Standards und Zertifizierungen.

„In diesem intransparenten Markt kann eine Plattform mit einheitlichen Qualitätsstandards schon auf Interesse stoßen – bei Kunden genauso wie bei Coaches, die sich dem anschließen“, sagt Michael Stephan von der Uni Marburg, Autor der Studie. Allerdings zweifelt er daran, dass sich der Service im großen Stil skalieren ließe: „Coaching ist eine Dienstleistung, die sich nicht komplett standardisieren lässt.“

Coaching lässt sich nicht skalieren

Ein Experte

Für die Coachingszene ist ein Geschäftsmodell, das sich eher an der Herangehensweise einer Unternehmensberatung orientiert, gewöhnungsbedürftig. Extrem skeptisch zeigen sich einige Experten etwa darüber, dass das Berliner Start-up auch noch „messbare Resultate mit Return on Investment (ROI) innerhalb eines Quartals“ verspricht: also die klare Umsatz- oder Gewinnsteigerung, durch die die Coachingkosten in drei Monaten wieder eingespielt werden. „Da kriege ich Sodbrennen“, sagt Stephan. „Das Versprechen finde ich – gelinde gesagt – spannend.“

Digitalisierung als Chance?

Aber auch Skeptiker glauben, dass die Branche längst reif ist für effektivere Prozesse. „Ich denke, dass uns eine Marktbereinigung bevorsteht – was nicht schlecht sein muss“, sagt Markus Väth, der selbst seit über zwölf Jahren als Business-Coach arbeitet. „Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir neue und attraktive Formen von Coaching schaffen – und wie sich Coaches zusammenschließen können.“

Er selbst hat vor einigen Jahren versucht, Kollegen zu einer Kooperation unter einem Markendach zu überreden. „Ich habe ein Jahr Arbeit da reininvestiert und bin gescheitert“, sagt Väth. Coaches seien Einzelkämpfer, die ihre Arbeit als individuelle Leistung betrachten, mit der sie sich ungern unterordnen.

Vielleicht aber liegt in der Digitalisierung tatsächlich eine Chance. „Die Coachingszene war da bislang sehr zurückhaltend“, sagt Elke Berninger-Schäfer. Die promovierte Psychologin und Coachausbilderin hat vor fünf Jahren selbst eine IT-Firma für professionelles Onlinecoaching gegründet. „Mittlerweile steigt die Nachfrage. Der Druck kommt in erster Linie von den Unternehmen, die professionelles Onlinecoaching, auch im Sinne von ,Coach- on-Demand‘, verlangen.“

Durch die Digitalisierung des Joballtags werde zunehmend erwartet, dass auch ein Coaching kurzfristig, flexibel und maßgeschneidert angeboten werde. „Das wird sich als Standard durchsetzen. Vielleicht irgendwann auch voll automatisierte, intelligente Programme zum Selbstcoaching.“