Business as usualWarum Beförderungen ein Minenfeld sind

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Symbolbild: MitarbeiterGetty Images


John war in einer misslichen Lage. Nach fast einer Dekade in einer Beratung war er auf Kundenseite gewechselt und hatte in unterschiedlichen Positionen sehr vorstandsnah gearbeitet: Unternehmensentwicklung, strategische Planung, M & A. Bei genauer Betrachtung war er immer der Mann, der alle großen Entscheidungen inhaltlich vorbereitet und gesteuert hatte. Das Ganze auf Basis einer sehr klaren Vereinbarung mit „seinem“ Vorstand: John hält ihm den Rücken frei, dafür sorgt der für dessen Entwicklung im Konzern. Unausgesprochen ging es dabei um einen Posten im Vorstand.

Das Problem: Während John sich seit nunmehr acht Jahren an seinen Teil der Vereinbarung hielt, hielt sein Chef ihn mit der Beförderung hin. Bei den ersten beiden Personalentscheidungen, bei denen John gern zum Zuge gekommen wäre, ging er leer aus – jeweils mit plausiblen, aber wenig zufriedenstellenden Erklärungen. Dann gab es eine Umstrukturierung, die bei John den Druck erhöhte: ein Posten, der ihm wie auf den Leib geschneidert ist und für den er hart gearbeitet hat. Sein Chef versteckte sich hinter wolkigen Aussagen, und John wusste, dass er kein Druckmittel hat.

Um es kurz zu machen: John schaute sich nach einigem Zögern um, ob es woanders einen entsprechenden Job für ihn gibt – und legte seinem Chef ohne große Emotionen ein Gegenangebot vor. Sein Chef empfand das als recht harte Eskalation, erkannte aber nach mehreren Gesprächen, dass es sich hierbei nicht um Illoyalität handelte, sondern dass der Schritt für John notwendig war, um sich weiter auf Augenhöhe unterhalten zu können.

Warum das Gespräch nicht einfach selbst einfordern?

Mal unabhängig davon, dass es sicher sinnvoll ist, ab und zu mal den eigenen Marktwert zu testen: Warum muss es erst so weit kommen? Geschichten wie die von John passieren oft bei einer Beförderung, ich kenne mindestens fünf ähnliche. Und mir ist klar, dass es gerade im politischen Haifischbecken eines Konzerns immer eine Vielzahl an Faktoren gibt, die wichtige Personalentscheidungen beeinflussen. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, sich mit seinen engsten Mitarbeitern nicht offen auseinanderzusetzen. Und mit offen meine ich, die Dinge aufrichtig und klar zu benennen. So, dass es ein adäquates Gegengewicht zu der Loyalität und harten Arbeit ist, die die engsten Mitarbeiter aufbringen. Das darf man von seinem Chef erwarten, finden Sie nicht?

Der Appell geht hier aber ebenso an die andere Seite: Warum das Gespräch nicht einfach selbst einfordern? Nicht erst bei einer günstigen Gelegenheit auf der Geschäftsreise mal vorsichtig nachfragen. Sondern selbstbewusst für sich in die Verantwortung gehen. Denn Sie wissen genau, welchen Beitrag Sie leisten. Und was der Wert dessen ist.

Für John war es ein Riesenschritt, sich umzuhören. Aber die Rechnung ist aufgegangen, und heute hat er den Posten. Und wenn John das kann, können Sie das auch.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt. Hier finden Sie weitere Folgen von Business as usual