KolumneBruce Lee – die erste moderne Führungskraft

Markus VäthPR

Neulich sah ich eine Dokumentation über Bruce Lee auf Youtube. Für die Jüngeren unter uns: Bruce Lee, ein Hongkong-Chinese, war der größte Kampfkünstler aller Zeiten und in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein veritabler Filmstar. Mehr noch: Er begründete einen eigenen Kampfstil: Jeet Kune Do, den „Weg der abfangenden Faust“. Jeet Kune Do konzentriert sich vor allem darauf, den Angriff eines Gegners bereits im Entstehen einzudämmen – durch einfache und direkte Techniken.

Man hat Bruce Lee immer wieder gefragt, was seinen Stil ausmache, und er meinte: „Mein Weg ist einfach. Behalte das, was nützlich ist. Lass alles andere weg“. Genau das scheint uns in unserem modernen Management-Alltag manchmal schwerzufallen. Bei Führung und Management geht es in der Regel um Machen, Entscheiden, Aktivität. Es geht weniger um Nachdenken, Reflektieren, Innehalten. Die eine Richtung ist leicht, weil sozial erwünscht. Die andere ist schwer, da man schnell als zögerlich oder entscheidungsschwach gilt. Aber zu tun, was richtig ist und das wegzulassen, was nicht mehr nützlich ist, erfordert auch Abstand und Zeit.

Lee selbst hat das auf schmerzliche Weise erfahren. Als er von Seattle nach Oakland zog, trat er in der dortigen chinesischen Kampfkunst-Community ziemlich arrogant auf: Er könne jeden besiegen, tönte er. Schlimmer noch: Er unterrichtete auch nicht-chinesische Schüler – ein Tabu in der damaligen Community. Es kam immer wieder zu Streitigkeiten, die schließlich in dem berüchtigten „Lagerhaus-Kampf“ zwischen Lee und einem dortigen Meister eskalierte.

Gutes Management besteht nicht nur im „Weglassen“

Obwohl Lee den Kampf gewann, zog er für sich zwei Lehren daraus, die sein restliches Leben prägten.

  • Erstens: Verlass dich niemals nur auf eine Methode, auf ein Werkzeug, auf einen Stil. Bleib flexibel und konzentrier dich auf das, was nützlich ist.
  • Zweitens: Hüte dich vor Arroganz und Rechthaberei. Oder in Lees Worten: „Demütig zu sein ist gegenüber Höherstehenden Pflicht, gegenüber Gleichgestellten Höflichkeit und gegenüber Untergeordneten Edelmut.“

Was lernen wir daraus für unsere eigene Führungspraxis? Gutes Management besteht heute nicht nur im „Weglassen“ in Form von Entlassungen, Fusionen, Lean-Techniken, dem „Heben von Synergien“, Cost-Cutting, Einsparungen etc. Auch wenn das manchmal vielleicht verführerisch einfach erscheint. Gutes Management erfordert auch einen immer wachen Blick für das grundsätzlich Nützliche, einen offenen Geist bzw. ein „growth mindset“, wie man heute sagt. Und nicht zuletzt erfordert gute Führung Selbstreflexion und Demut gegenüber seinen Mitmenschen und der eigenen Aufgabe. Noch einmal Bruce Lee: „Sei tüchtig in deinem Beruf und in Harmonie mit deinen Mitmenschen.“

Darauf einen gepflegten Kampfschrei.

 


Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt.