GastbeitragBraucht der Mittelstand mehr Helden?

Das Bild des Unternehmers hat sich gewandelt: Superhelden sind nicht mehr gefragtimago images / Panthermedia

Haben Sie heute schon einen Unternehmer gesehen? Heute morgen beim Blick in den Spiegel vielleicht? Oder auf dem Weg zur Arbeit beim Small Talk vor der Theke des Bäckers? Vielleicht haben Sie einen Unternehmer in einem Ihrer Mitarbeiter, einem Kunden entdeckt? Oder in Ihrem Nachfolger? Haben Sie in Ihrer Tochter, Ihrem Sohn den Unternehmer gesehen?

Es laufen da draußen viel mehr Unternehmer herum, als wir üblicherweise wahrnehmen. Denn tatsächlich gibt es mehr Unternehmer als Unternehmen – so jedenfalls ist meine Erfahrung.

Gleichzeitig finden wir unter denen, die sich Unternehmer nennen, sehr viele, die nicht wirklich Unternehmer sind. Vielmehr agieren und fühlen sie sich als Manager oder Fachkraft. Entsprechend schaut ihnen morgens aus dem Spiegel kein zufriedener Unternehmer, sondern einer entgegen, dem das Laufen im Hamsterrad ins Gesicht gezeichnet ist.

Und das ist ein Problem, nicht nur für den Einzelnen. Mehr denn je braucht unser Land, unsere Wirtschaft, brauchen die Menschen in unseren Unternehmen und ihre Familien echte Unternehmer.

Was Unternehmer leisten

Ich bin im Mittelstand aufgewachsen und spürte früh, dass der Mittelstand der Garant für unsere Lebensqualität ist. Und dieses Gefühl entwickelte sich unter den vielfältigen Eindrücken, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in meiner Arbeit mit Mittelständlern gewinnen konnte, weiter.

Ohne den Mittelstand und seine Unternehmer wären wir nicht dort, wo wir heute als Land, als Wirtschaft, als Gesellschaft sind. Deswegen glaube ich, dass Mittelständler genau das sind, was wir in der aktuellen Lage brauchen. Und sie leisten auch bereits Großartiges.

Aber ich bin mir sicher: Sie könnten noch viel mehr tun. Wenn es ihnen gelingt, in einem bestimmten Punkt „stärker“ zu werden.

Spieglein, Spieglein an der Wand …

… wer ist der stärkste Unternehmer im Land?

Bei Stärke denken viele sofort an den unternehmerischen Helden. Einen, der als Einzelkämpfer unterwegs ist. Bilder von Heroes wie Elon Musk, Steve Jobs tauchen auf … also die ganze Riege der heute schon klassischen Superhelden der Unternehmenswelt.

Eine andere Implikation von Stärke ist: die taffe Persönlichkeit. Eine mit einem möglichst dicken Fell, denn ohne geht es ja nicht in der harten Wirtschaftswelt … Da darf man nichts zu nah an sich herankommen lassen …

Beide Varianten der „Stärke“ haben nichts gemein mit dem Unternehmertum, das unseren Mittelstand, unsere Unternehmen, stark macht. Unternehmerische Stärke entstammt in einer ganz anderen Liga.

We don’t need another hero …

Aber wir brauchen als Unternehmer wirklich keine neuen Helden. Wir brauchen keine taffen Persönlichen und keine Einzelkämpfer. Die Zeiten der heroischen One Man Show sind vorbei – und schon immer mehr Mythos als Realität erfolgreichen Unternehmertums gewesen.

Was Unternehmer und damit Unternehmen wirklich stark macht, ist das Bewusstsein davon, was es heißt Unternehmer zu sein. Eben nicht: Manager. Eben nicht: Fachkraft. Sondern ganz explizit: Unternehmer.

Viele Unternehmer sind nämlich nicht in der Unternehmer-Rolle unterwegs. Und das ist den meisten gar nicht bewusst. Sie spüren oft nur dieses Unbehagen, dass sie in ihrem Job nicht glücklich sind.

Dieses Bewusstsein aber ist der Schlüssel: Nur so kann der Unternehmer für sich die Stärke entdecken, die es ihm endlich ermöglicht, sein wahres Produkt zu gestalten (und nicht nur zu verwalten, zu managen): sein Unternehmen.

Tauschen Sie sich aus!

Bei vielen Unternehmern, die ich coache, ist das ein großer Aha-Moment. „Ach, so ist das!“ Aber wie komme ich als Unternehmer mehr in meine Kraft?

Tauschen Sie sich mit anderen Unternehmern aus! Dieser Austausch ist der beste Weg, voll und ganz in die Unternehmerrolle zu gehen und auch für Ihr Unternehmen das Optimum zu leisten.

Denn jedes erfolgreiche Unternehmen braucht einen Unternehmer, der bewusst in seiner Unternehmerrolle ist, der weiß, was zu seinem Job gehört – und vor allem auch, was nicht! Das operative Geschäft, das tägliche Hamsterrad des Klein-Klein, das gemanagt werden muss, gehört zum Beispiel nicht zum Job eines Unternehmers.

Ohne Austausch auf Augenhöhe wird es nicht klappen, dass Sie sich Ihrer Unternehmerrolle richtig bewusst werden. Oder das Tagesgeschäft zieht Sie wie Blei an Ihren Füßen wieder in die Tiefe.

Was macht Sie als Unternehmer aus?

„Mit anderen Unternehmen austauschen? Über welche Themen? Über das, was in meinem Betrieb gerade läuft? Das versteht doch nur einer aus der gleichen Branche – und was ist mit Geheimhaltung?“, so wurde mir öfter entgegnet.

Aber bei dem Austausch, den ich so wichtig finde für die Unternehmer und damit auch für die Unternehmen in unserem Land, geht es nicht um die Branche. Es geht nicht um fachliche Themen. Deswegen spielt auch Geheimhaltung keine Rolle. Es geht um Unternehmerthemen – und da ist es egal, um welche Branche es geht.

Denn die Themen, die für Unternehmer wichtig sind, sind nicht branchenabhängig. Es geht um Ideen, Strategien, Lebensentwürfe. Es geht um die vielfältigen Herausforderungen, die im Unternehmersein inklusive sind.

Es geht um bestimmte Fragen und die jeweils individuellen Antworten. Fragen wie: „Was gehört für dich zum Unternehmersein?“, „Macht dein Unternehmeralltag dich glücklich – oder unglücklich?“, „Warum bist du eigentlich Unternehmer geworden?“ „Wie bringst du dein Unternehmen und deine Familie unter einen Hut?“, „Wie schaufelst du dir Zeit für den Sport frei?“, „Wie kommst du auf neue Ideen?“, „Wie gehst du mit deinem Nachfolger um?“

Das braucht unser Land

Stellen Sie sich die für Sie richtigen Fragen, und zwar im Austausch mit einem Menschen, der unternehmerisch denkt. Das kann ein anderer Unternehmer sein. Aber es kann auch ein Kunde sein, der selbst ein Unternehmen führt. Oder ein Lieferant oder ein Mitarbeiter, der im Herzen ein Unternehmer ist. Oder Ihre Tochter, Ihr Sohn, der einmal Ihre Nachfolge im Unternehmen antreten wird. Tauschen Sie sich von Unternehmer zu Unternehmer auf Augenhöhe aus.

Dieser Austausch ist nicht einfach. Gerade für einen Unternehmer, dem eingeimpft wurde, dass er „stark“ zu sein hat (im Sinne des Einzelkämpfer mit dicken Fell). Hier geht es um Offenheit. Denn nur dann macht Austausch Sinn, geht der Austausch in die Tiefe.

Dadurch entsteht eine Stärke einer anderer Dimension als Nut mehr dieser „Einzelkämpferstärke“: Was dadurch entsteht, sind Unternehmer, die sich Ihrer Rolle bewusst sind. Die nicht durch das operative Klein-Klein gelähmt werden. Es entstehen Netzwerke von Unternehmern, die sich im Austausch ihrer Rolle und Bedeutung bewusst werden und bewusst bleiben. Und wo entdecke ich diese Unternehmer heute schon? Vor allem im Mittelstand.

„We don’t need another hero …“, sondern bewusste Unternehmer, die im Austausch sind.

 


Timo Kaapke ist Unternehmer, Taucher, Autor, Keynotespeaker und deutschlandweit gefragter Sparringspartner für Mittelständler. In seinem neuen Buch „Frohes schaffen: Wie ich herausfand, was ein Unternehmer wirklich ist“ nimmt er Unternehmer mit auf einen Deep Dive in eine Arbeitswelt, in der „Frohes schaffen“ kein Widerspruch in sich ist.