Beste AusbilderIm Kalorienparadies von Alfred Ritter

Produktion von Schokoladentafeln bei Ritter Sport
Produktion von Schokoladentafeln bei Ritter Sport

Der Duft. Allein schon der Duft macht diesen Arbeitsplatz besonders. In der Halle hinter der Fabriktür riecht es nach Zimt. Bei der Eintafelungsanlage nach gerösteten Haselnüssen. Im Lager hängt eine Erinnerung an Marzipan in der Luft. Und dort, wo sie in großen Conchen bis zu 20 Stunden lang die Grundmasse aufschmelzen, duftet es nach dem Produkt, das Alfred Ritter über die Landesgrenzen hinaus berühmt gemacht hat: Schokolade.

Wird man da süchtig, oder entwickelt man Verlangen nach Wurstbrot? Weder noch, sagt Nicolas Wörn: „Der Geruchssinn gewöhnt sich daran. Ich merke das gar nicht mehr.“ Seiner Hingabe an das Produkt tut das keinen Abbruch. Das bemerkt jeder, der mit ihm ein Stück cremiger Schokolade frisch aus der Herstellung probiert: „Die Kristallisation ist noch nicht vollständig abgeschlossen, in den Kapillaren ist noch flüssige Kakaobutter“, fachsimpelt er. „Erst bei der Lagerung wird sie richtig knackig.“

Wörn leitet die Ausbildung der Süßwarentechnologen bei dem Familienunternehmen im schwäbischen Waldenbuch. 37 Auszubildende und duale Studenten beschäftigt der Betrieb derzeit – neben den Süßwarentechnologen auch Industriekaufleute und Mechatroniker, ab dem nächsten Jahr kommen noch Informatiker dazu. Im Capital-Ranking der besten Ausbilder Deutschlands hat Alfred Ritter es auf einen Spitzenplatz geschafft.

Ritter hat nur einen Produktionsstandort

1912 in Stuttgart gegründet, zog das Unternehmen 1930 nach Waldenbuch. Seither immer wieder erweitert, ist das Werk heute ein verschachteltes Konglomerat von Gebäuden, das sich über Hunderte Meter ein Tal entlangzieht. Hinter der Fabriktür kommt erst einmal der Hygienetrakt: Rotierende Rollen bürsten den Schmutz von den Schuhsohlen. Keramikbecken zum Händewaschen, weiße Hauben für Haar und Bart. Das Drehkreuz öffnet sich erst, nachdem man seine Hände in eine Desinfektionsanlage gesteckt hat.

Jede Tafel, die Alfred Ritter in mittlerweile 103 Länder verkauft, wird in Waldenbuch hergestellt. Es gibt nur diesen einen Produktionsstandort. Für die Azubis hat das den Vorteil, dass sie hier die komplette Wertschöpfung erleben können. Zwar lernt jeder seinen eigenen Beruf. Zwischen Abschluss und Entfristung aber ist ein sogenanntes „Ritter-Jahr“ vorgesehen, in dessen Verlauf jeder in jeden Bereich hineinschnuppert: Kaufmännisches, Labor, Logistik, dazu die Produktion von der Kakaobohne bis zur versandfertigen Tafel.

Für die Süßwarentechnologen steht Technik im Vordergrund: Sie bedienen und warten die komplexen Anlagen. Reines Maschinenverständnis allein reicht allerdings nicht aus, die Azubis müssen auch chemische und physikalische Prozesse überblicken. Viele Zutaten wie Kakao oder Nüsse sind Naturprodukte, also Umwelteinflüssen ausgesetzt und daher nicht immer gleich. „Da muss man Feineinstellungen vornehmen können“, sagt Wörn.

„Jetzt, wo ich zwei Jahre an meiner Anlage bin, kann ich sagen, die habe ich drauf“, sagt Fabian Pluntke. Seit der 21-Jährige seine Ausbildung zum Süßwarentechnologen abschloss, ist er unbefristet bei Alfred Ritter beschäftigt. Die Anlage, die er bedient und wartet, erstreckt sich über drei Etagen und produziert 34 verschiedene Sorten.

„Hier will ich hin“

Auszubildende wie ihn wünscht sich das Unternehmen: mit Interesse an Lebensmitteln – Pluntke hat auch mal ein Praktikum in einer Konditorei gemacht – und technikaffin. Alfred Ritter lege aber nicht nur Wert auf fachliches Vermögen, sondern fördere auch ein anständiges Miteinander, sagt Sylvia Wild, Referentin für die Ausbildungsprogramme: „Der Einzelne wird wichtig genommen, und seine Meinung zählt.“

Pluntke hatte sich auch für einen Ausbildungsplatz bei Daimler beworben. „Aber als ich hier beim Vorstellungsgespräch war, wusste ich, hier will ich hin.“ Ein anderer Auszubildender habe ihn an der Tür in Empfang genommen und sei auch im Gespräch dabeigesessen. Das habe die ganze Angelegenheit viel lockerer gemacht, „als wenn fünf Meister dich ausquetschen“.

Zum Programm der Azubi-Fahrten an den Schluchsee oder auf die Schwäbische Alb gehören nicht nur Sport und Gemeinschaftserlebnisse, sondern auch Workshops zum Thema Werte und ein Knigge-Abend. Die Fahrten organisieren die Azubis größtenteils selbst, genau wie ein soziales Projekt pro Jahr. Dafür stellt die Geschäftsleitung ein Budget zur Verfügung. So haben die jungen Mitarbeiter in den vergangenen Jahren etwa eine Kinder-Olympiade für Geflüchtete organisiert oder einen Spielenachmittag im Altenheim. „Ich nehme gerne Azubis, die sich sozial engagieren“, sagt Ausbildungsleiter Wörn. Sein Ziel: „Ich kriege Leute zur Selbstständigkeit und bringe sie in Verantwortung.“

Den Charakter bringt ein Auszubildender mit; am Unternehmen liegt es, ihn zu befähigen. Gute Betreuung ist dafür ein Schlüssel. In jeder Abteilung, die die Azubis durchlaufen, steht ihnen ein Pate zur Seite. Für jeden wird ein individueller Entwicklungsplan aufgestellt. „Ich will herausfinden: Wo schlägt das Herz, wo wollen sie hin?“, erklärt Wild. Fortschritte und Defizite werden in formalisierten Mitarbeitergesprächen festgehalten. Dafür nutzt Alfred Ritter ein digitales Tool inklusive Leistungsbewertung und Prämiensystem. Übrigens geben beide Seiten Feedback, auch die Azubis ihren Ausbildern.

Stoff, aus dem die Träume sind

Ritters Erfolgsrezept beruht auf schwäbischen Tugenden: handwerklichem Vermögen, einem verbindlichen Umgang – und, vielleicht am wichtigsten, der Übernahme von Verantwortung. Spaß darf es auch machen. Ein Favorit der Süßwarentechnologen ist ein Projekt im letzten Lehrjahr. Da dürfen sie freidrehen wie Willy Wonka, der schrullige Chocolatier aus Roald Dahls Kinderbuchklassiker „Charlie und die Schokoladenfabrik“: Als Teil ihrer Abschlussprüfung dürfen sie eine eigene Schokoladensorte schaffen.

Die gelungenste Sorte produziert Alfred Ritter in einer Auflage von 10.000 Stück und verkauft sie im Schoko-Shop – einem Kalorienparadies im Museum Ritter auf dem Werksgelände, das jedes Jahr Hunderttausende Besucher anzieht. „Es macht einen schon stolz, wenn die eigene Tafel in den Laden kommt“, erzählt Pluntke. Er kreierte damals einen Schokowürfel mit Haselnuss und einer Baileys-Trüffel-Füllung. Ein Kindheitstraum. Pluntke bringt es auf den Punkt: „Mit Schokolade arbeiten, wer will das nicht?“