Beste AusbilderGanz neue Perspektiven beim ADAC

ADAC-Zentrale in München
ADAC-Zentrale in München

Verena Lamers ist, wenn man so will, eine der Ersten ihrer Art. Die 23-Jährige ist ausgebildete Kauffrau für Touristik und Freizeit, es ist ein Beruf, den es vor einigen Jahren noch gar nicht gab. Im Unterschied zu bisherigen Touristikexperten sind Leute wie Lamers spezialisiert auf den Urlaub in Deutschland, sie kennen sich mit Raftingtouren auf der Isar aus und wissen, wo man an der Ostsee noch einen Strandkorb bekommt. „Es gibt genug zu tun, keine Frage“, sagt Lamers und zeigt ein selbstbewusstes Lächeln. Die junge, blonde Frau kommt aus der Gegend von Wolfratshausen in Oberbayern, einer Region also, die zu den Hotspots des deutschen Fremdenverkehrs zählt. Es ist ein Wachstumsmarkt, der innerdeutsche Tourismus nimmt seit Jahren zu.

Und es ist ein Markt, der auch den ADAC interessiert – bei dem Lamers ihre Ausbildung gemacht hat.

Der größte Automobilclub Europas hat die Zahl seiner Ausbildungsberufe in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt. „Als ich 2001 anfing, gab es Bürokaufleute, Versicherungskaufleute und Drucker“, sagt Claudia Obermeier, die damals Ausbildungsleiterin beim ADAC wurde. „Dann haben wir das radikal ausgebaut.“ Es gibt jetzt Informatiker, Mediengestalter und Tourismuskaufleute. Insgesamt elf Ausbildungsberufe und acht duale Studiengänge, die man nun auch beim ADAC absolvieren kann. Der ADAC hat sich in den vergangenen Jahren aufgefächert – in den Verein, in eine Aktiengesellschaft und in eine gemeinnützige Stiftung. Auslöser war der Skandal, der den Club 2014 überrollte, als Manipulationen beim Autopreis Gelber Engel bekannt wurden. Alle drei Teile müssen sich jetzt ein Profil geben, Aufgaben definieren und vor allem versuchen, den einst fast unantastbaren Ruf der deutschen Institution ADAC wiederherzustellen.

Der ADAC lässt sich für den Nachwuchs einiges einfallen

Dieser Auftrag dürfte auch die Arbeit von Marius Heider besonders spannend machen. Er ist einer der dualen Studenten beim ADAC und lernt Medien- und Kommunikationswirtschaft. Den Skandal hat Heider live in der Öffentlichkeitsarbeit des Clubs mitbekommen, er sah, wie die Abteilungen routierten, als die Telefone ununterbrochen klingelten. „Das war schon spannend“, sagt Heider, der sich dann an der Hochschule in einer Projektarbeit mit dem Fall beschäftigte. Bei seinen Professoren musste sich der Student Spott anhören, wenn es um den ADAC ging. „Da kamen spitze Bemerkungen“, sagt er. „Bei den Gleichaltrigen hat das aber kaum eine Rolle gespielt.“

Um auf dem in Süddeutschland hart umkämpften Markt für Auszubildende Leute wie Heider zu gewinnen, lässt sich der ADAC einiges einfallen. Es gibt einmal im Jahr Jugendtage, bei denen die Auszubildenden Flöße zusammenbauen und Zeit in der Natur verbringen. Und der Arbeitgeber bietet einen Wohngeldzuschuss für die Mieterhölle München. Da die Studenten ihre Seminare an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg belegen, ist das eine wichtige Hilfe. Einige müssen in zwei Städten eine Wohnung unterhalten.

Vor allem aber hat sich der Autoclub vorgenommen, seine Auszubildenden schon früh als Mitarbeiter ernst zu nehmen. „Wir sehen die Azubis auch als kleine interne Unternehmensberatung“, sagt Obermeier. Der Nachwuchs wird für Workshops angefragt, in denen neue Produkte diskutiert werden. Und einige Dinge sind überhaupt erst entstanden, weil die jungen Leute ein Problem aufgedeckt haben. Ein typisches Beispiel ist das Fahrsicherheitstraining, das der ADAC anbietet. Beim Automobilclub wunderte man sich, dass so wenige Jugendliche an dem Programm Interesse zeigten. Die Azubis kamen mit zwei Vorschlägen. Erstens: Warum nicht einen Geschenkgutschein für ein Training auflegen und bewerben – sodass die Oma ihrem Enkel ein Fahrtraining zu Weihnachten schenken kann? Und zweitens: Was wäre mit einem Gruppenrabatt, sodass man sich mit Freunden zusammentun und ein Event aus dem Training machen kann? Beide Ideen wurden umgesetzt.

Gelbe Engel werden nicht ausgebildet

Ähnlich wie in anderen Unternehmen gibt es zudem ein System, bei dem Auszubildende ihr Wissen an ältere Mitarbeiter weitergeben können. Auf einer internen Plattform kann jeder, der will, seine Fähigkeiten anbieten und dann eine Art Trainingstermin vereinbaren. Was die Azubis vor allem zu bieten haben: Zugang zur Welt der sozialen Netzwerke, digitales Know-how und Sicherheit im Umgang mit elektronischen Endgeräten. Ein Auszubildender kann da manchmal den Besuch beim IT-Techniker ersparen.

Ausgerechnet in einem Beruf bildet der ADAC bis heute niemanden aus: bei den Straßenwachtfahrern. Jenen Helfern in Gelb also, die schon viele Gestrandete mit Motorschaden von der Autobahn gefischt haben. Und die für die meisten Deutschen das Symbol für die wichtigste und begehrteste Dienstleistung des ADAC sind. Einen Ausbildungsberuf Straßenwachtfahrer gibt es bis dato gar nicht, in der Regel sind fertige Kfz-Meister für den ADAC auf den Straßen unterwegs, die noch eine zusätzliche Schulung bekommen haben. Doch auch in diesem Bereich macht sich der Club Gedanken. „Wir überlegen, eine solche Ausbildung in Zukunft anzubieten“, sagt Obermeier. „Auch deshalb, weil die Fähigkeiten, die da erwartet werden, immer spezifischer werden.“ Bis jetzt hat das Ganze aber nur Projektstatus.

Für die Tourismusexpertin Lamers ist der Service der Straßenwachtfahrer allerdings eher uninteressant. Die frisch gestartete ADAC-Mitarbeiterin hat gar kein eigenes Auto. „Das lohnt sich für mich bisher einfach nicht“, sagt sie.