KarriereAmplifon: unerhörtes Berufsbild

Logo der Hörgerätekette Amplifon
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„Wir verkaufen etwas, was eigentlich niemand will“, sagt Johannes Conell. Bei Hörgeräten denke jeder an klobige, beige Prothesen. „Einen 16-jährigen Schulabgänger für dieses Produkt und die Arbeit mit einer Kundschaft im Durchschnittsalter von 70 zu begeistern, ist schon eine Herausforderung“, sagt der Leiter der Ausbildungsakademie des Hörakustikers Amplifon. „Wir arbeiten gegen dieses Stigma an.“

Zwei weitere Hürden muss Conell überwinden: Der Beruf des Hörakustikers ist weitgehend unbekannt und zählt obendrein zu den Handwerksgewerben, die notorisch unter Nachwuchsmangel leiden.

Conell hält dagegen: „Unser Job ist ein Mix aus Hightech, Handwerk und Kontakten mit Menschen.“ Hörsysteme seien inzwischen kleine, nahezu unsichtbare Minicomputer, die vollvernetzt über das Smartphone gesteuert werden können. Die individuellen Ohrpassstücke können per Scann und 3D-Drucker erstellt und aus der Ferne virtuell angepasst werden. „Wir sind alle Handwerker“, so Conell. „Aber unser Handwerk ist digitalisiert.“

Imagefilme, Informationen in Schulen und Mitarbeiterempfehlungen zahlen sich aus: Amplifon hat die Zahl der Auszubildenden in Deutschland in fünf Jahren von 70 auf 270 erhöht. Die Ausbildung dauert drei Jahre und findet in einem der 490 Amplifon-Fachgeschäfte, in der Landesberufsschule in Lübeck und im firmeneigenen Ausbildungszentrum in Hamburg statt.

Während des Blockunterrichts von acht mal vier Wochen in Lübeck können die Azubis auf dem Campus wohnen. Amplifon übernimmt die Kosten für Unterbringung und Verpflegung. „Wenn man da ins Internat einzieht, fühlt man sich zwangsläufig schlagartig 20 Jahre jünger“, sagt Anne Schroeder, die 37 Jahre alt war als sie ihre Ausbildung bei Amplifon anfing.

Eine vielversprechende Chance

Sie ist wie einige ihrer Kollegen über den zweiten Bildungsweg in diesem Beruf gelandet. Nach dem Abitur studierte die Hamburgerin Biologie – leidenschaftlich und lange. Nach einer längeren Pause und diversen Nebenjobs hatte sie zwar alle erforderlichen Scheine in ihrem Studium, aber die Abschlussprüfung fehlte. Ein neuer Plan musste her.

Eine Verwandte hatte von der Ausbildung in der Hörakustik gehört und gab ihr den Anstoß, damit einen Neustart zu wagen. „Ich habe dazu im Internet recherchiert, habe mir zunächst Fachgeschäfte von Wettbewerbern angeschaut, habe die Personaler in den Firmen ausgefragt und war erstaunt, wie abwechslungsreich die Tätigkeit ist“, sagt Schroeder. „Für mich hat sich da auf einmal viel mehr Perspektive aufgetan.“

Im Juli hat die mittlerweile 40-Jährige ihre Gesellenprüfung abgelegt. Alle Absolventen ihres Jahrgangs sind an dem Tag mit Freunden und Verwandten in die Lübecker Kongresshalle eingezogen. Nach zahlreichen feierlichen Reden gab es die traditionelle Handwerksfreisprechung, bei der die Auszubildenden von all ihren Rechten und Pflichten der Ausbildungszeit enthoben wurden. „Das war mehr Zeremonie und Party als bei einem Studienabschluss“, so Schroeder.

Sie arbeitet nun als Junggesellin mit vier weiteren Kollegen in dem Amplifon-Fachgeschäft in Hamburg-Bramfeld, in dem sie während der letzten drei Jahre schon gelernt hat. Sie berät Kunden, macht Hörtests, Hörsystemanpassungen und –reinigungen, bearbeitet Ohrpasstücke auch mal mit der Fräse, um den Sitz anzupassen. „Ich helfe den Menschen, die zu uns kommen, ein Stück Lebensqualität zurück zu gewinnen. Das ist etwas sehr Schönes“, sagt Schroeder.

Langfristige Perspektiven

Ihr nächstes Ziel ist die Meister-Prüfung. Damit könnte sie künftig ein eigenes Fachgeschäft leiten. Ihr Arbeitgeber, der börsennotierte italienische Hörakustik-Dienstleister Amplifon, ist mit einem Umsatz von 1,3 Mrd. Euro und 14.000 Mitarbeitern in 22 Ländern Weltmarktführer. In Deutschland ist die Kette als Nummer drei hinter Geers und Kind weiter auf Expansionskurs. „In den kommenden Jahren werden wir auf jeden Fall mehr Auszubildende brauchen“, sagt der Leiter der Ausbildungsakademie Conell. „Wir wollen nicht nur Marktführer sein, sondern auch der größte und beste Ausbilder.“

Amplifon fördert und finanziert die Meisterausbildung, die berufsbegleitend mindestens ein Jahr dauert. Die nächsten Aufstiegsmöglichkeiten sind vom Fachgeschäftsleiter zum Bezirks- und Gebietsleiter. Alternativ können Gesellen wiederum auch die akademische Laufbahn einschlagen und sich für den Studiengang Hörakustik oder Hörakustik und Audiologische Technik an der Technischen Hochschule in Lübeck immatrikulieren oder eine fachspezifische Weiterbildung etwa im Bereich der Pädakustik einschlagen, um speziell Kindern mit Hörminderungen zu helfen.

Die Entwicklung in der Branche spricht für anhaltendes Wachstum. Mehr als 360 Millionen Menschen leiden laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter einer Beeinträchtigung des Hörvermögens. In Deutschland tragen ungefähr 3,5 Millionen Personen ein Hörsystem. Die Zahl der tatsächlich Betroffenen dürfte jedoch deutlich höher liegen: Die Bundesinnung der Hörakustiker (Biha) berichtet etwa, dass in Deutschland knapp 5,4 Millionen Menschen mit der Indikation Schwerhörigkeit leben. Die gesellschaftlichen Folgekosten unbehandelter Hörschäden werden auf 30 Mio. Euro jährlich geschätzt.

„Die meisten Kunden warten sieben Jahre lang bis sie sich versorgen lassen“, sagt Conell. Da müssen sich die Hörakustiker mit Aufklärungsarbeit noch einiges Gehör verschaffen.