Kolumne Arbeitsplatz Welt: Wo Talente langfristig bleiben

Talenten steht heute die ganze Welt offen
Talenten steht heute die ganze Welt offen
© dpa
Der Kampf um die Fachkräfte ist in vollem Gang. Den besten Leuten steht die ganze Welt als Arbeitsmarkt offen. Torsten Osthus erklärt, wie man die Globalisierung als Chance nutzen kann, um Talente ans eigene Unternehmen zu binden

Dass die Globalisierung insbesondere viele große Unternehmen massiv verändert hat und weiterhin verändern wird, dürfte Sie kaum mehr überraschen. Denn der größte Arbeitsplatz heißt nicht erst seit Homeoffice, Internet und Dropbox: Welt. Talenten und hochspezialisierten Experten steht heute der Globus offen. Mit einer gewissen Sprachbegabung und dem Willen zum Umzug können sie praktisch grenzenlos überall arbeiten. Die Unternehmen haben gefühlt das Nachsehen.

War es doch früher schon schwer genug, die eigenen Talente gegen den restlichen deutschen Arbeitsmarkt zu verteidigen, stehen sie nun mit dem halben Erdball in Konkurrenz. Gute Leute zu halten, fällt zunehmend schwer – und wird gerade durch die Globalisierung noch einmal zusätzlich erschwert, denn nun gehört es zu Ihren Aufgaben, nicht nur die deutschen Mitarbeiter, sondern auch noch die Topleute an Standorten weltweit – in Hongkong, in Mumbai, in San Francisco – zu halten. Nicht selten haben diese Kulturen auch noch den Ruf, dass die Menschen dort schneller ihren Job wechseln, sich ihrem Unternehmen weniger verbunden fühlen und deutschen Personalern wie Unternehmern gut und gerne Kopfzerbrechen bereiten.

So manches deutsche Unternehmen sieht darin nun schon den Niedergang der gelingenden Globalisierung begründet. Sieht den deutschen Arbeitsmarkt darben, während die wahren Talente ins Silicon Valley und sonst wohin pilgern. Ihnen muss ich widersprechen: Die Globalisierung ist kein Nachteil beim Halten von Talenten, sondern vielmehr die einzige Chance, um als Unternehmen am Markt bestehen zu können.

Das Salz der Kultur

Angesichts der sich stetig intensivierenden globalen Vernetzung rückt der Fokus deutscher und internationaler Unternehmen nämlich endlich auf das, was meiner Meinung nach in der heutigen schnelllebigen Welt jedes Unternehmen ausmacht: auf die Unternehmenskultur. Dass Betriebe sich zusehends oder zumindest immer wieder auf diese zurückbesinnen und sie als echtes Asset erkennen, ist nicht neu. Doch noch nie zuvor waren sie so stark zu diesem Paradigmenwechsel gezwungen wie heute, wo die Digitalisierung geradezu keinen Aufschub mehr zulässt.

Die digitale Transformation hebt die letzten Grenzen der internationalen Zusammenarbeit auf und öffnet Talenten jeder Sparte endgültig die Tore in andere Betriebe, andere Länder. Mitarbeiter, die mehrere Zeitzonen trennen – heute längst kein Thema mehr.

Obwohl den Menschen also die Arbeitswelt über Kontinente hinweg offensteht, kann ich mit einem gewissen Stolz sagen, dass meine Unternehmensgruppe ihre Mitarbeiter mit überwältigender Mehrheit halten kann. Denn wir haben eines gelernt: Wenn wir Leute einstellen, die zu unserer Unternehmenskultur und unseren Werten passen, dann verlieren wir keine Talente. Die unterschiedlichen Kulturkreise, aus denen unsere Mitarbeiter stammen, sind dabei nicht das Problem, sondern das Salz in der Suppe.

Taubenschlag versus Einzelbüro

Nun behaupte ich nicht, dass es ein Leichtes ist, Mitarbeiter an unterschiedlichsten Standorten auf der Welt unter einer Unternehmenskultur zu vereinen. Wenn ich da nur an meine letzte Geschäftsreise nach Indien denke – kein deutscher Software-Entwickler würde für noch so viel Geld in dem lauten und beengten Taubenschlag arbeiten wollen, den sich dort 50 hochtalentierte Menschen teilen. Die kulturellen Gegebenheiten sind völlig andere. Und doch eint unsere indischen und chinesischen Mitarbeiter dieselbe Unternehmenskultur wie die deutschen oder amerikanischen Angestellten. Anpassen müssen Sie letztlich nur die Umstände vor Ort, damit dieses Mindset entstehen kann.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: In Indien bin ich derzeit an einer Innovation Hub, einem Inkubator beteiligt. Weil Talente dort mit rasanter Geschwindigkeit „weglaufen“ und ihre Jobs wechseln, haben wir bei den kulturellen Gegebenheiten angesetzt: Die Großzahl der Arbeiter leben dort außerhalb der Stadt und legen täglich enorme Pendelstrecken zurück, um zur Arbeit zu gelangen. Bieten sich ihnen Jobmöglichkeiten, bei denen sie näher an ihren Häusern und Betten sind, reicht schon das zur Kündigung. Also haben wir reagiert und das Arbeitsgebäude umkreist mit einer grundlegenden Infrastruktur: ein eigenes Restaurant, eigene Übernachtungsmöglichkeiten und eine gute Verkehrsanbindung. Das Angebot wird mittlerweile sogar von anderen Firmen im Umkreis mitgenutzt und ist ein simpler Schritt, um Talente wirksam mit Hilfe von kulturellen Aspekten zu halten.

Ein internationales Bündel

Sind die kulturspezifischen Voraussetzungen an jedem Standort erst geschaffen, kann eine übergreifende Unternehmenskultur gedeihen, die Digitalisierung, Globalisierung & Co. aushält und die Stirn bietet. Sie kann zu einem echten USP werden und damit zum Argument für Ihre Toptalente, bei Ihnen zu bleiben. Bei uns schreiben wir beispielsweise den Wert des Lernens groß. Das heißt für uns einerseits, dass wir nur Talente einstellen, die den Antrieb zeigen, zu lernen und sich permanent zu verbessern. Es bedeutet umgekehrt, dass wir die Voraussetzungen dafür schaffen müssen, dass diese Kultur gelebt werden kann. Dass wir also an vorderster Front dabei sind, wenn Innovationen ins Haus stehen, und dass wir laufend neue Herausforderungen bieten und angehen.

Ich bin überzeugt, wenn Sie Ihre Unternehmenskultur und Ihre Werte in den Fokus rücken, laufen Ihnen Ihre Talente nicht weg. Im Gegenteil: Sie machen den Kuchen größer. Denn Sie schaffen die Möglichkeit, Talente international zu bündeln, anstatt an dem Versuch zu scheitern, das „Eigene“ zu schützen.

Torsten Osthus

Torsten Osthus ist Vollblutunternehmer, Autor und Querdenker. Sein Appell: Mehr Vertrauen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern! Dieses gegenseitige Vertrauen fördert er mit seiner sozialen App LeapRoad.

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