ArbeitsmarktStryze-Gründer Funke: „Jeden, den wir einstellen, finden wir über einen Headhunter“

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Der Wirtschaft fehlt es an Arbeitskräften.IMAGO / Shotshop


Sebastian Funke

Sebastian Funke hat das E-Commerce-Unternehmen Stryze gegründet. Stryze kauft Marken, die auf großen Plattformen wie Amazon handeln, und baut sie aus. Aus dieser vertikalen Integration anderer Händler ergibt sich auch, dass Stryze Arbeitnehmer aus vielen verschiedenen Bereichen sucht: Nicht nur Programmierer, sondern auch Logistiker. Stryze ist nicht das erste Unternehen, das Funke gegründet hat. Der 42-jährige gebürtige Dresdener ist mit seiner Familie früh nach Berlin gegangen.


Capital: Herr Funke, was ist los bei Ihnen und Stryze?

SEBASTIAN FUNKE: Verkürzt gesagt: Wir finden derzeit keine Leute.

Was für Leute suchen Sie denn?

Gute Frage! Eigentlich suchen wir in allen Bereichen des Unternehmens. Einkäufer, Logistiker, Vertriebler, wir suchen Leute, die Marketing verstehen, Content-Produzenten, also Texte und Bilder, wir suchen Designer, Brand-Manager. Dann suchen wir aber auch noch Daten-Analysten und Programmierer. Die ganze Palette also.

Und Sie finden niemanden, mit dem Sie diese Stellen besetzen können?

Ich sage Ihnen, Sie finden im Moment niemanden oder nur sehr schwer. Der Arbeitsmarkt ist leer.

Infografik: 51% aller Unternehmen finden keine passenden Arbeitskräfte | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Wie viele Stellen haben Sie denn zu besetzen?

Wir sind gerade 85 Leute bei Stryze und haben gut 30 Stellen zu besetzen. Aber das sind auch nur die Stellen, die wir momentan besetzen müssen. In zwei Monaten werden das schon wieder viel mehr sein.

Geht das nur Ihnen so?

Nein, wenn ich mich mit anderen Gründern unterhalte, zeichnen alle dasselbe Bild.

Haben die Leute keine Lust, bei Ihnen zu arbeiten?

Nein, wir kriegen gutes Feedback von unseren Leuten. Und die meisten bleiben ja auch bei uns. Die Fluktuation ist niedrig.

Haben Sie denn eine Idee, woran das liegt?

Ich bin kein Experte auf dem Gebiet des Arbeitsmarktes und kann die Frage daher nicht wirklich beantworten. Aber ich habe Vermutungen. Corona war ein Booster für E-Commerce, hat aber gleichzeitig den Druck auf die Unternehmen erhöht. Denn die zahlreichen Pakete liefern sich nicht von selbst. Dafür brauchst du Leute – und zwar entlang sämtlicher Bereiche. Das ist die eine Seite. Dann sind viele Unternehmen schlagartig viel digitaler geworden, daher der Mangel an der anderen Front. Aber ich bin mir sicher, dass Corona nur eine Entwicklung beschleunigt hat, die schon längst da war.

Woran machen Sie fest, dass das Problem schon länger da ist?

Schaut man sich die Verträge in der Start-up-Welt an, haben sich diese stark verändert. Früher wollten Unternehmen die Mitarbeiter weniger an sich binden. Da gab es Kündigungsfristen von einem Monat. Jetzt sieht die Sache komplett anders aus. Die meisten Unternehmen geben Verträge mit einer Kündigungsfrist von mindestens drei Monaten aus, bei vielen ist sie sogar länger. Die wollen die Leute nicht nur an sich binden, sie wollen sie fesseln, damit sie nicht wieder gehen. Das ist aber noch nicht alles.

Was denn noch?

Gleichzeitig steigen die Gehälter rapide an. Da ist natürlich auch irgendwann eine Schmerzgrenze erreicht. Ich kann doch nicht sagen, sechs Monate Kündigungsfrist und dann muss ich für jemanden, der Logistik macht, auch noch 60.000 bis 70.000 Euro bezahlen, für den ich früher 40.000 bis 50.000 Euro bezahlt habe. Da ist für ein Unternehmen irgendwann der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht.

Wie lösen Sie das Arbeitsmarkt-Problem denn?

Wir haben zwei Lösungsansätze. Jede Einstellung, die wir im Moment machen, passiert über einen Headhunter. Wir haben gleich mehrere Unternehmen, die uns da unterstützen.

Das gilt dann eher für die Bereich, in denen hochqualifizierte Leute arbeiten, oder?

Nein, das gilt auch für Lagerarbeiter und Finanzbuchhalter. Wenn ich sage, jede Einstellung, meine ich jede Einstellung. Das ist eine wirklich verrückte Situation.

Statistik: Berufsgruppen mit den meisten offenen Arbeitsstellen am ersten Arbeitsmarkt in Deutschland im Oktober 2021 | Statista
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Was ist der andere Lösungsansatz?

Wir erschlagen das Problem mit Geld, jedenfalls versuchen wir es. Ich zahle jedem Mitarbeiter, der einen neuen Mitarbeiter anwirbt, 10.000 Euro. Wenn jemand einen Werkstudenten oder Praktikanten anwirbt, zahle ich bis zu 1000 Euro.

10.000 Euro für einen Mitarbeiter, 1000 Euro für einen Werkstudenten – lohnt sich das überhaupt noch?

Natürlich lohnt sich das! Der finanzielle Schaden ist höher, wenn die Arbeit liegenbleibt, weil niemand da ist, der sie erledigen kann. Wir haben aber auch noch eine dritte Lösung, die wir versuchen.

Welche denn?

Near-Shoring. Wir gründen Dependancen im nicht-EU-Ausland, in Georgien zum Beispiel. Da sitzen oft Leute, die schon mal in Deutschland gearbeitet haben und deshalb die Sprache können. Ich muss auf radikale Lösungen zurückgreifen, wenn der klassische Weg nicht mehr funktioniert.

Was wäre für Sie der klassische Weg?

Stellenanzeigen. Aber das kann ich knicken. Da kriege ich niemanden mehr. Das ist vorbei.

 


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