InterviewAlbert Wenger: „Brauchen wir überhaupt Firmen?“

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Was bedeutet aus Ihrer Sicht heute Erfolg, und welche Aspekte hiervon werden sich Ihrer Meinung nach in Zukunft ändern?

Erfolg bedeutet heute für mich, kleine Fortschritte zu machen bei dem, was mich nachts wach hält, nämlich unserem Übergang heraus aus dem Industriezeitalter. Ich tue das, indem ich mein Buch „World After Capital“ schreibe, durch Gespräche und durch Investments in Firmen, von denen ich glaube, dass sie uns dabei helfen werden … und am Rande auch durch philanthropische Aktivitäten.

Welches sind die drei wertvollsten Führungsqualitäten, die Sie sich im Management von Firmen wünschen, in die Sie investieren?

Hartnäckigkeit. Die Fähigkeit, Hindernissen und Rückschlägen zum Trotz am Ball zu bleiben. Was Angela Duckworth in ihrem gleichnamigen Buch Mumm („Grit“) nennt. Und intellektuelle Neugierde: ein Problem verstehen wollen. Jederzeit neue Dinge lernen, besser werden, die Messlatte nach oben verschieben und eine Vorstellung von kontinuierlicher Verbesserung.

Welche Themen fanden sich früher auf Ihrer Agenda, worauf konzentrieren Sie sich heute und womit werden Sie sich in Zukunft beschäftigen?

Das hat sich verändert, und es hat sich auch nicht verändert. Wir haben zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Sektoren investiert. Die zugrunde liegenden Ideen unserer Investments sind dabei aber unverändert geblieben. Es ging immer darum, die Kosten für den Zugang zu Technologien zu reduzieren, für den Zugang zu Informationen, den Zugang zum Lernen, zur Gesundheitsvorsorge. Es ging darum, bei der Entstehung von Netzwerkeffekten zu helfen, sodass ein Netzwerk immer besser wurde, je mehr Menschen sich daran beteiligten. Wir haben das auf der Konsumentenseite getan – durch Investments in Twitter, Tumblr und Etsy, aber ebenso auf der Business-to-Business-Seite in Firmen wie Clarifai, Sift Science und anderen. Wir bauen ein offenes Internet weiter aus, das erlaubnisunabhängige Innovationen ermöglicht. Erlaubnisunabhängig meint hier, dass jeder etwas Neues entwickeln und es der Welt zur Verfügung stellen darf, ohne zunächst einen Gatekeeper um Erlaubnis fragen und überzeugen zu müssen.

In welchem Bereich sehen Sie im Moment die meisten Investments?

Wir sind in den Bereichen Blockchains und Kryptowährung sehr aktiv.

Welches war in der Vergangenheit einer Ihrer größten Fehler und wie haben Sie hieraus gelernt oder wie hat dies Ihr Handeln für die Zukunft verändert?           

Als ich mit den Investments begann, wusste ich noch nicht genau, wie man mit Unternehmern interagiert. Ich sah etwas, das sie tun müssten, um ihre Firma erfolgreich zu machen, und habe ihnen einfach gesagt, was sie tun sollten. Oder sagte ihnen, es sei offensichtlich, dass sie etwas Bestimmtes zu tun hätten. Wäre es so offensichtlich gewesen, dann hätten sie es vermutlich bereits getan. Natürlich waren sie also anderer Auffassung. Niemand, der eine Firma gründet, möchte sich sagen lassen, was er zu tun hat. Es ist die eine Sache, selbst Einsicht in eine Notwendigkeit zu gewinnen, aber den Unternehmer dazu zu bringen, diese Einsicht zu teilen, das ist ein völlig anderer Schritt. Zu Beginn meiner Investmenttätigkeit gab es daher einige Unternehmer, die mich fragten: „Wer zum Teufel sind Sie, dass Sie glauben, mir diese Dinge vorgeben zu können?“

Wie hat dies dann anschließend Ihr Verhalten verändert?

Heute ist mir sehr viel bewusster, dass ich zunächst Vertrauen zwischen dem Unternehmer und mir aufbauen muss. Dann muss ich herausfinden, auf welchem Wege ich eine Idee anbringen kann – vielleicht als Frage oder vielleicht auf etwas andere Weise, sodass sie dann darauf reagieren können und, wenn es eine gute Idee ist, diese fast wie etwas betrachten können, das ihnen eigentlich selbst eingefallen ist.

Wer oder was inspiriert Sie und warum?

Am meisten inspirieren mich Wissenschaftler, die ein Problem über eine lange Zeit hinweg angehen, obwohl sie hierfür zunächst nicht auf Anerkennung stoßen. Denen darüber hinaus immer wieder gesagt wird, ihre Sicht der Dinge sei falsch. Ein gutes Beispiel hierfür ist Geoffrey Hinton, der weiter an neuralen Netzwerken gearbeitet hat, als viele andere dieses Feld verließen und der schließlich zu jenen Durchbrüchen beitrug, die zwischenzeitlich zum Deep Learning geführt haben. Ein weiteres Beispiel ist Chiara Marletto, die auf dem Gebiet der Konstruktorentheorie, einer neuen physikalischen Grundlagentheorie, Pionierarbeit leistet.