InterviewAlbert Wenger: „Brauchen wir überhaupt Firmen?“

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Wie lang- und kurzfristig sollten wir Ihrer Meinung nach in die Zukunft schauen?

Als Investor, aber auch als Firmengründer oder CEO muss man an Dingen arbeiten, die eine mehr als zehnjährige Perspektive haben. Zugleich muss man etwas am Markt haben, das einen nur zwei- oder dreijährigen Horizont aufweist. Wenn sich ein Produkt nicht in zehn oder mehr Jahren herstellen lässt, dann handelt es sich um Grundlagenforschung, und die sollte vermutlich nicht in einem Unternehmen, sondern am besten in einer akademischen Arbeitsumgebung betrieben werden. Zwar haben einige sehr große Unternehmen Forschungsabteilungen, die Grundlagenforschung betreiben, aber das ist für Start-ups unmöglich. Wenn wir in Dinge investieren, dann bei solchen Firmen, die nicht mehr als zwei Jahre nach der Bereitstellung des Investments ein Produkt liefern oder zumindest einen Prototyp vorweisen können. Unternehmen sollten sich ebenso verhalten. Wir investieren gern in Firmen, die etwas mit der Perspektive für ein ganzes Jahrzehnt oder länger aufbauen.

Ich nenne Ihnen ein gutes Beispiel: Vor Jahren schaute ich am Markt nach Inhalten im Bereich der höheren Bildung. Einige Firmen behaupteten von sich: „Wir haben ein System für Studenten, um Fachbücher – physische Fachbücher – effizienter auszutauschen.“ Wir haben in keine von diesen investiert, weil wir glaubten, dass physische Bücher ein Ding der Vergangenheit waren. Ich will nicht in Dinge investieren, von denen ich schon weiß, dass sie bereits ihrem Ende entgegengehen. Wir haben uns also entschieden abzuwarten. Und nun, ein paar Jahre später, haben wir in Tophat investiert, ein Unternehmen, das digitale Inhalte für die höhere Bildung innerhalb eines Marktplatz-Modells liefert. Ich gucke also stets nach dem langfristigen, säkularen Trend im Interesse des eigenen Investments. Beispielsweise haben wir zahlreiche Pitches für Tools gesehen, die traditionelle Einzelhändler effizienter machen. Wir glauben, dass traditionelle Einzelhändler aussterben, und daher ist ein Investment in etwas, das sie effizienter macht, nicht interessant.

Mit wem sprechen Sie außerhalb Ihrer Branche, um eine andere Perspektive auf Ihr Business zu bekommen?

Ich spreche gern mit Leuten, die an solchen Problemen arbeiten, für die wir uns interessieren. Und dann auch mit Menschen aus den Feldern der Wissenschaften sowie mit Journalisten und Unternehmern. Ich schreibe gern über Dinge, ich schreibe in Blogs und treffe häufig Menschen der unterschiedlichsten Lebenswege, die etwas lesen oder jemand anderes liest etwas und macht mich auf jemanden aufmerksam. Ich verbringe allerdings nicht viel Zeit mit anderen Venture Capital Firmen. Wir werden ständig zu Konferenzen anderer Investoren und anderer VCs eingeladen, aber ich glaube nicht, dass ich dort etwas völlig Neues lernen kann.

Wie würden Sie das ideale innovative Unternehmen der Zukunft beschreiben?

Im Moment interessiere ich mich sehr für die Frage, ob wir Firmen überhaupt brauchen. Wir haben in eine Anzahl von Plattformen investiert, auf denen ökonomische Aktivitäten stattfinden können, ohne dass eine Firma benötigt würde. Wissenschaftlicher Austausch ist ein Beispiel für einen solchen Marktplatz – für Zugang zu wissenschaftlichen Instrumentarien, um Experimente durchführen zu können. Historisch betrachtet waren Firmen notwendig, um über teures Equipment zu verfügen, etwa über eine Gensequenzierungsmaschine, um diese dann Angestellten zur Verfügung zu stellen. Über die Seite scienceexchange.com hat heute jeder Zugang zu solcherlei Maschinen, ohne dafür zunächst irgendwo angestellt sein zu müssen.

Welche bedeutenden Veränderungen erwarten Sie in der Venture-Capital-Industrie und welche Chancen bzw. Risiken sehen Sie damit einherkommen?

Der Fortbestand von Venture Capital wird ebenfalls durch Technologie bedroht. Software frisst die Welt auf, und die Welt umfasst auch Venture Capital. Für technische Unternehmen bietet etwa angellist.com einen interessanten Weg, um ohne traditionelle VCs Geld zu beschaffen. Und für Verbraucherunternehmen gibt es ein weiteres Finanzierungsnetzwerk dieser Art, das sich circleup.com nennt, ein USV-Portfolio-Unternehmen. Ich habe mich jüngst mit einer Gruppe getroffen, die Medizintechnologie- und pharmazeutische Unternehmen unterstützt. Sie greift dabei auf ein Netzwerk von Ärzten zurück. Es wird eine große Verschiebung bedeuten, ganze Netzwerke von Menschen statt nur einzelner Investoren oder Hauptpartner in der Firma dazu zu bringen, sich eines Investment-Problems anzunehmen. Mehr und mehr Dinge werden diesem Modell gemäß finanziert werden. Und dann haben wir kürzlich eine Welle sogenannter ICOs oder Initial Coin Offerings gesehen, in denen an Blockchain-Technologie arbeitende Firmen mithilfe weltweiter Investoren in einem einzigen Anlauf sogar 200 Mio. Dollar aufgebracht haben, indem sie Kryptowährungen nutzten.