InterviewVonovia-CEO Rolf Buch: „Wir nehmen unsere Mieter nicht aus“

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Aber es sind sich doch alle einig, dass mehr gebaut werden soll.

Ja, in den Sonntagsreden immer gerne. Aber niemand ist derzeit in der Lage, in der Bevölkerung die dafür nötige Akzeptanz zu schaffen. Viele Bürgermeister erteilen kurz vor einer Wahl keine Baugenehmigungen mehr; zumal wenn sie ahnen, dass die neuen Bewohner politisch vielleicht ganz anders ticken als ihre bisherige Klientel. Die Kommunen weisen kein neues Bauland aus, weil sie nicht von der Wertsteigerung durch die Umwandlung von Acker- in Bauland profitieren. Dafür haben sie aber hohe Kosten für die neue Infrastruktur. Nur: Ich kann nicht mehr Klimaschutz wollen, aber jede Sanierung ablehnen. Ich kann nicht mehr Wohnungen fordern, aber jedes Bauprojekt bekämpfen. Wenn wir das nicht lösen, wird die Bevölkerung sauer – zu Recht.

Der Groll trifft nun Sie. Wie fühlt es sich an, Buhmann der Nation zu sein?

Als ich von Bertelsmann zur Deutschen Annigton – so hieß Vonovia damals noch – gewechselt bin, war mir schon klar, dass mich hier ein sehr viel politischerer Job erwartet. Ich wusste, dass man auch mal negativ dastehen kann. Die teilweise absurden Züge der jetzigen Diskussion hatte ich allerdings nicht erwartet. Den Druck aus der Gesellschaft halte ich dennoch für berechtigt. Denn Wohnungen sind kein Auto und keine Urlaubsreise, sondern ein elementares Bedürfnis. Wenn wir nicht sehr viel mehr tun, um allen Menschen ordentlichen und bezahlbaren Wohnraum bieten zu können, ist unser gesellschaftlicher Friede gefährdet – ich meine das ganz ernst.

Was können Sie denn tun, um den Missstand zu beheben?

Wir arbeiten an vielen Projekten. Wir testen zum Beispiel eine engere Zusammenarbeit zwischen unserer Bauabteilung und dem Bauamt einer großen Kommune hier im Ruhrgebiet und wie wir Prozesse optimieren können. Außerdem entwickeln wir Modelle für serielles Bauen, um die Baukosten noch weiter zu senken. In einem Kodex haben wir zusätzlich festgeschrieben, wie wir unsere gesellschaftliche Aufgabe verstehen und welchen Beitrag wir leisten wollen und können. Aber ich bin nicht demokratisch legitimiert, den gesellschaftlichen Diskurs zu moderieren.

Wir haben jetzt viel über Missstände geredet. Gibt es irgendwo ein Vorbild, an dem wir uns orientieren können?

Es gibt viele gute Beispiele: Hier in NRW etwa haben wir einen klaren Förderrahmen für den sozialen Wohnungsbau, mit dem können wir gut arbeiten. Sachsen hat so etwas auch – andere Bundesländer leider nicht. Das Modell in NRW könnten sie einfach abschreiben, dann wären viele Probleme gelöst. Aber so weiß ich nicht, wie wir in den großen Städten die vielen Menschen unterbringen sollen, die jedes Jahr da hinziehen.

Wien wird auch immer genannt.

Wien ist tatsächlich spannend. Aber auch komplizierter, als es hier oft dargestellt wird. Die Mieten sind nicht vergleichbar, und die sozialen Wohnungen, von denen es dort wirklich viele gibt, sind in Wahrheit schwer zu bekommen. Und Mieter bringen beim Einzug in solch eine Wohnung Geld mit, ähnlich wie bei einer Genossenschaft. Aber Wien betreibt seit mehr als 100 Jahren sozialen Wohnungsbau, wandelt konsequent selbst Ackerland in Bauland um. Wenn wir das in Deutschland so handhaben würden wie die Wiener, dann würde uns das jedes Jahr 20 Mrd. Euro kosten. Und zwar über Jahrzehnte. Das muss man sich leisten können und auch wollen.


Das Interview ist in Capital 06/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay