Immobilien Stadt der Zukunft: Bürogebäude aus Holz

Westspitze ist der Name des Neubaublocks am westlichen Ende des neuen Stadtviertels Alter Güterbahnhof in Tübingen. Der Gewerbeturm zählt zu den höchsten Häusern Deutschlands in Holz-Beton-Hybrid-Bauweise
Westspitze ist der Name des Neubaublocks am westlichen Ende des neuen Stadtviertels Alter Güterbahnhof in Tübingen. Der Gewerbeturm zählt zu den höchsten Häusern Deutschlands in Holz-Beton-Hybrid-Bauweise
© IMAGO / Arnulf Hettrich
Deutschlands Immobilienbranche hat in Sachen Klimaneutralität keine Zeit zu verlieren. Eine Teillösung ist das Bauen mit Holz. Nicht nur im Privaten, sondern auch bei Gewerbegebäuden findet der klimafreundliche Baustoff mehr und mehr Einzug in die Bauwelt.

Wer an Holzhäuser denkt, sieht vor seinem geistigen Auge vermutlich eine romantische Liebhaber-Hütte auf dem Land, irgendwo in Skandinavien oder in den Alpen. Skyscraper und Bürotürme stellen sich die wenigsten dabei vor. Kein Wunder: Bisher waren derartige Holzbauten hierzulande und erst recht in den Städten eher die Ausnahme. Das soll sich in Zukunft ändern. 

Angesichts der Klimakrise müssen für die Baubranche dringend neue Lösungen her: Bis zum Jahr 2045 muss die Immobilienwirtschaft laut Plänen der Bundesregierung klimaneutral sein. Da Gebäude derzeit ein Viertel der CO2-Emissionen in Deutschland ausmachen, ist das kein leichtes Ziel. Eine Möglichkeit, um Gebäude energieeffizienter und ihren Bau klimafreundlicher zu machen, ist der Baustoff Holz. Zwar kann Holz allein das Klimaproblem der Immobilienwirtschaft nicht lösen, darin sind sich Experten aus der Baubranche einig. Doch Decken und Wände aus Holz sollen den CO2-intensiven Baustoff Zement in Zukunft immer mehr ersetzen – und das nicht nur bei Einfamilienhäusern. Auch bei Hochhäusern könnte sich Holz als Baustoff bald etablieren, zumindest weisen erste Pilotprojekte bereits den Weg. 

„Das Bauen mit Holz hat die Nische verlassen und etabliert sich immer deutlicher als nachhaltige Alternative zum herkömmlichen Bauen mit Zement und Ziegeln“, sagt Jochen Weyrauch, Vorstandsvorsitzender des Maschinen- und Anlagebauers Dürr. Das Unternehmen verzeichnete im Jahr 2021 bei Bestellungen von Maschinen zur Holzbearbeitung ein Plus von 60 Prozent. Die Vorteile liegen laut Weyrauch auf der Hand: „Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und hat eine hervorragende Klimabilanz. Holzhäuser sind eine CO2-Senke und schneiden in Sachen Nachhaltigkeit wesentlich besser ab als andere Gebäude.“

Holzhäuser haben einen niedrigeren Primärenergieverbrauch

Der Baustoff weist zum einen niedrigere Schadstoffemissionen auf als Alternativen wie Stahl, Zement und Beton. Das liegt vor allem daran, dass Bäume der Atmosphäre CO2 entziehen, bis sie gefällt und weiterverarbeitet werden. Gleichzeitig kann Holz auch weiterverwendet werden, wenn das Haus einmal abgerissen wird, zum Beispiel in Form von Papier oder Spanplatten, und ist somit auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft nachhaltiger. Außerdem dämmt Holz besser als Stein, Beton oder Stahl, weil es einen vergleichsweise niedrigen Wärmedurchgangswert hat. 6,5 Zentimeter Nadelholz dämmen etwa genauso gut wie 40 Zentimeter Klinkerstein. Holzhäuser haben somit einen niedrigeren Primärenergieverbrauch.

Zum anderen lassen sich viele Bauelemente aus Holz in einer Produktionshalle vorfertigen und dann vor Ort auf der Baustelle zusammensetzen. Das spart Zeit und Kosten und erleichtert Handwerkern die Arbeit, immerhin verbringen sie so weniger Zeit bei Wind und Wetter auf der Baustelle. So können in kürzerer Zeit mehr Gebäude gebaut werden als bislang.

Das Gewerbegebäude in Tübingen ist seit Januar 2021 bezugsfertig, der Bau hat drei Jahre gedauert. 106 Einheiten finden in dem Gebäude aus Holz-Hybrid-Bauweise Platz
Das Gewerbegebäude in Tübingen ist seit Januar 2021 bezugsfertig, der Bau hat drei Jahre gedauert. 106 Einheiten finden in dem Gebäude aus Holz-Hybrid-Bauweise Platz
© IMAGO / Arnulf Hettrich

Allerdings hat die Holzknappheit im Jahr 2021 uns auch gelehrt, dass das Baumaterial nicht immer unbegrenzt zur Verfügung steht. Drei besonders heiße Sommer in Folge führten zu Dürre und Waldsterben in ganz Deutschland, dazu kam der Borkenkäferbefall. Vor allem Schnittholz war im vergangenen Jahr knapp und teuer, die Preise stiegen im Vergleich zum Jahr 2018 um 70 Prozent. Die boomende Nachfrage nach Holz als Baumaterial spannt die Preislage zusätzlich an. Nicht nur in Deutschland ist der Baustoff begehrt, auch in den USA und in China ist die Nachfrage zuletzt stark gestiegen. Neben der Baubranche ist der Holzhunger auch in anderen Industrien groß, Hersteller von Verpackungsmaterial und Textilfasern setzen ebenso immer häufiger auf das nachhaltige Material.

Von heute auf morgen das Angebot erhöhen – also mehr Bäume fällen – kommt aus Naturschutzgründen in Deutschland dennoch nicht infrage und ist gesetzlich verboten. Die Forstwirtschaft wird sich in den kommenden Jahren ohnehin in Deutschland nachhaltiger aufstellen müssen, betonen Klimaforscher immer wieder. Ein Appell lautet: Weg von den Monokulturen aus Nadelbäumen, hin zu mehr Mischwäldern. 

Trotz all dieser Herausforderungen setzt Bundesbauministerin Klara Geywitz bei den jährlich geplanten 400.000 Neubauwohnungen auf den Holzbau. Dass dieser nicht nur für Wohnhäuser, sondern auch für gewerbliche Bauprojekte neue Möglichkeiten des Bauens eröffnet, zeigen bereits erste erfolgreiche Pilotprojekte. 



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