Dekarbonisierung Sanierungspflicht: Wie Ihr Haus klimafreundlich werden soll 

Die EU-Kommission will den Gebäudesektor dekarbonisieren.
Die EU-Kommission will den Gebäudesektor dekarbonisieren.
© McPHOTO / IMAGO
Bauen und Wohnen verursacht mehr Schmutz, als die meisten ahnen. Im Kampf gegen den Klimawandel will die EU-Kommission jetzt eine Sanierungspflicht für ineffiziente Gebäude beschließen. Der Vorschlag sorgt für Aufsehen. Was dahinter steckt

Was steht genau in dem Entwurf?

Die EU-Kommission will Haus- und Wohnungseigentümer dazu verpflichten, besonders energieineffiziente Gebäude zu renovieren. Bis 2050 sollen sämtliche Gebäude in der EU klimaneutral werden. Im ersten Schritt sollen öffentliche Gebäude bis 2027 renoviert werden, dann kommen bis 2030 bewohnte Häuser und Wohnungen dran. Ab 2030 dürfen nur noch emissionsfreie Häuser gebaut werden, die ohne fossile Brennstoffe beheizt sind.

Renoviert werden sollen die Gebäude, deren Energieeffizienz zur Klasse G, der schlechtesten Kategorie, gehören. Sie sollen zunächst mindestens Klasse F erreichen. Das trifft auf rund 35 Millionen Wohnungen in der EU zu, das entspricht etwa 15 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes.

Zudem soll das System von Energieeffizienz-Kategorien EU-weit vereinheitlicht werden. In Deutschland geht die Skala derzeit von A+ bis H, in der EU reicht sie von A bis G. Hausbesitzer erhalten darüber hinaus künftig einen „Renovierungspass“, der „Eigentümern ein Instrument zur Erleichterung ihrer Planungen und einer schrittweisen Renovierung hin zu einem emissionsfreien Niveau an die Hand gibt“, heißt es aus der Kommission.

Was würde das für Mieter bedeuten?

Für Mieter, die in Wohnungen leben, die dem neuen Mindeststandard nicht entsprechen, müssen sich in den kommenden Jahren auf Sanierungen einstellen. Da die Energiekosten mit einer höheren Effizienz tendenziell sinken, würden Mieter laut EU-Kommission von den Reformen profitieren.

Lukas Siebenkotten, Präsident des Deutschen Mieterbundes (DMB), warnte jedoch in der Boulevardzeitung “Bild“ vor steigenden Mieten. „Den Vermietern entstehen durch die Sanierung erhebliche Kosten, die sie auf die Mieter umlegen werden“, sagt er. Die Mietpreisbremse müsse jetzt konsequent angewandt werden, forderte er.

Auf Twitter kritisierte der Deutsche Mieterbund: „Nicht die Vorgaben der EU zur energetischen Sanierung lassen die Mieten steigen, sondern das bestehende System der Modernisierungsumlage“. Die Ampel-Koalition in Berlin müsse warmmietenneutrale Sanierungen ermöglichen, um die Klimaziele im Gebäudesektor sozial zu erfüllen.

Und was bedeutet das für Vermieter und Eigentümer?

Wer eine Wohnung oder ein Haus besitzt, dass in die EU-Energieeffizienzklasse G fällt, muss bis 2030 sanieren. Wie viele Immobilienbesitzer das in Deutschland betrifft, ist noch unklar. Eine solche Sanierung geht mit großen Investitionen einher, die EU-Kommission will daher Fördermittel zur Verfügung stellen, auch privates Geld soll mobilisiert werden. Die erforderlichen Vorabinvestitionen, so EU-Klimaschutzkommissar Frans Timmermans sollen finanziell unterstützt werden. Timmermans betonte zudem, der Vorschlag würde niemanden enteignen, der sein Haus nicht saniere. Die Staaten seien in der Verantwortung, die Sanierung finanziell zu fördern.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Umweltschutz teilte Capital auf Anfrage mit, dass dies ohnehin den Zielen der Ampel-Koalition entspräche. „Die vorgeschlagenen Anforderungen für den Energiebedarf von neuen Gebäuden sowie die Vorschläge für die Sanierung von Bestandsgebäuden werden wir eingehend prüfen und sozialverträglich ausgestalten“, heißt es weiter.

Welche Reaktionen gibt es darauf?

Der Eigentümerverband Haus und Grund warnt, dass die EU-Richtlinge „für 40 Millionen Gebäude europaweit das Aus“ bedeuten würde. „Für viele Gebäude der Energieklassen F und G wird eine Sanierung keine Option sein, der Ersatzneubau mindestens 1,2 Bio. Euro kosten“, sagt Verbandspräsident Kai Warnecke. Immerhin gebe der Renovierungspass Eigentümern eine Orientierung bei der schrittweisen energetischen Modernisierung.

Die Denkfabrik Agora Energiewende begrüßt dagegen den Vorstoß. Man müssen die Gebäudestandards für Neubau und Renovierung auf das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ausrichten, heißt es auf Twitter. Die vorgeschlagenen Mindestwerte für die Energieeffizienz von Gebäuden seien von entscheidender Bedeutung.

Würde die Regelung dem Klima wirklich helfen?

Der Gebäudesektor ist einer der besonders klimaschädlichen Wirtschaftsbereiche. “Sie verbrauchen 40 Prozent unserer Energie und verursachen 36 Prozent unserer Treibhausgasemissionen“, sagt EU-Energiekommissarin Kadri Simson. Das liege daran, dass die meisten Gebäude in der EU nicht energieeffizient seien und nach wie vor überwiegend mit fossilen Brennstoffen beheizt würden. „Wir müssen hier dringend etwas tun, da mehr als 85 Prozent der heutigen Gebäude im Jahr 2050 noch stehen werden, wenn Europa klimaneutral sein muss“, sagt Simson.

Auch die neue Bundesbauministerin Klara Geywitz wies am Freitag im ZDF-Morgenmagazin auf die allgemeine Bedeutung des Bausektors für den Klimaschutz hin. „Bauen ist der graue Elefant in der Klimawende“, sagte sie. Es gebe dort ein riesiges Einsparpotenzial, aber es bewege sich noch zu wenig. Ihr sei bewusst, dass die Bauindustrie mit Sorge auf die höheren Klimaschutzstandards blicke. „Wir müssen diesen Prozess auch als Chance begreifen“, sagte Geywitz. Es könne eine Möglichkeit sein, „die eh schon sehr hohe Qualität der deutschen Bauindustrie nochmal um eine sehr fortschrittliche, innovative Komponente zu ergänzen, die dann auch unglaublich exportfähig ist“.

Icon1

Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“ ? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden


Mehr zum Thema



Neueste Artikel