GastbeitragLasst uns lebenswerte Städte bauen!

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Städte sollten an Mischareale denken – Pendeln ist out

Die Herausforderung liegt freilich in der Zeit. Wir sollten uns einmal vor Augen führen, wie lang der Zyklus beim Städtebau in den vergangenen Jahrhunderten war und wie er sich mittlerweile verändert hat. Vor 250 Jahren veränderte sich eine Stadt etwa aller 50 Jahre spürbar, heutzutage machen sich stärkere Veränderungen durch häufigen Zuzug, aber auch durch neue Bauvorhaben wesentlich schneller bemerkbar. Die Entscheidung umzuziehen, die Wahl neuer beruflicher Herausforderungen und das Wachstum beziehungsweise die Verlagerung von Unternehmen an neue Standorte findet im 21. Jahrhundert deutlich schneller statt. Das stellt alle Beteiligten – Unternehmen, Menschen und Stadtverwaltungen – naturgemäß vor Herausforderungen.

Nehmen wir ein Beispiel: Stellt ein Investor einen Bauantrag für ein Mischareal aus Wohnen und Arbeiten, muss er sich darauf einstellen in der „Weltstadt mit Herz“, wie sich München selbst sieht, durschnittlich sieben Jahre auf eine Baugenehmigung zu warten. Der aktuelle Wechselzyklus beginnt aber bereits bei zwei Jahren. Wenn sich die Verwaltungen der Städte nicht an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, werden viele Zentren in Deutschland, denen es aktuell noch scheinbar gut geht, in wenigen Jahren mit strukturellen Krisen zu kämpfen haben.

Bürgermeister und Behörden betrachten Veränderungen eher aus der Distanz, dabei ist es notwendig, dass sie die geeigneten Instrumente entwickeln, um selbst schnell zu reagieren. Häufig spiegelt sich in den Stadtverwaltungen die Angst vor dem Neuen wider, die auch in Teilen der Stadtbevölkerung herrscht. Das ist ebenso nachvollziehbar wie der Umstand, dass Investoren zunehmend intensiver den Städtemarkt und die Zukunftsorientierung der Stadtregierungen beobachten. Immer wichtiger wird es in dieser Gemengelage, dass Investoren und Stadtverwaltungen miteinander ins Gespräch kommen. Da Investoren die Veränderungsprozesse, denen die Städte emotional gegenüberstehen, meist sachlich betrachten, können die Städte davon in den meisten Fällen profitieren. Drei Aspekte lassen sich für diesen Austausch identifizieren:

  • Die Arbeitswelt verändert sich: In unserer Dienstleistungsgesellschaft spielt Flexibilität eine immer größere Rolle. Die Menschen möchten wählen können, ob sie aus dem Büro oder dem Home-Office arbeiten – oder aus Coworking-Spaces im eigenen Wohnquartier. Für Bürobauten, aber auch für die einzelne Wohnung gilt es, flexible Zuschnitte zu schaffen. Die Menschen wollen helle Räume – und sie wollen keine weiten Wege mehr zur Arbeit haben. Denn diese Zeit geht von ihrer Freizeit ab.
  • Bildung als wichtiger Grundstein: Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer möglichst hohen Qualifikation. Gute Schulen, Fachhochschulen und Universitäten sind für die optimale Anbindung zu technologiegetriebenen Unternehmen wichtig. Denn Firmen gehen am liebsten in Städte, die ihnen Nachwuchskräfte bieten können. Städte sollten daher das Thema Wissens- und Wissenschaftsakkumulation deutlich wichtiger nehmen, um im Wettbewerb der Standorte Bestand zu haben.
  • Die Stadt hat eine soziale Verantwortung: Die zunehmende Digitalisierung und bauliche Veränderungen können in Einzelfällen zu einer Überforderung der Stadtbewohner führen. Auch kann Innovation zu einem Kostentreiber werden. In Städten wie München und Frankfurt am Main beklagt ein Teil der Niedrig- und Durchschnittsverdiener, dass ihre Lebenshaltungskosten zu hoch sind und sie sich hohe Mieten oder den Kauf einer Wohnung kaum noch leisten können. Erschwinglicher Wohnraum und die Verbesserung der städtischen Infrastruktur sind daher dringend notwendig. Dass beides Hand in Hand entwickelt werden kann und muss, zeigen moderne Mischquartiere.

Fassen wir zusammen: Mensch und Technik verändern sich in diesem Jahrzehnt deutlicher und schneller als je zuvor. Das gilt besonders für unsere Städte. Wenn Leben und Arbeiten näher an einen gemeinsamen Ort zusammenrücken sollen, dann braucht es dafür ausreichend Räume für neue Gestaltungsformen. Eine Stadt ist dann besser für die Zukunft aufgestellt, wenn sie moderne Konzepte umsetzt. Das kann auch eine Neupositionierung der Immobiliennutzung bedeuten. Nur wer sich planerisch auf das Zusammenspiel von Innovation, Digitalisierung, aber auch den Umweltschutz und den Lebenswert einer Stadt einlässt, darf von sich behaupten, eine Zukunftsstadt zu sein – eine Stadt, in der sich junge Kreative ebenso wie noch ziemlich fitte gebildete Alte zusammen wohlfühlen.