EnergiewendeIntelligente Verschwendung statt stupides Sparen

Energieautarkes Haus mit E-Auto-Ladestation
Energieautarkes Haus mit E-Auto-LadestationWolfgang Wittchen

Alle Jahre wieder beginnt nicht nur der vorweihnachtliche Stress, sondern auch jene Phase des Jahres, wo Nebenkosten in die Höhe schießen. Die Kälte lässt uns mehr heizen, die frühe Dunkelheit erfordert drinnen wie draußen Lampenlicht, stimmungsvolle Lichterketten schlagen zusätzlich zu Buche. Der Winter ist energie- und damit auch kostenintensiv. Doch was heute noch für Zündstoff bei Diskussionen um Umweltschutz und Kostenbewusstsein sorgt, ist morgen schon Geschichte. Denn es beginnt ein Zeitalter der Energieautarkie. Energie wird uns zunehmend kostenlos zur Verfügung stehen.

Was uns bislang im Umgang mit Ressourcen konditioniert und geprägt hat, können wir getrost ad acta legen. Es geht nicht länger um Sparsamkeit, sondern um eine kluge Nutzung von Technik und Möglichkeiten. Rasante technische Entwicklungen verändern unser Leben nachhaltig. Sie schenken uns nicht nur mehr Gestaltungsfreiraum, sondern auch völlig neue Möglichkeiten der Energienutzung. Das betrifft die Mobilität ebenso wie das Wohnen. Während Energieeffizienz- oder Passivhäuser mittlerweile schon zum Standard modernen Bauens zählen, ist echte Energieautarkie die nächste Stufe beim Bauen und Wohnen.

Energieautarke Häuser versorgen sich dank Solarenergie weitestgehend selbst mit Wärme und Strom. Fotovoltaikmodule und Solarthermiekollektoren teilen sich Dachflächen und Balkonbrüstungen. In den Wintermonaten gleicht eine Holzvergaserheizung die fehlende Sonnenenergie aus. Die selbsterzeugte Energie reicht sogar noch für eine hauseigene Tankstelle für Elektroautos aus. Mit dieser neu gewonnenen Unabhängigkeit von externen Gas- und Stromversorgern können wir so viel heizen, Licht brennen lassen, heiß duschen oder baden, Kilometer mit dem E-Mobil fahren wie es uns beliebt – Kosten sind nicht länger ein Killer der eigenen Gelüste. Die Technik der Zukunft schenkt uns mehr Freiheit im Alltag als jemals zuvor. Mit anderen Worten: Sie lässt intelligente Verschwendung zu.

Das Geschäftsmodell der Energieversorgung löst sich auf

Die Verhältnisse zwischen Energieversorger und Nutzer werden künftig auf den Kopf gestellt. Denn die Häuser der Zukunft sind so konzipiert, dass sie nicht nur weitgehend von der selbsterzeugten Energie gespeist werden, sondern sogar noch als Dienstleister für regionale Energieversorger fungieren können. Bislang war es ein teures Geschäft für Stromanbieter, Überschüsse im öffentlichen Netz auszugleichen. Entweder schalteten sie Anlagen vorübergehend ab oder gaben Strom kostenpflichtig an ausländische Netze ab. Die neue Häusergeneration bietet nun die Möglichkeit, solche Überschüsse im Hausspeicher dezentral einzulagern. Das macht nicht nur das öffentliche Netz stabiler, sondern ermöglicht es den regionalen Stromversorgern zudem, ihre Windkraftanlagen konstant und damit wirtschaftlich auszulasten. Die Energieversorgung wird resilienter – und günstiger. 2030 wird Solarstrom nur noch einen Cent pro Kilowattstunde kosten.

Das Zeitalter der Energieautarkie wird unsere Gesellschaft verändern. Wir entwickeln uns zu einer Nullgrenzkostengesellschaft. Das gewohnte Geschäftsmodell der Energieversorgung, bisher eines der entscheidenden Treiber für unsere Lebenshaltungskosten, löst sich auf. Stupides Sparen wird überflüssig.

Flatrate-Wohnen mit inkludierten Nebenkosten und E-Mobilität

Die Revolutionierung des Energiemarktes verändert die Perspektiven von Hauseigentümern, Mietern und Versorgern gleichermaßen. Während der Hausbesitzer zum Selbstversorger und Anbieter von Speicherkapazitäten wird – und neben Energiekosteneinsparungen auch noch zusätzliche Einnahmen generieren kann –, kann ein Mieter künftig vom Flatrate-Wohnen profitieren. Denn beim Wohnen im energieautarken Mehrfamilienhaus kann ein Vermieter dank der günstigen Energiekosten Pauschalmieten aufrufen, die eine Flatrate für Wärme, Strom und E-Mobilität enthalten. Rund 95 Prozent der Nebenkosten werden eingespart. Und diese Pauschale lässt sich für zehn Jahre festschreiben – für den Mieter bedeutet das Kostensicherheit, für den Vermieter reduziert sich ohne jährliche Betriebskostenabrechnung der Verwaltungsaufwand erheblich.

Die hauseigene E-Tankstelle ist ebenfalls ein Mehrwert, der auch Gemeinschaftselektromobilen dienen könnte. Denn wir entwickeln uns immer stärker zur sogenannten „Sharing Economy“, einer Gesellschaft des Teilens und Tauschens. Die Zahl der Singles und Alleinerziehenden steigt, die Notwendigkeit eines eigenen Autos nimmt parallel dazu ab. Wo die Anschaffung eines Autos nicht lohnt, ist ein gemeinschaftlich genutztes Fahrzeug, dass sich zudem kostenlos betanken lässt, ein attraktiver Nebeneffekt des neuen Wohnens.

Teilen prägt künftig auch das Verhältnis von Vermieter und Energieversorger. Der regionale Energieversorger wird zum „Contractor“. Er liefert die Energietechnik fürs energieautarke Mehrfamilienhaus und stellt die Elektromobilität zur Verfügung. Mit dem Vermieter vereinbart er dafür eine Energiepauschale. Darin ist der kalkulatorische Anteil der Energie festgeschrieben, die zugekauft werden muss. Durch günstige Eigenproduktion und geschickte Nutzung der dezentralen Speicher kann der Energieversorger den kostenträchtigen Anteil minimieren und den eigenen Gewinn erhöhen. Dieses Modell ist eindeutig smarter als der sogenannte „smart grid“, da auf diese Weise größere Mengen Strom rangiert werden. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Fazit

Die Energiewende 4.0 eröffnet neue Chancen für die Wohnungswirtschaft, Energieversorger und Hausbesitzer. Investitionen in energieautarke Gebäude bieten ihnen die Möglichkeit, jenseits staatlicher Subventionen die allgemeine Versorgungslage aktiv mitzugestalten. Sie reduzieren schon heute die Kosten für den zukünftigen Energiebezug und sichern den Wohnkomfort für morgen. Das Zeitalter der intelligenten Verschwendung hat begonnen.