KolumneWarum die Rückkehr in die Provinz immer attraktiver wird

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Kürzlich klagte mir ein befreundeter Banker beim Mittagessen sein Leid: Das Treffen zum 25. Abi-Jubiläum in seiner niedersächsischen Heimat sei für ihn niederschmetternd verlaufen. Bei früheren Treffs habe er insgeheim stets gedacht, er kehre zurück zu jenen, die hängen geblieben seien in der langweiligen Provinz – während er selbst als Gutverdiener ja im aufregenden Frankfurt lebe.

Aber heute? „Da arbeitet kaum einer länger als fünf, die Häuser sind fast abbezahlt, es gibt massig Schulplätze, die Großeltern betreuen die Kinder – und ich kloppe 60-Stunden-Wochen, um mir die 1600 Euro Kaltmiete und die Babysitter leisten zu können“, so seine Klage. Er überlege nun, zurückzuziehen. Etwas, das ein anderer Bekannter von mir jüngst getan hat: Er übernimmt das Haus der verstorbenen Eltern, auch wenn nun 120 Kilometer pro Arbeitsweg anfallen. Er ist zu genervt von den Immobilienpreisen und der Schulplatzsuche.

Die aktuelle Capital
Die aktuelle Capital

Die Klagen meiner Bekannten haben – neben der mit Vorsicht zu genießenden anekdotischen Evidenz – einen sachlichen Kern: Das Phänomen der Rückwanderung dürfte uns in den kommenden Jahren immer stärker beschäftigen und auch zu einem Faktor für Immobilienmärkte werden. Erste Zahlen des Leibniz-Instituts für Länderkunde haben ermittelt, dass inzwischen jede fünfte Erwerbsperson später wieder in die eigene Heimat zurückzieht.

Auffallend: Die Rückkehrerquote ist in ländlichen Kreisen deutlich höher als der Schnitt und fällt in Metropolen wie dem Großraum München und dem Rhein-Main-Gebiet eher gering aus.

Die Immobilienpreisentwicklung ist dafür eine schlüssige Erklärung: In den letzten zehn Jahren sind die Kauf- und Mietpreise in den Metropolen Deutschlands rund dreimal so stark gestiegen wie die Einkommen. Das bringt Mieter ins Grübeln, ob die Einkommenspotenziale und die Lebensqualität der Großstadt hoch genug sind für ihren Preis.

Der Preisboom in den Metropolen bekommt Risse

Zwei weitere Trends dürften das Phänomen Rückzug zusätzlich stützen: zum einen die Erbschaftswelle, in deren Zuge derzeit rund eine Viertelmillion Objekte pro Jahr vererbt werden, naheliegenderweise oft in der alten Heimat der Erben. Zum anderen die Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt, in der Jobs mit weniger Präsenzpflicht in Büros erledigt werden können. Idealerweise tauschen Rückkehrer so das teure Großstadtleben gegen die günstigeren Alternativen – nehmen aber ihren alten Job mit.

Es wäre nicht der erste Hinweis darauf, dass die These des ewigen (Preis-)Booms der Metropolen erste Risse bekommt: Schon heute ziehen in allen Alterskohorten über 30 mehr Menschen aus Großstädten hinaus als in sie hinein. In der Provinz hingegen stabilisieren Rückwanderer den Markt. Zumal die Regionen mit den größten Rückwandererquoten einige Überraschungen bereithalten: Es sind Gegenden wie Passau, Straubing, das thüringische Eichsfeld, Saarlouis und die Region um Osnabrück.