KommentarDer neue grüne Häuserkampf

Dunke Wolken über deutschen EinfamilienhäusernIMAGO / U. J. Alexander

Es gibt zwei Sorten von Themen in unserem Land: solche, über die große Aufregung herrscht. Und solche, bei denen die Aufregung über die Aufregung parallel die Debatte bestimmt. Wenn es dann noch um das deutsche Eigenheim geht, gibt es kein Halten mehr. Was also ist diese Woche passiert, außer, dass die britische Importmutante für jede fünfte Ansteckung sorgt und wir zu Ostern wohl nicht verreisen dürfen? (Eine Anordnung zum Eierverstecken gab es noch nicht.)

Nun, der Grünen-Politiker Anton Hofreiter hatte im „Spiegel“ eine Reihe von Reflexionen über das deutsche Eigenheim angestellt. Und zwar unter anderem diese: „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr.“ Hintergrund sind Pläne eines grünen Bezirksleiters in Hamburg, in Bebauungsplänen keine neuen Einfamilienhäuser mehr auszuweisen. Ein paar Meldungen und Tweets später wurde daraus die Story, dass die Grünen – nach Schnitzel in der Kantine, Ölheizungen, SUVs und allem, was Spaß macht – nun auch noch Einfamilienhäuser verbieten wollen.

Während das publizistische Heer der Fans – sowie einige Kommunalpolitiker, die ebenso mit Zersiedelung oder Leerstand kämpfen – dem armen Hofreiter beisprangen, sah sich Grünen-Chef Robert Habeck genötigt, eine Bestandsgarantie für die deutschen vier Wände abzugeben: „Es wird Einfamilienhäuser in Deutschland weitergeben“, sagte Habeck, eine der bemerkenswertesten Klarstellungen in diesem Land seit langem.

Steilvorlage für den politischen Aschermittwoch

Und er fügte hinzu: „Das Einfamilienhaus gehört zum Ensemble der Wohnmöglichkeiten in Deutschland“, was fast schon ein wenig nach Loriot klingt. Die Grünen schoben eine Erklärung auf ihrer Homepage nach, um den Haussegen aus der Schieflage zu bringen: „Die eigenen vier Wände sind für viele Menschen wichtig – dazu gehört auch das Einfamilienhaus. Das wird es auch in Zukunft geben – so wie Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser, Mietshäuser.“ Man hätte nie gedacht, dass solche Sätze überhaupt einmal geschrieben werden müssen.

Da war sie wieder die Verbotspartei – eine Steilvorlage für den politischen Aschermittwoch, für FDP, CDU und Haus & Grund. Die Aufregung über die Aufregung breitete sich parallel aus: Man solle dieses Verbotsparteiklischee doch bitte mal lassen, Flächenfraß und Zersiedelung seien schließlich ganz reale Probleme. Abgesehen davon, dass viele dieser Neubausiedlungen auch noch ausgesprochen hässlich seien.

Die Debatte ist, wie so oft, übertrieben – und hat doch einen realen Kern. Man könnte natürlich kurz annehmen, dass viele im Schlussspurt des zweiten Lockdowns (auf den vermutlich ein dritter Lockdown speziell für die britische Mutante wartet) ausgesprochen gereizt sind und einige kurz vorm Durchdrehen stehen. Dass ausgerechnet ein Streit ums Eigenheim losbricht, während die Politik trommelt, sich bitte in eben diesem weiter zu verkriechen, ist eine, nun ja, Pandemie-Ironie.

Trotz Übertreibung sollten wir allerdings für das Protokoll in diesem Wahljahr festhalten, was manche verdrängt haben: Natürlich wird der Wille, die Welt zu retten, vor dem trauten Heim nicht halt machen. Das tut er schon seit Jahren nicht. Wer heute baut, muss Vorschriften beachten, die so dick sind wie einst der Otto-Katalog. Er muss dämmen, es gibt immer mehr „Photovoltaik-Pflichten“ und Verordnungen beim Tausch von Heizungen. Jedes Gebüsch, auch wenn es von Baggern platt gewälzt wurde, muss erhalten oder ersetzt und Steingärten zurückgebaut werden.

Das Haus ist nicht mehr heilig

Und gedanklich sitzen Leute wie Hofreiter übrigens schon auf dem Dach und rufen in den Schornstein, dass mit diesen ganzen Holzöfen, die im deutschen Wohlstandsbiedermeier für wohlige Wärme sorgen, auch bald Schluss ist. (Die Pelletheizungen, die vor zehn Jahren noch der letzte Öko-Schrei waren, gelten ja schon wieder als Schadstoffsünde – passen Sie auf, wenn Sie in sozialen Netzwerken mal in eine Feinstaub-Filterblase geraten.)

Nein, das Haus ist nicht mehr heilig, vor allem wenn es alleine steht und zu groß ist. Es wird, wie die deutsche Autoindustrie und die deutschen Dichterblicke über Landschaften, geopfert werden, für ein höheres Ziel.

Es war also alles nicht so gemeint, aber es war auch kein Ausreißer. Es ist in einem bestimmten Denken drin, das nicht Halt macht vor Eigentum, weil dies immer auch klimafressender Besitzstand ist. Schließlich, so der Wille, müssen sich alle ändern, alle Opfer bringen, und da darf es keine Denkverbote geben. Die neue grüne Bürgerlichkeit hat ihren radikalen Kern nie abgelegt, es gibt sogar Parteitagsbeschlüsse der Grünen von 2019, in denen vorgerechnet wird, wie viel Sand und Kies ein Haus verbraucht.

Die Vordenker von „Fridays for Future“ (FFF) haben die Quadratmetergröße für Wohnungen übrigens längst im Programm, will heißen: Auch die Altbauwohnung ist nicht mehr sicher – in denen sich Bigotterie und Stuckdicke bekanntlich proportional zueinander verhalten.

„Wie viel Wohnfläche ist genug?“, diese Frage hatte FFF in einer Studie aufgeworfen und eine Antwort gefunden: 1960 hätte jeder Deutsche im Durchschnitt 19 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung gehabt, inzwischen seien es 47, es wird also viel zu viel Fläche beheizt. Diesen Zuwachs „zu begrenzen und im Idealfall umzukehren wäre ein starker Hebel zur Emissionsminderung“. Ergo, so FFF: Mehrgenerationen-Wohnungen und ein „generationenübergreifender Tausch von Wohnungen“ könnten den Anstieg der Wohnflächen stoppen. Was man vielleicht sogar über Airbnb organisieren könnte.

Der Wandel macht nicht vor der Haustür halt

Falls bei dem einen oder anderen bei der „Zuweisung von Wohnraum“ irgendwo etwas im Gedächtnis klingelt, dann lassen Sie es klingeln, Sie liegen richtig. Ja, Hofreiter hat es nicht so gemeint, und natürlich wurde er verzerrt wiedergegeben. (Was zu jeder Debatte dazugehört.) Aber ihm ist nur entlockt worden, worum es mittelfristig geht, weil dies nun mal der Grundkonflikt ist: Jeder Atemzug ist, zugespitzt gesagt, am Ende auch ein Stück Weltuntergang.

Wenn es gut läuft, wird die Rettung über die KfW gefördert, und wenn alles nicht schnell genug geht, muss halt auch mal was verboten werden. Verbote sehe ich nicht per se als Teufelszeug. Sie sind neben Anreiz und Regulierung seit jeher in der Umwelt- und Klimapolitik eines der Mittel. (Hey, ich bin mit Katalysator und FCKW aufgewachsen.) „Zur Not wird es über Verbote laufen müssen“, das sagte mir vergangenen Sommer eine hochrangige und hochgehandelte Grüne in einem Berliner Restaurant, in dem es ironischerweise die besten Schnitzel außerhalb Wiens geben soll.

Wenn Sie also gerade planen, wegen Corona, Homeoffice und so, den neuen Traum im Grünen (nicht der Grünen) zu suchen, dann machen Sie schnell.

Die Lehre aus dem Streit um Einfamilienhäuser ist nicht die, dass Anton Hofreiter falsch verstanden oder zitiert wurde – zumal er mit der Schieflage und Unwucht auf dem deutschen Immobilienmarkt und der Zersiedelung bedenkenswerte Probleme angesprochen hat.

Die Lehre ist, dass der „Wandel“ Richtung Zukunft, den manche Menschen in diesem Land erreichen und eben auch erzwingen wollen, nicht vor unserer Haustür halt machen wird. Er macht es auch nicht vor unserer Sprache, nicht vor den Fabriktoren, nicht vor unseren Büros, nicht auf dem Weg zur Arbeit, nicht in den Kitas und Kantinen, nicht: vor unserem Wohlstand. Es steht jedem frei, so etwas zu fordern – genauso wie es jedem freisteht, sich darüber aufzuregen und es abzulehnen.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden