Interview„Der Handwerker sagt: Das war ich nicht“

Peter Sohn, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Baurecht im Deutschen Anwaltverein, ist Partner der Kanzlei Heimann Hallermann in Hamm/Westfalen
Peter Sohn, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Baurecht im Deutschen Anwaltverein, ist Partner der Kanzlei Heimann Hallermann in Hamm/WestfalenHenning Ross

Herr Sohn, Sie sind einer der bekanntesten Fachanwälte für Baurecht im Land und vertreten Mandanten, die sich beim Hausbau oder Wohnungskauf geprellt fühlen. Wenn die Leute bei Ihnen im Büro sitzen, denken Sie dann manchmal: Mein Gott, warum bist du nicht eher gekommen?

PETER SOHN: Viel zu häufig. Ich komme mir manchmal vor wie ein Gerichtsmediziner: Man weiß vieles besser, nur leider fünf Minuten zu spät.

Das sagen Sie den Leuten aber nicht ins Gesicht.

Doch, natürlich erläutere ich die Fehler und Probleme, weil ich mir wünsche, dass die Mandanten es dann besser wissen.

Sie haben in Tausenden Konflikten vermittelt. Gibt es einen gemeinsamen Nenner bei all diesen Fällen?

Leider ja. Die Leute stürzen sich in das Abenteuer Hausbau oder Hauskauf, als gäbe es kein größeres Vergnügen.

Können Sie sich das erklären?

Ich glaube, das viele Geld macht die Leute leichtsinnig. Nie wurde in Deutschland so viel Vermögen vererbt, nie waren Kredite so billig, quasi umsonst. Und zu Immobilien existiert kaum noch eine Alternative als Geldanlage, also kaufen die Leute Betongold – oder das, was sie dafür halten. Hinzu kommt die Euphorie, in den Kreis der Immobilienbesitzer aufzusteigen. Da tritt die Vorsicht in den Hintergrund.

Dabei gibt es ja kaum eine kompliziertere Entscheidung als den Kauf einer Wohnung oder den Bau eines Hauses. Allein die Begriffe in den Verträgen und Vorschriften verstehen die wenigsten.

Deshalb: Lassen Sie sich beraten!

Zum Beispiel von einem Anwalt aus Hamm?

Ich sage das nicht, weil ich meinen Kollegen und mir mehr Umsatz zuschanzen möchte. Zumal die Gebühren in einem Gerichtsverfahren deutlich höher sind als das Beratungshonorar für eine Vertragsprüfung. Aber was sind 2000 Euro für einen Anwalt oder Gutachter im Vergleich zu einer halben Million, die Hauskäufer über 30 Jahre abstottern?

Die Leute sparen also zu oft an der falschen Stelle?

Ja. Nicht jeder kann Jurist oder Bauingenieur sein. Und wer es nicht ist, übersieht schnell kleine, aber entscheidende Dinge. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Hauskäufer zog einmal bis vor den Bundesgerichtshof. Er hatte sich eine Neubauvilla geleistet, innen mit Marmor bis unter die Decke, Luxus pur. Aber als er einzog, stellte er fest: Er hört im ganzen Haus den Lärm aus den Nachbarzimmern und den anderen Etagen – weil der Schallschutz viel zu gering war.

Ein Baumangel?

Nicht im eigentlichen Sinne. Im Kaufvertrag stand, der Schallschutz in der Villa sollte einer bestimmten DIN-Norm entsprechen. Dummerweise bezeichnete diese DIN aber nur den Mindestschallschutz, den die Baufirma auch verbaut hatte. Aber ohne genauere Kenntnisse konnte der Käufer unmöglich erkennen, dass nur von Mindestschallschutz die Rede war.

Wie haben die Richter entschieden?

Im Sinne des Käufers. Wenn man ein luxuriöses Haus bauen lässt, darf der Bauherr davon ausgehen, dass der Schallschutz der restlichen Ausstattung entspricht. Glück gehabt. Diesen Ärger hätte der Bauherr vermeiden können, wenn er vorher einen Profi gebeten hätte, den Vertrag zu prüfen.