Interview„Das Haus fürs Leben ist Geschichte“

Typsache: In welcher Umgebung man sich wohlfühlt ist individuell sehr verschieden, sagt Marcus MenzlRoman Pawlowski

Wie wollen Menschen wohnen? Diese Frage beschäftigt den Soziologen Marcus Menzl. Für zahlreiche Forschungsprojekte hat er Menschen nach ihrem Zuhause befragt, in der Hamburger Hafencity verantwortete er zehn Jahre lang die Planung sozialer Einrichtungen wie Schulen, Kitas und öffentliche Parks, um das neue Stadtviertel an der Elbe lebenswert zu machen. Seit 2017 lehrt Menzl als Professor für die Soziologie der gebauten Umwelt an der TH Lübeck.

Herr Menzl, Sie erforschen, wie Menschen leben wollen, indem Sie Familien in ihren Wohnräumen befragen. Gibt es einen Satz, den Sie dabei besonders oft gehört haben?

MARCUS MENZL: Hmm… Ja, gibt es: „Wir sind hier versackt.“

Merkwürdiger Satz.

Aber ganz treffend. Da steckt viel drin.

Zum Beispiel?

Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben. Dinge, die anders kamen als gedacht. Ein gewisses Bedauern. Oft ist ein neues Zuhause ja ein Kompromiss aus ganz vielen Faktoren wie Preis, Lage und Größe. Viele Menschen ziehen ein und sagen sich, es sei nur für eine gewisse Zeit – in ein paar Jahren ziehen wir woanders hin. Und dann stellt man irgendwann fest: Wir wohnen ja immer noch hier!

Versacken kann gut und schlecht sein.

Richtig. Man kann sein Glück gefunden haben, weil man sich der neuen Umgebung angepasst hat. Oder man hadert mit ihr, hat sich aber abgefunden, weil man keine Alternative sieht. Beides steckt im Versacken drin.

Fangen wir mal vorn an: In welchem Alter wissen Menschen, wie sie leben möchten?

Schon Kinder entwickeln eine Vorstellung davon. Aber die verändert sich natürlich im Laufe eines Lebens immer wieder.

Man sagt doch, die Deutschen suchten ein Haus fürs Leben.

Früher war das vielleicht so. Da gab es diese lineare Vorstellung: Ausbildung, Arbeit, irgendwann gründet man eine Familie, und am Samstag gehört der Papi mir. Dazu gehörte, dass man in ein Haus fürs Leben zog – und dort blieb, bis andere einen raustrugen.

Sie meinen, das ist vorbei?

Ja, das Haus fürs Leben ist Geschichte. Die Lebensentwürfe sind vielfältiger geworden, und das spiegelt sich im Wohnen. Die Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Freunden sind unschärfer geworden. Alles soll irgendwie zusammen möglich sein. Deshalb sagen viele Menschen: Meine Wohnung muss zu meinem Leben jetzt gerade passen – und später kann es ganz anders sein.

 


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Die Wohnung ist Teil der Persönlichkeit.

Unbedingt, ja. Wie ich wohne, ob Haus oder Wohnung, Altbau oder Neubau, Etagenwohnung oder Dachgeschoss, ist heute viel mehr als früher Ausdruck meiner Identität. Wohnen muss heute ganz individuell sein. Das sieht man schon daran, wie die Menschen Wohnungen suchen.

Wie denn?

Unglaublich kleinräumig, wie unsere Befragungen zeigen. Wer heute in Hamburg eine Wohnung sucht, sagt nicht: 80 Quadratmeter für 1200 Euro warm. Die Leute gucken auch nicht einfach nach Stadtteilen wie Ottensen oder Eimsbüttel, sondern suchen nach ganz bestimmten Straßen, und dann auch nur Dachgeschoss. Wir sind unglaublich wählerisch geworden.

Woran liegt das?

An den Erfahrungen, die wir sonst so im Leben machen. Wie viele Beziehungen halten heute noch ein Leben lang, wer bleibt ewig bei einem Arbeitgeber? Jobwechsel sind völlig normal, sie sind Teil des sozialen Aufstiegs. Und so verhalten wir uns auch mit unseren Wohnungen und Häusern.

Wie wichtig ist die eigene Kindheit für die Frage, wo man wohnen möchte?

Die spielt eine große Rolle. Wir sprechen vom biografischen Zirkelschluss: Man ist selbst in einer ländlichen Umgebung, in einer Einfamilienhaussiedlung in einem Vorort groß geworden und möchte das auch den eigenen Kindern bieten.

…oder genau das Gegenteil?

Das gibt es auch: Um Gottes willen, bloß nicht noch mal raus aufs Land oder in die Vorstadt – das tue ich meinen Kindern nicht an.

Sie haben über viele Jahre hinweg bei Familien auf dem Sofa gesessen. Was haben Sie da zu hören bekommen?

Ich habe zum Beispiel junge Familien in Henstedt-Ulzburg befragt, nördlich von Hamburg, sehr beliebt. Da haben viele argumentiert: Wir werden größer, wir brauchen mehr Platz, die Luft ist besser, die Natur so schön, die Stadt unbezahlbar für Familien, die Schulen sind hier auch besser – also machen wir jetzt das, zumindest bis die Kinder wieder aus dem Haus sind.

Der Beitrag ist erschienen im Capital-Soderheft „Der große Traum vom Haus“. Bestellen können Sie es im Capital Shop
Der Beitrag ist erschienen im Capital-Soderheft „Der große Traum vom Haus“. Bestellen können Sie es im Capital Shop (Foto: R. Pawlowski)

Wie muss man sich solche Gespräche vorstellen?

Meistens kam ich abends, wenn der Mann wieder zu Hause und die Kinder im Bett waren. Ich saß da mit meinem Aufnahmegerät und kam manchmal eine Viertelstunde nicht zu Wort.

Warum?

Ich habe erlebt, wie sich Paare vor meinen Augen in die Haare bekamen. Die Frau schilderte ihren Alltag, und wenn der Mann sich einmischte, sagte sie: Du bist doch oft gar nicht da, du bekommst das gar nicht mit. Ein andermal sagte mir ein Mann: Wenn ich meiner Frau so zuhöre, denke ich, wir leben jetzt wie in so einem schlechten Film. Die Paare, das merkte ich, reflektierten in diesen Gesprächen manchmal zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihre Entscheidung.

Kam es vor, dass einer sagte: Das war doch deine Idee, du wolltest das unbedingt?

Manchmal. Obwohl die Entscheidung, wo man wohnen will, noch dazu als Familie, so weitreichend ist, treffen viele sie ziemlich unüberlegt und aus dem Bauch heraus.

Führt die Landflucht immer zur Ehekrise?

Natürlich nicht, aber es kommt vor: Einmal habe ich ein junges Paar in Uetersen getroffen, das hatte sich bei Wochenendausflügen in eine alte Scheune verliebt. Gekauft, renoviert, tolles Projekt, die Freunde in der Stadt waren ganz neidisch und sagten, sie kämen jedes Wochenende zu Besuch. Und, was war? Der Mann pendelte in die Stadt, die Freunde kamen einmal, dann nicht mehr – und die Frau guckte die Schafe an. Nichts davon ist unvermeidbar, aber man sollte wissen, was auf einen zukommt.

Was sind typische Probleme?

Neue Nachbarn, neugierige Blicke, mehr soziale Kontrolle, vielleicht andere politische Vorstellungen, oft eine schlechtere Betreuungssituation für Kinder. Meist steigt die Frau aus dem Job aus, der Mann pendelt. Der Umzug aufs Land verstärkt Rollenklischees.

Wer trägt dabei die Hauptlast?

Beide. Der Mann, weil es noch mehr auf sein Einkommen ankommt und er den Stress mit der Pendelei hat. Die Frau, weil sie aus ihrem Leben aussteigt und dafür sorgen muss, dass die Familie ankommt. Die Frauen habe ich oft bewundert. Eine Mutter erzählte mir, dass sie ihr gesamtes Leben aufgegeben hatte. Die hat sich dann angeschaut, was im neuen Wohnort fehlt – und einen Trainerschein für den örtlichen Sportverein gemacht. Am Ende war die Organisation des Vereins ihr Job.

War sie unglücklich?

Im Gegenteil, die war super vernetzt und wirklich angekommen. Aber das kann nicht jeder, dafür muss man offen sein und sich auf andere Leute einlassen.

Sie sagen, man soll sich gut überlegen, was der Umzug aufs Land bedeutet. Aber die meisten haben doch gar keine Wahl, wenn sie Platz für ihre Familie brauchen.

Im Idealfall probiert man es aus: drei, vier Monate rausziehen und gucken, ob man mit dem Leben klarkommt. Das ist schwer, aber es geht. Ich habe das öfter von älteren Leuten gehört, hier in der Hafencity in Hamburg…

…die Sie mit geplant haben.

Die wollten vom Land zurück in die Stadt, haben aber gesagt: Bevor ich das mache, will ich es erst ausprobieren. Die sind dann hier für ein paar Tage oder Wochen hergezogen.

Der Umzug aus der Stadt raus aufs Land lässt sich schwerer ausprobieren.

Dann sollte man wenigstens alle Vor- und Nachteile sehr offen besprechen. Schlimm sind Entscheidungen aus dem Bauch heraus: Das Haus muss es sein! Und zack hat man sich mit einer halben Million verschuldet und stellt vier Jahre später fest: Mist, das war es doch nicht. Das ist schon grob fahrlässig.

Liegt es an dieser Gefahr, dass viele junge Familien eher in der Stadt bleiben wollen?

Sicher, wenn man etwa in Hamburg studiert hat, hier seine Freunde und seinen Job hat, fällt einem so ein Umzug schwer. In der Stadt lässt sich alles leichter miteinander verbinden, selbst wenn man später Kinder hat. Daher auch diese neuen Townhouse-Siedlungen und abgeschlossenen Wohnblöcke, die ein Vorort-Idyll mitten in der Stadt schaffen, mit Gärten und verkehrsberuhigten Privatstraßen, Sicherheit und Privatsphäre.

Wobei solche Siedlungen nur für eine kleine Elite erschwinglich sind.

Stimmt, aber auch junge Familien, die sich diesen Luxus nicht leisten können, ziehen deshalb nicht zwangsläufig in die Einfamilienhaus-Vorortsiedlung. Viele bleiben lieber in ihrer eigentlich zu kleinen Mietwohnung, um nur ja in der Stadt leben zu können. Und kaufen sich fürs Wochenende vielleicht ein Häuschen draußen auf dem Land, einen alten Bauernhof oder eine Scheune.

Ist das der Kompromiss zwischen Stadt und Land?

Es ist der Kompromiss zwischen Land, Natur, Rückzug und Privatheit auf der einen Seite – und Stadt, Arbeit, Freunden, Kultur und Freizeit auf der anderen. Ich glaube, diese „Vier Tage Stadt, drei Tage raus“-Modelle werden noch deutlich zunehmen.

Neben Stadt oder Land lautet die andere große Frage: kaufen oder mieten?

Natürlich verspricht mir eine Mietwohnung mehr Flexibilität, man bindet sich nicht so sehr. Für viele ist das auch eine Budgetfrage: Man findet ja in der Stadt heute kaum noch bezahlbare Wohnungen zum Kaufen. Generell wäre ich mit Eigentum in ländlichen Regionen und den nicht ganz so gut angebundenen Einzugsgebieten der Großstädte vorsichtig. Hier würde ich nicht damit rechnen, dass die Preise einfach weiter steigen werden. Umgekehrt gilt in den zentralen Lagen der Großstädte, dass Käufer hier kein großes Risiko eingehen – hier bleibt Wohneigentum sehr stabil im Wert.

Viele Menschen scheuen auch die große Investition, die Bindung an und Verantwortung für ein Haus.

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob man sich als Eigentümer stärker an eine Immobilie bindet. Ja, man hat die Sorgen um den Wertverlust und muss den Kredit abzahlen – aber ich glaube, ob man sich dauerhaft an eine ­Immobilie bindet, hängt heute von anderen Dingen ab: ob man sich dort wohlfühlt, ob man Freunde findet, ob man in der Nachbarschaft ankommt – und ob die Immobilie wirklich zu einem passt.

Und wie findet man am besten heraus, was zu einem passt?

Schwierige Frage. Die Suche nach dem richtigen Ort, der richtigen Wohnung ist ein hochkomplexer Prozess. Da geht es viel um das Bild, das ich von mir selbst habe und abgeben möchte – und zugleich um die Frage, wo ich wirklich glücklich und zufrieden bin. Das ist nicht immer deckungsgleich. Man kann sich dabei überfordern. Manche Menschen sagen, sie wollten gern auf dem Land leben – wa­rum auch immer. Und stellen später fest: Das passt gar nicht zu mir.

Aber wie kann man sich darüber vorher klar werden?

Am besten, indem man es ausprobiert. Und sich Zeit nimmt, die Dinge wirklich gründlich zu prüfen. Und wenn man feststellt, dass es ein Fehler war: korrigieren. Die Suche nach dem richtigen Ort ist ein Prozess, an dem man wachsen muss.

 


Der Beitrag ist erschienen im Capital-Soderheft „Der große Traum vom Haus“. Bestellen können Sie es im Capital Shop