Interview„Das Haus fürs Leben ist Geschichte“

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Wie wichtig ist die eigene Kindheit für die Frage, wo man wohnen möchte?

Die spielt eine große Rolle. Wir sprechen vom biografischen Zirkelschluss: Man ist selbst in einer ländlichen Umgebung, in einer Einfamilienhaussiedlung in einem Vorort groß geworden und möchte das auch den eigenen Kindern bieten.

…oder genau das Gegenteil?

Das gibt es auch: Um Gottes willen, bloß nicht noch mal raus aufs Land oder in die Vorstadt – das tue ich meinen Kindern nicht an.

Sie haben über viele Jahre hinweg bei Familien auf dem Sofa gesessen. Was haben Sie da zu hören bekommen?

Ich habe zum Beispiel junge Familien in Henstedt-Ulzburg befragt, nördlich von Hamburg, sehr beliebt. Da haben viele argumentiert: Wir werden größer, wir brauchen mehr Platz, die Luft ist besser, die Natur so schön, die Stadt unbezahlbar für Familien, die Schulen sind hier auch besser – also machen wir jetzt das, zumindest bis die Kinder wieder aus dem Haus sind.

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Der Beitrag ist erschienen im Capital-Soderheft „Der große Traum vom Haus“. Bestellen können Sie es im Capital Shop (Foto: R. Pawlowski)

Wie muss man sich solche Gespräche vorstellen?

Meistens kam ich abends, wenn der Mann wieder zu Hause und die Kinder im Bett waren. Ich saß da mit meinem Aufnahmegerät und kam manchmal eine Viertelstunde nicht zu Wort.

Warum?

Ich habe erlebt, wie sich Paare vor meinen Augen in die Haare bekamen. Die Frau schilderte ihren Alltag, und wenn der Mann sich einmischte, sagte sie: Du bist doch oft gar nicht da, du bekommst das gar nicht mit. Ein andermal sagte mir ein Mann: Wenn ich meiner Frau so zuhöre, denke ich, wir leben jetzt wie in so einem schlechten Film. Die Paare, das merkte ich, reflektierten in diesen Gesprächen manchmal zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihre Entscheidung.

Kam es vor, dass einer sagte: Das war doch deine Idee, du wolltest das unbedingt?

Manchmal. Obwohl die Entscheidung, wo man wohnen will, noch dazu als Familie, so weitreichend ist, treffen viele sie ziemlich unüberlegt und aus dem Bauch heraus.

Führt die Landflucht immer zur Ehekrise?

Natürlich nicht, aber es kommt vor: Einmal habe ich ein junges Paar in Uetersen getroffen, das hatte sich bei Wochenendausflügen in eine alte Scheune verliebt. Gekauft, renoviert, tolles Projekt, die Freunde in der Stadt waren ganz neidisch und sagten, sie kämen jedes Wochenende zu Besuch. Und, was war? Der Mann pendelte in die Stadt, die Freunde kamen einmal, dann nicht mehr – und die Frau guckte die Schafe an. Nichts davon ist unvermeidbar, aber man sollte wissen, was auf einen zukommt.

Was sind typische Probleme?

Neue Nachbarn, neugierige Blicke, mehr soziale Kontrolle, vielleicht andere politische Vorstellungen, oft eine schlechtere Betreuungssituation für Kinder. Meist steigt die Frau aus dem Job aus, der Mann pendelt. Der Umzug aufs Land verstärkt Rollenklischees.

Wer trägt dabei die Hauptlast?

Beide. Der Mann, weil es noch mehr auf sein Einkommen ankommt und er den Stress mit der Pendelei hat. Die Frau, weil sie aus ihrem Leben aussteigt und dafür sorgen muss, dass die Familie ankommt. Die Frauen habe ich oft bewundert. Eine Mutter erzählte mir, dass sie ihr gesamtes Leben aufgegeben hatte. Die hat sich dann angeschaut, was im neuen Wohnort fehlt – und einen Trainerschein für den örtlichen Sportverein gemacht. Am Ende war die Organisation des Vereins ihr Job.

War sie unglücklich?

Im Gegenteil, die war super vernetzt und wirklich angekommen. Aber das kann nicht jeder, dafür muss man offen sein und sich auf andere Leute einlassen.