Gastbeitrag5 Gründe für die Enttechnisierung des Hauses

Eine Wärmepumpe steht vor einem Fertighaus
Eine Wärmepumpe steht vor einem Fertighausdpa

Neubauten sind heute regelrechte Technikzentren, die für Klimaschutz und Komfort gleichermaßen sorgen sollen. Ob smartes Wohnen mit komplexer Gebäudeautomatisation oder aufwändige Heizverfahren fürs effiziente Raumklima ‒ vom Keller bis zum Dachboden ist Technik der Taktgeber unseres modernen Wohnalltags geworden. Dabei verliert das Heizen zunehmend an Bedeutung, weil die Winter immer milder werden. Das Kühlen hingegen, das angesichts vermehrter extremer Hitzeperioden von Jahr zu Jahr wichtiger wird, verursacht drei Mal so viel Kosten pro Kilowattstunde wie die Wärmeerzeugung.

Im Bestreben, mit hochgedämmten Gebäuden und ausgefeilten Technologien den Energieverbrauch und die Betriebskosten zu senken, haben wir beim Haus- und Wohnungsbau in den letzten Jahren gleichzeitig für zusätzliche Kostenfaktoren gesorgt. Denn die auf Effizienz getrimmten Gebäude benötigen kontrollierte Be- und Entlüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung. Das Verhältnis von Aufwand und Nutzen gerät dabei in Schieflage.

Die dritte Miete neben Kalt- und Warmmiete wird hingegen zunehmend zur echten Budgetbelastung für die Bewohner, nämlich die Kosten für Wartung und Instandhaltung der komplexen verbauten Technik. Eines ist schon jetzt klar: Die dritte Miete wird künftig die eingesparten Energiekosten weit übertreffen. Ein starker Rebound-Effekt ist die Folge. Und hier verstecken sich für Wohneigentümer die größten Kostenfallen:

  • Hohe Kosten beim Bau: Die Gebäudetechnik ist heute einer der größten Kostentreiber beim Neubau. Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Heizkreisverteilungen, Regler, die mit Wettervorhersage arbeiten, Warmwasserboiler und Zirkulationen schlagen bereits beim Bau eines Einfamilienhauses mit bis zu 35.000 Euro Kosten zu Buche. Die Energiekosten für Heizung und Warmwasser liegen im Betrieb später bei ungefähr 700 Euro jährlich. Doch die Kosten zur Kühlung liegen pro Kilowattstunde dreimal so hoch.
  • Kurze Lebensdauer der Anlagen: Traurig, aber wahr: Die verbaute Haustechnik ist immer weniger langlebig. In den technischen Systemen nehmen die Sollbruchstellen zu. Während ein Heizkessel früher 50 Jahre lang hielt, gibt er heute etwa nach der Hälfte der Zeit den Geist auf. Die Widerstandsfähigkeit von Material und Maschine nimmt vielerorts ab. Notwendige Reparaturen oder Neuanschaffungen treiben entsprechend die Kosten in die Höhe.
  • Hoher Stromverbrauch für unnötigen Komfort: Ob timergesteuerte Beleuchtung, Sensoren, die die Anwesenheit messen, automatische Bewässerungsanlagen oder der schlichte Betrieb komplexer Technologieketten – das vielbeschworene moderne Wohnen kostet mehr Strom, als mancher meint. Der Stromverbrauch für die vielen eingesetzten Geräte und Vorrichtungen kann überraschend explodieren und das Haushaltsbudget nachhaltig belasten.
  • Zunehmender Handwerkermangel: Das Haus oder die Wohnung ist nach den neuesten gebäudetechnischen Kriterien errichtet, der Betrieb aufgenommen. Doch bei der ersten notwendigen Wartung der verbauten Anlagen tut sich ein Dilemma auf: kein Handwerker ist verfügbar. Erst recht keiner, der sich mit der komplexen, zu wartenden Technik wirklich auskennt. Wir leiden über alle Branchen hinweg hierzulande unter akutem Handwerkermangel. Das führt nicht nur zu langen Wartezeiten bei Instandhaltung und Reparatur, sondern auch zu erhöhten Preisen für abgerufene Leistungen.
  • Digitalisierung der Warm- und Kaltwasserzähler: In Deutschland werden die Zähler für den Wasserverbrauch spätestens alle sechs Jahre ausgetauscht. In keinem anderen europäischen Land gibt es ähnlich kurze Eichfristen. Mit der neuen Generation der sogenannten Smart Meter soll ab 2020 das Ablesen der Verbrauchswerte digitalisiert werden. Doch die neuen digitalen Wasser- und Wärme-Ablesesysteme verursachen doppelt bis drei Mal so viel Kosten wie bisher für ihre Nutzer.

Viele gute Gründe also, um innezuhalten und unsere Betrachtungsweise modernen Bauens zu überdenken. Statt die dynamischen Entwicklungen von Klima und Wetter weiter zu ignorieren und Gebäude als abgekoppelte Warmluftbehälter zu betrachten, sollten wir die Energetik und Gebäudetechnik daran anpassen. Und ebenso gilt es zu hinterfragen, wie viel Technik wir fürs Wohlgefühl beim Wohnen wirklich brauchen. Weniger Aufwand, solideres Material und einfachere Verfahren könnten erheblich dazu beitragen, Kosten einzusparen und die dritte Miete zu reduzieren. Eines ist sicher: Wartungsfreiheit schenkt am Ende mehr als die freie Wahl beim Programmmodus.


Als Ingenieur und Handwerker hat Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld selbst viel Technik im Hausbau geplant und eingebaut. Mit der Entwicklung energieautarker Gebäude und neuen Geschäftsmodellen zur Nutzung dieser Gebäude leistete der Freiberger bereits Pionierarbeit auf dem Sektor der Wohnungswirtschaft. Derzeit forscht er am „enttechnisierten“ Haus. Bereits 2020 will Leukefeld sein Pilotprojekt eines weitgehend enttechnisierten Mehrfamilienhauses vorstellen. Mehr Informationen unter www.timoleukefeld.de